Die Alligatorpapiere


Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:

Untaten & Orte
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Die Krimikolumne
von Michael Schweizer


Die Kunst des Verschwindens

Untertauchen war früher einfacher - aber es geht noch



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Privatdetektiv Easy Rawlins soll den weißen, bürgerrechtlich orientierten Anwalt Axel Bowers und seine schwarze Geliebte Philomena Cargill, genannt Cinnamon, finden, sowie einen Koffer, der Bowers angeblich nicht gehört. Bald steht Rawlins vor Bowers Leiche. Nach Cinnamon und dem Koffer muss er länger suchen.
Walter Mosleys zehnter Easy-Rawlins-Krimi Cinnamon Kiss (original 2005) spielt großteils 1966 in Watts, einem Stadtteil von Los Angeles, in dem 1965 so genannte Rassenunruhen tobten. Rawlins, schwarz, ist wie Mosleys Vater im Erstberuf Schulhausmeister. Den gefährlichen, möglicherweise korrumpierenden Fahndungsauftrag nimmt er an, weil er 35 000 Dollar für eine Schweizer Klinik braucht, die seiner Tochter Feather vielleicht das Leben retten kann. Cinnamon sucht er zunächst da, wo er sich auskennt: unter schwarzen Gangstern. Dann stößt er auf eine von Weißen beherrschte Firma, die weiter geheimhalten will, dass sie im Zweiten Weltkrieg Waffen an das Deutsche Reich verkauft hat.
In Mosleys Roman berühren sich die schwarze und die weiße Welt fast nur gewalttätig. Jede beruht in sich auf Knechtschaft, bildet aber gegen die andere eine geschlossene Front. Die schlechten Verhältnisse sind übersichtlich. Cinnamon weiß genau, warum und vor wem sie sich verstecken muss, und zu ihrem Glück war Untertauchen damals einfacher als heute. Amerikanische Hotels wollten keine Dokumente sehen. Wer irgendwo, wo ihn niemand vermutete, im Zimmer blieb, hatte gute Chancen.
So durchschaubar wie Mosleys Welt ist, so klar spricht der Icherzähler Easy Rawlins. Er sagt nur das Nötige, ohne Pathos, ohne Kargheitsmanierismus und voller Präzision: "Dreiundzwanzig Tage waren seit der Diagnose verstrichen, eine Woche länger schon, als ihr die Ärzte gaben." Mosley tut nie so, als könne man eine Szene oder ein Ambiente vollständig erfassen. Er bringt die wichtigen Details und lässt die anderen weg.
Cinnamon Kiss handelt auch davon, wie die zwei schlechten Welten sich aufeinander zu bewegen und sachte verbessern. Das liegt an Einzelnen wie Rawlins weißer Schulleiterin Ada Masters. Es liegt auch an den nicht unkomisch geschilderten Hippies: "Acid öffnet das Scheitelchakra." In der schwarzen Welt kommt das Gute, wenn es kommt, aus den Familien. Durch die Diktatur des Geldes ist es dem Bösen aber verbunden: Um Feathers Behandlung zu finanzieren, würde Rawlins einen Geldtransporter überfallen und dabei Tote riskieren. Es ist nicht die Stimme des Blutes, die ihm das rät, denn Feather ist seine "Findlingstochter". Ob er auch leibliche Kinder hat, erfährt der Leser nicht. Familie ist für Rawlins eine durch freien Entschluss geschaffene Insel in der Ausbeutung.


Brueggenthies-der-geheimnislose-junge.jpgWalter Mosley, geboren 1952 in Los Angeles, könnte das Watts der 1960er Jahre gekannt haben. Auch Stephan Brüggenthies, Jahrgang 1968, lässt seinen ersten Roman teilweise dort spielen, wo er geboren ist (Münster) und jetzt lebt (Köln). Sonst verbindet die beiden Krimis aufschlussreich wenig. Der geheimnislose Junge ist Timo Lindner, ein viel zu gebildeter, von wohlhabenden Eltern mit Kultur verschütteter 15-Jähriger. Als er verschwindet, finden der Kölner Hauptkommissar Zbigniew Meier und seine Mitarbeiter nach und nach heraus, dass er ausgerissen und dann entführt worden ist. Beides hat sich Stephan Brüggenthies ganz anders ausgedacht, als es Walter Mosley tun würde - jeder phantasiert eben nach den Vorgaben der Zeit, in der er seinen Roman spielen lässt. So zeigt der Vergleich zweier erfundener Geschichten, wie sich die Welt seit 1966 geändert hat.
Weil Timo ein Handy hat, von dem seine Eltern nichts wissen, kann er einen Kontakt pflegen, den sie sonst unterbunden hätten. Aber auch das Verbrechen hat sich mit moderner Technik international organisiert. Um den gefangenen Timo aufzuspüren, genügt es nicht, sich wie Easy Rawlins umzuhören und ein Hotel zu beobachten. Vielmehr muss Zbigniew Meier in James-Bond-Manier verfolgen und verfolgt werden. Die Handlung im Einzelnen ist völlig unrealistisch. Aber die Lebensatmosphäre, die Seelen- und Weltverfassung, sind von heute. Von damals und heute ist eine Ursache der Verbrechen: "Oui, c'est le capitalisme", sagt ein Rentner in der Normandie.
Walter Mosley hätte Der geheimnislose Junge wohl auf halb so vielen Seiten untergebracht. Brüggenthies gibt stumme Gedanken Meiers ausführlich wieder und beschreibt das, was der Hauptkommissar sieht, auch in unwichtigen Details. Dabei holpert es von der ersten Seite an: "Zbigniew musste grinsen, stellte diesen Ausbruch von Komik aber schnell wieder ein." Über lange Strecken kommt man jedoch kaum dazu, sich über schwache Sprache zu ärgern, weil der Roman trotzdem so spannend ist. Der Kölner Polizist ist zunehmend auf sich allein gestellt, kann am Ende kaum mehr wissen, wer sein Feind ist, und muss mit katastrophalen Irrtümern fertig werden.
Eine andere Stärke des Romans ist seine Männerkunde. Wie sich in Timos pubertierendem Nervengeflecht die sexuellen Glutkerne bilden, die dort nie mehr erlöschen werden, das ist sehr gut gesehen. Auch mit der Bindungs- und Kinderpanik des erotisch empfänglichen Mittdreißigers kennt Brüggenthies sich aus.

boyd-einfache-gewitter.jpg"Wenn man nicht telefonierte, keine Rechnungen bezahlte, keine Adresse besaß, niemals an Wahlen teilnahm, überall zu Fuß hinging, keine Kreditkarten oder Bankautomaten benutzte, niemals krank wurde und um staatliche Hilfe bat, dann schlüpfte man durch alle Erkennungsraster der modernen Welt", schreibt William Boyd in seinem Roman Einfache Gewitter (original 2009). In Westeuropa oder Nordamerika unterzutauchen ist schwieriger denn je. Aber es geht. Allein in London leben angeblich 200 000 Menschen in der Illegalität.
Zu ihnen gesellt sich in Boyds Roman der amerikanische Klimaforscher Adam Kindred. Nur für ein Bewerbungsgespräch nach London gekommen, lernt er zufällig den Pharmakologen Dr. Philip Wang kennen, der wenig später ermordet wird. Nicht ohne Grund glaubt Kindred, die Polizei werde ihm den Mord anhängen, und versteckt sich. Wangs Mörder und seine Hintermänner wollen auch ihn töten. Aber Kindred wird clever. Er übernimmt die schon einmal gestohlene Identität eines Toten, seinen Job und seine Wohnung. Außer Gefahr ist er damit nicht.
William Boyd spielt anhand seines Krimiplots grundsätzliche Fragen zu Identität und Marktwirtschaft durch. Die Allgegenwart des Kaufens und Verkaufens schwächt alle anderen Beziehungen. Das reicht von Konzernen, die über Leichen gehen, bis zur Prostitution im Immigrantenslum. So erlebt Adam Kindred in zugespitzter Form nur die allgemeine Not, dass man jederzeit gezwungen sein kann, sich neu zu erfinden. Und eine solche brutale Entwertung des Gewohnten ist auch eine Chance: Am Ende ist Kindred im Begriff, der Polizistin Rita Nashe ein liebevoller Ehemann zu werden und den verwaisten Immigrantenjungen Ly-on zu adoptieren. Dafür hat er allerdings einen Erpresser umgebracht. Auch das ist in Boyds Roman etwas Prinzipielles: Gut und Böse sind zu unterscheiden, aber nicht zu trennen. Denn wo Geld ist, hängt alles mit allem zusammen.
Einfache Gewitter ist ein realistischer Roman über den Kapitalismus. Für Spannung sorgt ein altmodischer allwissender Erzähler. So reagiert Boyd auf die Flüssigkeit der Identitäten: Wo alles sich ständig ändern kann, muss wenigstens der Text verlässlich sein. Eine modernere Art, kompositorisch dem Weltzustand zu entsprechen, wären polyperspektivische Bewusstseinsströme, ein Stimmengewirr von lauter Leopold Blooms. Aber wahrscheinlich wäre das nicht lesbar, und es ist auch nicht nötig. Denn eines wird sich nie ändern: "Das kann man nicht einfach so stehen lassen, als wäre nichts gewesen", denkt die wunderbare Rita angesichts einer Schweinerei.


(erschienen in Kommune 1/2010)

Mosley-Cinnamon-Kiss.jpg Walter Mosley:
Cinnamon Kiss.
Ein Easy Rawlins Krimi.
Aus dem Amerikanischen von Uda Strätling

Frankfurt am Main, Fischer Verlag 2009.
320 S., 9.95 Euro

Brueggenthies-der-geheimnislose-junge.jpg Stephan Brüggenthies:
Der geheimnislose Junge
Kriminalroman
Frankfurt am Main , Eichborn Verlag 2009.
510 S., 16.95 Euro

boyd-einfache-gewitter.jpg William Boyd:
Einfache Gewitter.
Roman
Aus dem Englischen von Chris Hirte

Berlin, Berlin Verlag 2009.
445 S., 25.00 Euro

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Untaten & Orte
Eine Kolumne von Michael Schweizer

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Seit Jahren veröffentlicht Michael Schweizer in der Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" seine Krimikolumne "Untaten & Orte". Es gibt nicht viele Kolumnen zur Kriminalliteratur, die so fundiert sind wie diese und wir danken Michael Schweizer und der Zeitschrift "Kommune" für die Genehmigung, diese wichtigen Beiträge bei den Alligatorpapieren veröffentlichen und archivieren zu dürfen. Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur


Michael Schweizer, geboren 1960, Staatsexamen in Germanistik und Geschichte, Promotion über Wolf von Niebelschütz im Nationalsozialismus. Textchef bei einer Fachzeitung, literaturkritische und andere Beiträge unter anderem in der Berliner Zeitung, taz, Freitag und Kommune. Mitarbeiter des Internet-Feuilletons Perlentaucher,
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