Die Alligatorpapiere


Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:

Untaten & Orte

Die Krimikolumne
von Michael Schweizer


Das Private und die Gesellschaft

Ein Blick nach Holland


Holländische Nicht-Kriminalromane, die mit Krimielementen spielen, sind in Deutschland populär. Man denke etwa an Maarten 't Hart (Das Wüten der ganzen Welt, Die schwarzen Vögel), Rene Appel (Tod am Leuchtturm, Rachsucht) und Karel G. van Loon (Lisas Atem). Wer aber nach klassischen Krimis sucht, Janwillem van de Wetering schon durch hat und kein Niederländisch kann, der wird merken, dass für einen richtigen Überblick zu wenig übersetzt ist. Der immerhin mögliche vertiefte Einblick ist vor allem dem Grafit Verlag und Stefanie Schäfer zu verdanken, die jeden guten Text so gekonnt ins Deutsche bringt, dass er sich auch dort wie ein Original liest.

Thijssen-rebecca
Zum Beispiel Rebecca (original 2004) von Felix Thijssen. Die Sechzehnjährige, nach der das Buch heißt, radelt durch die Nacht nach Hause. Jemand stößt sie vom Deich, ein anderer Fremder, Dennis, hört ihre Schreie, zerrt den Angreifer weg und begleitet das Mädchen zum Bauernhof ihrer Familie. Aus Dankbarkeit laden Rebeccas Vater Roelof und seine zweite Frau Suzan ihn ein, sein Wohnmobil bei ihnen unterzustellen.
Als sich Roelofs Traum, eine eigene Gärtnerei zu eröffnen, erfüllen zu können scheint, überfährt ihn ein Zug. Rebecca glaubt nicht an Selbstmord und bringt den Privatdetektiv Max Winter ins Spiel, den Thijssen schon in sieben anderen Büchern hat auftreten lassen. Winter hat gerade durch einen Unfall Frau und Tochter verloren. Rebeccas Auftrag hilft ihm zurück ins Leben. Er findet heraus, dass Roelofs Tod die Folge einer alten Geschichte ist, zu der auch Dennis gehört. Suzan wird ebenfalls von früheren Fehlern eingeholt.
Der Roman ist spannend, indem er seine Leser um eine Idylle fürchten lässt. Roelof, Suzan, Rebecca und ihr wenig älterer Bruder Robbi leben sehr liebevoll zusammen. Sie mögen die Arbeit auf ihrem Bauernhof und gehen gut mit den Tieren um. Vor langer Zeit ist zwar Schlimmes geschehen. Aber Suzan und Roelof haben die Chance genutzt, neu anzufangen. Das Ganze ist kein Kitsch, es gibt durchaus Probleme. Doch die vier wissen, dass sie sich immer aufeinander verlassen können. Glück erscheint, mittels Vernunft und Liebe, machbar.
Im Krimi bleibt dergleichen nicht unversehrt. Das Böse ist außen und war früher, aber es kommt. Man möchte alle rütteln, die nicht merken, was Dennis mit ihnen vorhat. Nur der Hund Lukas und der Widder Harry reagieren richtig auf ihn. Thijssen schürt die Spannung, indem er Dennis, anders als Rebecca und Max Winter, bloß in der Außensicht zeigt. Ausgerechnet von ihm, dem Tückischen, weiß der Leser nicht, was er denkt. Solche Entscheidungen trifft der erfahrene Vielschreiber Thijssen, Jahrgang 1933, immer richtig.
Eine Rolle spielen die Polizei, ein Jugend-, ein Pflege- und ein Altersheim. Sie alle leisten gute Arbeit. So weit der Einfluss des Staates reicht, sind die Niederlande in diesem Roman in Ordnung. Das Verbrechen ist privat.

In anderen niederländischen Krimis ist die Kriminalität gesellschaftlicher. Kein Zufall, jac-toes-Der-freie-Mannsondern eine Folge von Calvinismus, Kolonialgeschichte und Handelstradition dürfte sein, dass es sich dabei häufig um Wirtschaftsverbrechen handelt. Oder um Wirtschaft als Verbrechen. In Der freie Mann (2003) von Jac. Toes geht es um illegalen Fleischhandel in Tateinheit mit Steuerhinterziehung, Subventionsbetrug und mehreren Morden. Betroffen ist die ganze EU, und einige Fäden laufen in Argentinien zusammen. Der Polizei fehlt für solche Gegner das Know-how. Sie beauftragt ein privates Unternehmen mit der Recherche. Francien dort hat lange darauf hingearbeitet, in die Eliteabteilung zu Frans Elecom wechseln zu können, die sich mit Fällen dieser Größenordnung befasst.
Neben dieser gesellschaftlichen läuft eine private Geschichte. Franciens Mann Harold, ein Physiotherapeut, hat sich gerade von ihr getrennt. Eigentlich hat er nicht sie geliebt, sondern ihre vor zwölf Jahren verstorbene Zwillingsschwester Alice. Harold, aus dessen Sicht alles erzählt wird, war jahrzehntelang »überall dabei«, hat aber »nicht dazugehört«. Jetzt möchte er endlich leben. Für ein »Wahrheitsserum« hält er den Tango: Mit Francien hat er diesen Tanz erfolglos versucht, mit Alice ging es gut, und mit der Argentinierin Isabelle, die er jetzt kennen lernt, noch besser.
Harolds Tragik ist, dass sich beide Geschichten nicht trennen lassen. Francien wird ermordet, er gerät unter Verdacht und wird aus seiner Gemeinschaftspraxis hinausgeworfen. Und Isabelle hat mit Franciens Arbeit mehr zu tun, als er wahrhaben will. Die Pointe ist so schlimm, dass der Roman sofort aufhört. Danach kann nichts mehr kommen.
Jac. Toes, 1950 geboren und bei Grafit noch mit vier anderen Büchern vertreten, hat zwei Ebenen ineinandergeschoben. Franciens und Harolds Ehe ließe sich, ähnlich wie das Familienleben in Rebecca, auch ohne Krimihandlung zu einem Roman ausspinnen. Umgekehrt ist in »Der freie Mann« das Verbrechen zwar nicht mehr privat, aber noch greifbar genug, dass der Autor es als Who-done-it darstellen kann, der auch ohne die Ehegeschichte tragen würde. Am Schluss weiß man, wer die Fiesen sind, und einige von ihnen erwischt es. Die niederländische Polizei und ihre Auftragnehmer sind nicht ohne Fehl und Tadel, aber sie stehen auf der richtigen Seite. Elecom, der einigen Dreck am Stecken hat, räumt ein, dass »in unserem braven Polderländchen teilweise die Grenze zwischen Legalität und Illegalität fließend« sei. In Argentinien sei aber alles »noch viel diffuser, wenn es überhaupt eine Grenze geben sollte«.

Esther Verhoef, geboren 1968, hat sich gleich in ihrem Erstling Rastlos (2003) vom Wahrscheinlichkeitsdruck befreit. Die Polizei kommt in ihren Niederlanden nicht vor, weil der verhoef-rastlos.jpgrussischen Mafia ein anderer Gegner erwachsen ist, über den sie sich im wirklichen Leben wenig Sorgen machen würde: Sil Maier. Der hat seine Softwarefirma verkauft und sich einen neuen Lebensinhalt erfunden: Er stiehlt das Geld, das den Mafiosi der Frauenhandel eingebracht hat. Dazu tötet er manchmal ungern, aber immer bedenkenlos. Jedes Mal entkommt er knapper und später. Am Schluss sind alle Russen, die wissen, was er getan hat, tot, und er ist frei für ein Leben mit der Fotografin Susan Staal. Denn auch Esther Verhoef schließt die Verbrechenshandlung mit Ehe- und Liebesgeschichten kurz. Sil hat sich per E-Mail in Susan verliebt, will aber seine Frau Alice, der Name ist im niederländischen Krimi offenbar beliebt, nicht verlassen. Während er sich damit herumquält, hat sie einen Liebhaber – und einen tödlichen Unfall.
Für seine Angriffe auf die Mafia, also auf ein gesellschaftliches Phänomen, hat Sil ein seltsames privates Motiv: Er hält es nicht aus, geordnet zu leben und jeden Tag ein Stückchen weiter abzusterben, sondern er sucht, als schriebe er eine Stellenanzeige, die »Herausforderung«. Mehr ist es nicht. „Um zu spüren, dass ich lebe“, riskiert er den Tod, aus keinem anderen als diesem unglaubwürdig solipsistischen Grund. Auch seine Alice-Krise hängt mit der Angst vor der Erstarrung zusammen: Seine Frau war an ihren Arbeitsplatz gebunden, mit der freien Fotografin Susan dagegen kann er planlos reisen.

Maiers Geschichte ist weniger realistisch als Der freie Mann und noch weniger als Rebecca. Außerhalb von Büchern ist es vorteilhaft, mit solchen Typen nichts zu tun zu haben. Durch Esther Verhoefs literarisches Können jedoch wünscht man ihm bei jedem Schuss, dass er trifft, und viel Glück mit Susan.
Die Handlung rast durch ein sonst geordnetes Land, das an den Bauernhof in Rebecca erinnert. Auch in Rastlos kommt das Böse im Wesentlichen von außen. In den Niederlanden lebt es sich angenehm, solange man keine Russen trifft und die Ägypter in Ägypten bleiben. Ein Hauch Verdonk. Aber gut geschrieben.


(erschienen in Kommune 1/2007)

soldati-Die-Faelle-des-Maresciallo.jpg Felix Thijssen:
Rebecca. Ein Fall für Max Winter
Aus dem Niederländischen von Stefanie Schäfer.


Dortmund, Grafit Verlag 2006.
352 S., 9.95 Euro

jac-toes-Der-freie-Mann Jac. Toes:
Der freie Mann.
Aus dem Niederländischen von Stefanie Schäfer


Dortmund, Grafit Verlag 2005.
348 Seiten, 9.95 Euro

verhoef-rastlos Esther Verhoef:
Rastlos.
Aus dem Niederländischen von Stefanie Schäfer


München, Grafit Verlag 2006.
384 S., 9.95 Euro

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Untaten & Orte
Eine Kolumne von Michael Schweizer

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Seit Jahren veröffentlicht Michael Schweizer in der Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" seine Krimikolumne "Untaten & Orte". Es gibt nicht viele Kolumnen zur Kriminalliteratur, die so fundiert sind wie diese und wir danken Michael Schweizer und der Zeitschrift "Kommune" für die Genehmigung, diese wichtigen Beiträge bei den Alligatorpapieren veröffentlichen und archivieren zu dürfen. Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur


Michael Schweizer, geboren 1960, Staatsexamen in Germanistik und Geschichte, Promotion über Wolf von Niebelschütz im Nationalsozialismus. Textchef bei einer Fachzeitung, literaturkritische und andere Beiträge unter anderem in der Berliner Zeitung, taz, Freitag und Kommune. Mitarbeiter des Internet-Feuilletons Perlentaucher,
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