Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur"
und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:
Untaten & Orte
5/08
Die Krimikolumne
von Michael Schweizer
Drei Typen
Was sagen türkische Krimis über die Türkei?

Krimis sind, in jeweils unterschiedlichem Grad, realistisch und unrealistisch. Letzteres, weil gut erfundene Verbrechen unterhaltsamer sind als viele wirkliche; Ersteres, weil die meisten Krimischreiber zeigen wollen, dass sie wissen, was in ihrer Heimat läuft. Türkische Krimis sind, wie andere auch, keine prinzipiell verlässlichen Spiegel der Wirklichkeit. Aber was sie enthalten, ist ihren Verfassern zu dem Land eingefallen, in dem sie leben.
Krimischreiber lesen international und schreiben auch so. Daher kann man türkische Krimis in drei Typen einteilen, die auch anderswo vorkommen: den Politkrimi, den Hardboiled-Krimi und den Frauenkrimi. Außer Konkurrenz läuft viertens der deutsche Krimi mit. Natürlich wäre diese Einteilung lächerlich, wenn man vergäße, dass die ersten drei Typen bloß gemischt existieren und dass es noch andere gibt. Sie soll nur andeuten, worum es in türkischen Krimis geht.

Der Politkrimi: In den 70er Jahren war die Türkei nahe am Bürgerkrieg. Rechte und linke Gruppen ermordeten wohl insgesamt über 5000 Beteiligte und Unbeteiligte. In dieser Situation putschte sich am 12. September 1981, wie schon 1960 und 1971, das Militär an die Macht und verfolgte vor allem Linke und Separatisten. Tausende Menschen wurden gefoltert, mindestens 49, vielleicht aber über 200 starben daran. 50 Angeklagte wurden nach Urteilen hingerichtet, zehntausende Mitarbeiter aus politischen Gründen entlassen. Irgendwann in diesen Jahren setzt Ahmet Ümits zweiter Roman Nacht und Nebel (original 1996) ein. Er reicht, wie man gegen Ende erfährt, bis in die 90er Jahre. Seit 1983 wurde in der Türkei wieder gewählt. In
Nacht und Nebel ist die Macht der Folterer aber am Schluss nicht gebrochen.
Der Geheimdienstler Sedat, der den Roman erzählt, sucht Mine, seine junge Geliebte. Außer mit ihm war sie auch mit Fahri zusammen, einem linken Militanten, der im Gefängnis der Gewalt abgeschworen und sich der Literatur zugewendet hat. Sedat weiß, dass diese Verbindung Mine das Leben gekostet haben kann, denn Geheimdienst, Polizei und Militär foltern auch Unschuldige.
Lange Zeit gab es in der Türkei viele übersetzte, aber nur wenige einheimische Krimis.
Ahmet Ümit, Jahrgang 1960, zählt zu den Autoren, die seit Anfang der 90er Jahre dazu beigetragen haben, dass plötzlich türkische Krimis die Buchhandlungen überschwemmten und auch reichlich gekauft wurden. In Ümits Romanen kommt vieles vor, was in den Zeitungen im Politikteil steht: das Militär, der Kemalismus, staatlicher, kurdischer und islamistischer Terror. Aber zum Glück ebenso das, was auch vor und nach den dunkelsten Jahren Alltag war: arrangierte und nicht arrangierte Ehen, Liebesgeschichten, türkisches Familienleben, Essen, Literaturzeitungen und unpolitische Kriminalität.
Literarisch schreiben konnte Ümit erst, als er die kommunistischen Parteidogmen abgelegt hatte. Seither gelingen ihm bunte, gebrochene Figuren wie Sedat. Der Geheimdienstler ist nicht nur Folterknecht, sondern auch als Ehebrecher leidenschaftlich, als Vater fürsorglich und als Ehemann verlässlich. Eine Weltanschauung, die das komplett erklären würde, gibt es nicht.

Der Hardboiled-Krimi: Auch
Celil Oker hat den neuen türkischen Krimi im In- und Ausland erfolgreich gemacht. Mit seinem damals noch unveröffentlichten Debüt
Schnee am Bosporus (1999) gewann der journalistisch erfahrene Werbeagentur-Leiter den "Kaktus", das ist der erste türkische Krimipreis. Dunkle Geschäfte am Bosporus nun ist der fünfte Krimi um den Istanbuler Privatdetektiv Remzi Ünal. Zu dem kommt die Geschäftsfrau Muazzez Güler und beauftragt ihn, von dem jungen Sinan Bozacioglu Geld einzutreiben, das er ihrer Computerfirma schuldet. Das ist nicht die Art Auftrag, die Ünal mag, aber die Wirschaftskrise beutelt ihn schwer. Außerdem weiß Muazzez Güler, dass mit seiner Zulassung etwas nicht stimmt, und ihr Mann Kadir, ein Bezirkspolitiker, weiß das auch. Wenig später wird Muazzez ermordet.
Celil Oker merkt man besser an als Ahmet Ümit, wen er gerne gelesen hat: Dashiell Hammett und Raymond Chandler. Remzi Ünal ist als türkischer Vertreter des hartgesottenen Privatdetektivs amerikanischen Ursprungs angelegt: illusionslos, abgebrannt, attraktiver Single, moralisch, aber mit schmutzigen Händen. Davon ist Ünal, wohl gegen die Absicht seines Erfinders, eine weichgespülte Ausgabe. Sein Sarkasmus wirkt etwas künstlich: "Die Anzahl der Menschen, die an meiner Tür klingelten, war geringer als die der vernünftigen Sendungen im Fernsehen." Man hört die Vorbilder, die sich aber nicht kopieren lassen.
Celil Okers Istanbul ist eine moderne Stadt. Niemand hat Angst, aus politischen Gründen gefoltert zu werden. Frauen machen Geschäfte, Männer Aikido. Der politisch-wirtschaftliche Betrieb ist ungefähr so korrupt wie in den mittelguten Demokratien Italien, Frankreich und Deutschland. Wenn das ein Grund wäre, nicht in die EU zu dürfen, wären wahrscheinlich nur die Skandinavier drin.

Frauenkrimi ist sonst ein böses Wort. Hier soll ohne Herablassung damit gemeint sein, dass
Esmahan Aykols Scheidung auf Türkisch (2007) unter anderem von Themen handelt, die in Zeitschriften wie der Brigitte zur Sprache kommen: Butux, Abnehmen, Sternzeichen - wenn sich die Hauptfigur auch um der intellektuellen Korrektheit willen von Letzteren distanziert; dazu die Frage, ob eine Mittvierzigerin besser einen jungen animalischen Liebhaber haben sollte oder einen Gleichaltrigen, mit dem sie auch reden kann. Auch der Stil wendet sich an nicht auf Bücher trainierte Leserinnen: Er ist klar und unelegant, weil nichts zwischen den Zeilen steht, sondern alles darin, einiges, damit es jede kapiert, auch mehrmals.
Scheidung auf Türkisch ist der dritte Roman um Kati Hirschel, die Tochter des vor den Nazis nach Istanbul geflohenen Strafrechtsprofessors Avraham Hirschel. Diesmal fängt die Krimibuchhändlerin an zu ermitteln, nachdem die Umweltaktivistin Sani Ankaraligil eines unklaren Todes gestorben ist. Verdächtig sind unter anderem ihr Mann, ihre Schwiegermutter, ihr Geliebter und die Industriellen, die den thrakischen Fluss Ergene und das Grundwasser vergiften. In den inneren Istanbuler Vierteln wohnen Leute, die Buchhandlungen und Bars zu schätzen wissen. Aus den Vorstädten kommen ungebildete Ramadan-Trommler und Bordellgänger. Die politischen Konlikte sind auch soziale.
"Ich dachte, es wird nicht mehr gefoltert", sagt Kati zu dem Polizisten Batuhan. Diesen Witz kann sie machen, weil tatsächlich nicht mehr gefoltert wird. Darin liegt der Wert von Esmahan Aykols Buch: Man kann jetzt über Istanbul einen politisch korrekten Unterhaltungsroman schreiben, ohne dass das unzulässig eskapistisch wirkt.

Ein deutscher Krimi: Drei Fäden verknüpft der 1951 geborene Rechtsanwalt und Notar
Wilfried Eggers in
Paragraf 301. Den Einstieg bildet eine Episode, die mit einem 1938 begangenen Völkermord zusammenhängt. Damals wurden auf Befehl Kemal Atatürks in der ostanatolischen Provinz Tunceli siebzig- bis hunderttausend Zaza umgebracht. In der Gegenwart spielen die zweite und die dritte Handlung: Rechtsanwalt Peter Schlüter vertritt Heyder Cengi, der sich illegal in Deutschland aufhält und am Tod eines Baustellenkontrolleurs mitschuldig ist, und Emin Gül, dem in der Türkei zwanzig Jahre Haft drohen.
Eggers hat viel riskiert. Verträgt ein Roman detaillierte Ausführungen über das deutsche Asylrecht? Kann man überhaupt Geschichte im Krimi erzählen? Die meisten historischen Romane sehen Vergangenes ja durch eine verzerrende Gegenwartsbrille. Eggers vermeidet das: Er unterscheidet zwischen Faktischem und Erfundenem so klar, dass beide sich nichts nehmen.
(erschienen in
Kommune 5/2008)
Ahmet Ümit:
Nacht und Nebel.
Roman.
Aus dem Türkischen und mit einem Nachwort von Wolfgang Scharlipp
Zürich, Unionsverlag 2008.
255 S., 9.90 Euro
Celil Oker:
Dunkle Geschäfte am Bosporus.
Ein Fall für Remzi Ünal
Aus dem Türkischen von Nevfel Cumart
Zürich, Unionsverlag 2008.
325 S., 19.90 Euro
Esmahan Aykol:
Scheidung auf Türkisch
Ein Fall für Kati Hirschel
Roman.
Aus dem Türkischen von Antje Bauer
Zürich, Diogenes Verlag 2008.
325 S., 19.90 Euro
Wilfried Eggers:
Paragraf 301
Roman.
Dortmund, Grafit Verlag 2008.
475 S., 19.90 Euro
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