Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur"
und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:
Untaten & Orte
1/09
Die Krimikolumne
von Michael Schweizer
Glutkerne
Auch in Schweizer Krimis entgleisen die Leidenschaften

Sarina Müller ist erdrosselt worden. Ohne Vergewaltigung, aber von einem Mann, der es genossen hat. Kommissarin Lena Bellmann von der Berner Kriminalpolizei fällt auf, dass niemand die tote Soziologie- und Psychologiestudentin näher gekannt zu haben scheint. Alle konnten sie gut leiden, aber keiner ahnt, wo sie ihrem Mörder begegnet sein könnte. Ihr Doppelleben, dem Bellmanns Team schrittweise auf die Spur kommt, hat sie so gut versteckt, dass nur die es kannten, die daran beteiligt waren: Männer, die sich in einem Pornokino einen herunterholen lassen, und ein anderer Mann, der mit Videos handelt, auf denen zu sehen ist, wie Menschen extra für diese Filme ermordet werden. Ob es solche Videos, vor allem aus Lateinamerika, gibt, ist unklar. Roger Strub, Jahrgang 1957, geht für
Hand angelegt, seinen zweiten Krimi um Lena Bellmann, davon aus.
Sarina Müller hat sich für, aber nicht wegen Geld prostituiert. Der Kick lag für sie darin, dass sie es eben nur mit der Hand gemacht hat. Das hat sie gebraucht, aus traurigen Gründen ihrer Kindheit. Der lebenskundliche Clou von Strubs Roman besteht darin, dass die Lust von Menschen, die nicht missbraucht worden sind, sich auch nicht anders anfühlt wie Sarinas Zwang: wie eine beseligende Sucht. Fast jeder Mensch dürfte Glutkerne in sich tragen, die immer wieder aufleuchten und nicht dazu passen, wie er sonst lebt. Manche Internet-Freunde gehen deshalb in Chatrooms: "Man schlüpft in eine andere Person und lebt aus, was in der Realität nicht möglich ist", sagt Jenny Bellmann, Lenas halbwüchsige Tochter.
Wie Roger Strub das findet, weiß der Leser nicht. Vielleicht teilt der Autor den Sittlichkeitsfeminismus Lena Bellmanns, der darauf hinausläuft, dass Frauen taktvoller und nicht so geil seien. Die stellenweise umständliche und betuliche Sprache des Buchs könnte darauf hindeuten. Aber egal. Die Privatmeinungen des Autors sind an einem Roman das Unwichtigste.
Hand angelegt überzeugt auch als Reportage über Ermittlungsarbeit. Wie denken Polizisten? Welche Checklisten arbeiten sie ab, wenn sie von einem Toten zunächst einmal nur den Namen wissen? Viel läuft über kleinteilige Massenarbeit: Irgendwo muss man alle Kommilitonen, alle Professoren, alle Kinobesucher befragen. Roger Strub zeigt eine Schweizer Polizei, die an viele Daten leicht herankommt und sich das von niemand genehmigen lässt. Und wenn eine Zeugin einen Kaffee angeboten bekommt, wird sie wahrscheinlich nie erfahren, dass danach die DNS getestet wird, die sie an der Tasse hinterlassen hat.

Ein anderes Buch läst sich leider nur zusammen mit einem Nachruf besprechen: Ernst Solèr ist vergangenen Juli im Alter von 48 Jahren an Krebs gestorben. In diesem Frühjahr erscheint mit
"Staub im Paradies" sein letzter Krimi um Hauptmann Fred Staub von der Züricher Kantonspolizei.
Staub im Schnee war der vorletzte. Anders als Roger Strub trägt Solèr seinen Roman als Ich-Erzählung vor, beschränkt sich also, sieht man von den Dialogen ab, auf eine Perspektive. Fred Staub verlässt den Leser nie, der lernt ihn dadurch auch als Ehemann von Leonie und als Vater von Per und Anna kennen. Leonie ist für Fred nach wie vor sehr attraktiv. Hin und wieder fragt er sich trotzdem, warum er nicht alleine lebt und seine Ruhe hat. Dann könnte er mit der tüchtigen Kollegin Gret anbandeln.
Schwankende Gefühle haben auch zu dem Mord geführt, den Staub und seine Mannschaft aufzuklären haben. Nach dem halben Buch scheint schon alles zu passen: Antonio Antoluzzo hat wohl den Showmaster Yves Schneider erschossen, weil der ihm seinen Freund René Hollenstein ausgespannt hat, und dann Selbstmord begangen. Doch Staub findet heraus, dass alles anders war - mit einer Ausnahme: Der Täter, ein verletzter Liebender, konnte sich nicht mehr kontrollieren. Sein Glutkern war zu heiß.
Der andere, realwirtschaftliche Teil der Tragödie beruht auf der Möglichkeit, die Ziehung der Lottozahlen zu manipulieren. Staub und seine Mitarbeiter treffen auf Medienmenschen, die bereit sind, über Leichen zu gehen, und bewähren sich als tüchtig und integer. Das verbindet Solèrs Roman mit dem von Strub. Zwar lassen beide Autoren ihre Polizisten Schwächen haben, Fehler machen und unter privaten Kümmernissen leiden. Nie geht das aber so weit wie in amerikanischen Krimis, wenn dort Polizisten in die Kriminalität leitend integriert sind, und in skandinavischen, wo manchmal Scheidung und Alkoholismus als die gängigsten Lebensformen präsentiert werden und Männer es nicht schaffen, sich mit verträglichem Essen zu versorgen. Bei Solèr und Strub stehen die Polizisten alles in allem auf der richtigen Seite und bringen die Leute von der falschen in gerechte Bedrängnis.
Solèr hat seinem Verbrechens- einen Polizistenroman eingewoben: Mit den Ermittlungen entwickeln sich die Verhältnisse in Staubs Team. Der Hauptmann arbeitet am liebsten mit Gret und mit Michael Neidhardt, darf aber auch die "Abteilungspfeife Mario" und Bea Tschauner, eine Verkörperung des gesunden Volksempfindens, nicht vernachlässigen. Ein wandelnder Running Gag ist der teamunfähige John Häberli, der aus seinem abseitigen Wissen immer wieder die entscheidende Idee entwickelt.

Wolfgang Bichler ist der Glutkern vieler Menschen geworden, die nur kurze Zeit mit ihm zusammen waren. Die Frauen, die er ausgenommen hat, können ihm noch zehn, fünfzehn Jahre später nicht böse sein. Zu schön war die Zeit mit dem viel jüngeren Mann, der zuhörte, verstand, das Richtige sagte und ein guter Liebhaber war. Sie fühlten sich gefunden. Sogar ein Unternehmensdirektor, der Wolfgang nur einen einzigen Abend lang gesehen hat, hat sich so anhaltend in ihn verliebt, dass ihm seine Frau viele Jahre später immer noch egal ist. Wolfgang war charmant, einfühlsam und skrupellos. Er konnte Menschen vorspielen, was sie brauchten.
Das alles erfahren der Züricher Polizist Damian Stauffer und seine Mitarbeiter in Roger Grafs
Der Mann am Gartenzaun erst nach mühsamen Recherchen. Zunächst ist Bichler nämlich nur ein mindestens zehn Jahre altes Skelett mit Bally-Schuhen, Lederjacke und ohne Namen, das auf einem verödeten Fabrikgelände gefunden wird. Er wurde erstochen, aber warum? Eine der Geliebten, die er ausgenutzt hat, hat ihre halbwüchsige Tochter durch eine Entführung verloren. Hatte Bichler damit etwas zu tun, als Täter, als Opfer?
Je nachdem, wie man zählt, hat der 1958 geborene Roger Graf den
Mann am Gartenzaun aus acht oder zehn oder noch viel mehr Romanen zusammengesetzt. Zumindest wenn man unter einem Roman die Kunst versteht, einen Menschen auch anhand kurzer Lebensausschnitte so zu zeigen, dass man ihn zu kennen glaubt und Mitgefühl für ihn entwickelt, das man für dauerhaft hält.Der unheilbar kranke Ex-Polizist Stirnimann, der, als das Skelett gefunden wird, noch einmal sein Leben ändern will, ist so ein Fall.
In der Schweiz haben Roger Grafs Krimihörspiele um den Detektiv Philip Maloney viele Fans. Das langjährige Hörbarkeitstraining kommt auch Grafs Romandialogen zugute: Bei ihm steht zwischen den wörtlichen Reden entweder gar nichts oder ein Verb, das sich dafür eignet. Andere Krimiautoren ordnen Dialogsätze ihren Sprechern oft mit Verben zu, die gar kein Sprechen bezeichnen: "So geht das nicht", griff der Syndikus zum Hammer. Zum Prinzip erhoben hat dieses Mätzchen der Spiegel. Graf wie gesagt schreibt für solche Unarten viel zu gut. Für Romanleser in Deutschland hat ihn der Pendragon Verlag in Bielefeld entdeckt, dessen Betreiber Günther Butkus ein Faible für Schweizer Krimis pflegt.
Oft ist zu lesen, die und die haarsträubenden Schwächen eines Krimis seien gar keine, sondern im Genre müsse das eben so sein. Mit
Der Mann am Gartenzaun lässt sich demonstrieren, dass das Unfug und fallweise Ausrede in eigener Sache ist. Ein guter Krimi ist ein guter Roman plus Verbrechen. Zu den wenigen, die so etwas schreiben können, zählt Roger Graf.
(erschienen in
Kommune 1/2009)
Roger Strub:
Hand angelegt.
Roman.
Bielefeld, Pendragon Verlag 2008.
212 S., 9.90 Euro
Ernst Solèr:
Staub im Schnee.
Kriminalroman
Dortmund, Grafit Verlag 2008.
217 S., 8.50 Euro
Roger Graf:
Der Mann am Gartenzaun.
Bielefeld, Pendragon Verlag 2008.
378 S., 19.90 Euro
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