Die Alligatorpapiere


Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:

Untaten & Orte
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Die Krimikolumne
von Michael Schweizer


Wenn Menschen verschwinden

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Pal Andersen in Dag Solstads Roman Professor Andersens Nacht (original 1996) hat gerade sein rituelles Weihnachsessen zelebriert und die geschenkten Bücher seiner beiden Neffen ausgepackt, als er sieht, dass in der Nachbarwohnung ein junger Mann eine junge Frau erwürgt. Der Professor will die Polizei anrufen, legt den Hörer aber aus Gründen, die in seinem bildungsgeformten Innenleben liegen, wieder auf und schafft es auch am nächsten Tag nicht, sein Versagen einem alten Freund zu offenbaren. Die Frau bleibt verschwunden, niemand scheint sie zu vermissen, der junge Nachbar stellt sich in den folgenden Wochen als netter Kerl heraus. Vielleicht hat Andersen sich den Mord nur eingebildet. Das läge eventuell am Alkohol. Jedenfalls könnte ein Telefonat immer noch reichen, um die Sache aufzuklären. Stattdessen verstrickt sich Andersen in ausgefeilte, zuletzt gar theologische Überlegungen darüber, ob er der Frau nicht doch zu Recht nicht geholfen hat. Er denkt Gedanken, auf die er nur kommen kann, weil er viel gelesen hat. Ein fröhlicher Trottel hätte nichts gedacht und die Polizei gerufen.
Als Ibsen-Spezialist ist der Literaturprofessor trainiert im Erkennen von Lebenslügen. Seinen Freunden wirft der 55-Jährige, wieder nur im Stillen, vor, dass sie ihren Wohlstand für zufällig halten, wo er doch das Honorar für ihren Konformismus ist: Sie waren rebellische 68er, als man damit Karriere machen konnte. Sich selbst durchschaut der Professor nicht: Als junger Mann liebte er hermetische Lyrik, weil ihm das ein selbstverständlicher Ausdruck des Dagegenseins schien. Hätte er darüber promoviert statt über Ibsen, wäre er später nicht in den Aufsichtsrat des Nationaltheaters eingezogen.
Dag Solstad, Jahrgang 1941, gilt in Norwegen als Nobelpreiskandidat. Als Ibsen-Kenner kann er wohl nicht anders, als auch sein eigenes Metier auf Brüchigkeit und Lügenhaftigkeit abzuklopfen. Schon auf der ersten Seite heißt es viermal "dachte er", später noch viel öfter. Und was denkt Professor Andersen? Zum Beispiel "Na, so was", "Ja, ich muss schon sagen" und "Ein richtig heißes Bad würde mir sicher gut tun". An solchen Stellen wirkt die Allwissenheit des Erzählers wie eine sinnlose Aufregung: Wenn es nicht mehr zu wissen gibt, lohnt sich dann der ganze Aufwand?
Natürlich provoziert Solstad solche Fragen mit Absicht. Er zählt zu den wenigen Schriftstellern, die überhaupt das Niveau haben, so etwas mit Absicht zu tun. Die Sprachskepsis ist Teil der sprachlichen Perfektion. Sie gehört zur gelungenen Form des Buchs, das vielleicht gegen das Nichts nicht hilft, aber doch immerhin nicht nichts ist.

alt-weras-talent.jpg Sabine Alts vierter Roman Weras Talent hat eine Professorin zur Hauptfigur, und auch in diesem Roman verschwinden Menschen. Zunächst einmal der Student Xaver Sturz. Er wollte bei der Wiener Kunstgeschichtlerin Wera Pratzinger promovieren, und zwar über ein wertvolles, mindestens tausend Jahre altes elfenbeinernes Altartäfelchen, das sein Onkel aus einem verfallenden Kloster in der Karstlandschaft über Triest gestohlen hat. Das will er mit der Professorin zusammen "wiederfinden". Sie soll den Entdeckerruhm haben und er ein schönes Dissertationsthema. Wera lässt sich darauf ein, und um sich von ihrem ehebrüchigen Gatten Felix zu erholen, landet sie in Sturz' Bett. Ein zweiter Student, Carl-Josef Maurer, interessiert sich für das gleiche Kloster und nimmt ein gewaltsames Ende. Dann stirbt ein Baulöwe. Er scheint Maurer umgebracht und deshalb Selbstmord begangen zu haben. Verheiratet war er mit Weras Assistentin, die auch einmal die Geliebte von Felix war.
Wahrscheinlich hält niemand Sabine Alt für eine Nobelpreiskandidatin. Anders als Dag Solstad tritt sie in einer Liga an, zu deren Kennzeichnung das Wort "Unterhaltungsliteratur" sich kaum umgehen lässt. Der Plot von Weras Talent beruht auf Zufällen, die außerhalb des Krimigenres kaum akzeptiert würden. So soll der Leser glauben, dass Carabinieri, die in der Erde einen Toten finden, nicht merken, dass gleich unter ihm noch ein zweiter liegt. Falls das Buch einen Lektor hatte, hätte der mehr machen sollen: Zwar sind fast alle Sätze sauber und präzise formuliert, viele auch witzig, einige aber überflüssig. Statt "nass und tropfend" hätte Letzteres gereicht, Thomas Manns Gustav Aschenbach heißt nicht "Gustaf", und wo die Autorin "Protegé" sagt, meint sie Protektor.
Überraschenderweise stört das alles nicht sehr. Anders als so viele andere Krimis vergisst man den Roman nicht gleich wieder. Er bleibt hängen. Auf leichtere Art als Solstad verhandelt Sabine Alt ein ähnliches Menschenbild. Wera Pranzinger ist maßlos. Sie schläft mit Studenten, schreibt korrupte Gutachten, schleimt, lügt, denunziert. Dabei ist sie intelligent. Mit etwas Lebenserfahrung merkt man ihr an, dass es mächtig Spaß macht, mit ihr ins Bett zu gehen. Deshalb wollen es auch so viele. Wera ist attraktiv, weil sie sich attraktiv findet. Den Journalisten Rudolf Rumberg wird sie immer wieder betrügen, weil er es gut mit ihr meint. Mit etwas Glück kann sie noch Jahrzehnte so weitermachen.
Vieles an Wera und Professor Andersen ist allgemeinmenschlich, anderes dagegen europäisch professoral: Akademische Wohlstandsbeamte haben Zeit und Kraft für die altmodische Bildung, die einer vergnügten, unter Umständen ruinösen Amoral förderlich ist. Zu dieser ständischen Markierung kommt eine geografisch-religionssoziologische. Weras Talent breitet eine Art von katholischer Menschenkenntnis aus, für die Dag Solstads neu-Ibsensche "Stützen der Gesellschaft" zu puritanisch sind: "Nur wenn zwei Menschen ein obszönes Geheimnis teilen, haben sie guten Sex."

uemit-nacht-und-nebel.jpgNacht und Nebel enthält keine Jahreszahlen. Wahrscheinlich spielt Ahmet Ümits Roman um 1980, dem Jahr, in dem in der Türkei das Militär die Macht übernahm. Der Geheimdienstler Sedat sucht Mine, seine junge Geliebte. Außer mit ihm war sie auch mit Fahri zusammen, einem linken Untergrundkämpfer, der im Gefängnis der Gewalt abgeschworen und sich der Literatur zugewendet hat. Sedat weiß, dass diese Verbindung Mine das Leben gekostet haben kann, denn Geheimdienst, Polizei und Militär foltern und töten auch Unschuldige. Der Leser erfährt viel über die Zeit, in der in der Türkei Menschen nicht durch individuelle Verbrechen verschwunden sind, sondern im Zuge der staatlichen Politik. Außerdem über das, was auch vor und nach den dunkelsten Jahren Alltag war, zum Beispiel arrangierte und nicht arrangierte Ehen, Frauen und Männer, türkisches Familienleben, Essen, Literaturzeitungen und unpolitische Kriminalität.
Lange Zeit gab es in der Türkei fast nur übersetzte Kriminalromane. Ahmet Ümit, Jahrgang 1960, zählt zu den Autoren, die seit Anfang der 1990er Jahre den türkischen Krimi erfunden haben. Neben dem klassischen Wer-war's-Rätsel entwirft Ümit ein analytisches Gesellschaftbild. Nacht und Nebel ist raffiniert konstruiert. Sophokles hat mit König Oedipus die erste Dramenfigur geschaffen, die lange selbst nicht weiß, was sie Furchtbares getan hat; dieses Modell hat Heimito von Doderer in Ein Mord den jeder begeht (1938) für den Roman übernommen. Zwölf Jahre vorher hatte Agatha Christie für den Kriminalroman den Ich-Erzähler erfunden, der seine Geschichte vorsätzlich und trickreich am Leser vorbeierzählt (The Murder of Roger Ackroyd). Solche Assoziationen löst Ümit aus, weil er selbst viel gelesen hat.
Ümit war kommunistischer Militanter und musste während des Militärputsches untertauchen. Literarisch schreiben konnte er erst, als er die Parteidogmen abgelegt hatte. Sein Ich-Erzähler Sedat zum Beispiel ist nicht nur Folterknecht, sondern auch als Ehebrecher leidenschaftlich, als Vater fürsorglich und als Ehemann verlässlich. Eine Weltanschauung, die das komplett erklären würde, gibt es nicht.


(erschienen in Kommune 1/2007)

solstad-Professor-Andersens-Nacht.jpg Dag Solstad:
Professor Andersens Nacht.
Roman

Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Zürich, Dörlemann Verlag 2005.
200 S., 19.80 Euro

Sabine Alt:
Weras Talent.
Roman


Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag 2005.
254 S., 7.95 Euro

uemit-nacht-und-nebel.jpg Ahmet Ümit:
Nacht und Nebel.
Roman


Aus dem Türkischen und mit einem Nachwort von Wolfgang Scharlipp
Zürich, Unionsverlag 2005.
365 S., 19.90 Euro

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Seit Jahren veröffentlicht Michael Schweizer in der Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" seine Krimikolumne "Untaten & Orte". Es gibt nicht viele Kolumnen zur Kriminalliteratur, die so fundiert sind wie diese und wir danken Michael Schweizer und der Zeitschrift "Kommune" für die Genehmigung, diese wichtigen Beiträge bei den Alligatorpapieren veröffentlichen und archivieren zu dürfen. Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur


Michael Schweizer, geboren 1960, Staatsexamen in Germanistik und Geschichte, Promotion über Wolf von Niebelschütz im Nationalsozialismus. Textchef bei einer Fachzeitung, literaturkritische und andere Beiträge unter anderem in der Berliner Zeitung, taz, Freitag und Kommune. Mitarbeiter des Internet-Feuilletons Perlentaucher,
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