Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur"
und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:
Untaten & Orte
1/08
Die Krimikolumne
von Michael Schweizer
Verschneite Landschaften
Fremdheit in England und Deutschland

Weihnachten 1935. In dem eingeschneiten Herrensitz ffolkes Manor in Dartmoor wird der Klatschreporter Raymond Gentry erschossen. Die wortgewaltige Krimiautorin Evadne Mount und der gedanklich immer einen Schritt langsamere Scotland-Yard-Pensionist Eustache Trubshawe vernehmen die Verdächtigen in der Bibliothek. Jeder offenbart ein Geheimnis. Besonders viel Dreck am Stecken hat der Hausherr, Colonel Roger ffolkes. Jemand versucht, auch ihn zu erschießen, dann gehen die Bibliotheksgespräche weiter. Umständlich und doch furios erklärt Evadne Mount, wer's war
Wer raten müsste, würde wahrscheinlich glauben, dass
Mord auf ffolkes Manor von

Agatha Christie stammt. Der 1944 geborene Schotte Gilbert Adair hat nicht nur die Atmosphäre und das Milieu vieler Christie-Romane anspielungsreich imitiert, sondern auch, was schwieriger gewesen sein dürfte, ihre Technik. Sein Roman heißt im Original
The Act of Roger Murgatroyd (2006). Damit ist auf Christies
The Murder of Roger Ackroyd (1926, deutsch
Alibi) angespielt, worin der Icherzähler in so doppeldeutigen Wendungen beschreibt, wie er einen Mord begangen hat, dass es der Leser bis kurz vor Schluss nicht merkt. Diese Tricks mit der Erzählperspektive steigert Adair noch; wenn man ihm vorzeitig auf die Schliche kommen will, muss man Seite 218 besonders aufmerksam lesen.
Adair holt hervor, was bei Christie zwischen den Zeilen steht. Die Arztgattin Madge Rolfes führt Raymond Gentrys Schlechtigkeit darauf zurück, dass er Jude ist. Selbst war sie zeitweise so verzweifelt, dass sie "auch mit einem Hindu ausgegangen wäre". Das Kind ihres albanischen Liebhabers hat sie abgetrieben. Auch ihr Gatte Henry ist sehr dagegen, gute Gene durch das "schlechte Blut" der Unterschicht zu entwerten. Was die Rolfes aussprechen, ruft in Colonel ffolkes' Bibliothek keinen Widerspruch hervor. Im Rassismus, im Antisemitismus, in der Verachtung der Dienstbotenklasse sind sich Adairs Vertreter der guten Gesellschaft weitgehend einig. Würden solche Leute auch in Christies Romanen ihre Meinung offen sagen, liefe es auf dasselbe hinaus. Die Welt wäre für diese Menschen in Ordnung, wenn ihre Klasse so homogen wäre, wie sie tut. Die sozial und ethnisch Fremden wollen sie unten halten.

In
Ein stilvoller Mord in Elstree (original 2007) gehen Mount und Trubshawe erneut ans detektivische Werk. An einer Stelle stutzt der Leser. Der neue Roman spielt 1946 in London. Bevor der aus Deutschland geflohene Filmproduzent Benjamin Levey zu seinen "Geldgebern" aufbricht, reibt er "demonstrativ Daumen und Zeigefinger aneinander". Könnte es sein, dass Adair Antisemitismus nicht enttarnt, sondern praktiziert? Nehmen wir mal an, ohne es aus dem Text beweisen zu können, dass es nicht so ist. Schließlich ist jeder gute Witz geschmacklos.
Von Götz Aly kann man lernen, dass der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg die deutsche Gesellschaft durchlässiger gemacht haben. Wer von unten kam und Nazi war, hatte ungekannte Aufstiegschancen. Evadne Mount nun erklärt Inspektor Trubshawe, dass der Krieg in England etwas Verwandtes bewirkt hat. Londoner "Straßenbengel" und "Gassenjungen" lassen es gegenüber Leuten wie Trubshawe, in dem sie einen Agenten der Bessergestellten sehen, an dem Respekt fehlen, den sie ein paar Jahre zuvor noch gezeigt hätten. Wer von der deutschen "Luftwaffe aus Haus und Heim gebombt worden ist" und kein neues bekommen hat, der schlägt keinen Unterwerfungston gegenüber den Privilegierten im eigenen Land mehr an.
Adair arbeitet in diesem Roman mit ähnlichen Christie-Techniken wie im vorherigen. Evadne Mounts Freundin Cora Rutherford stirbt an Gift, als sie gerade eine Filmszene dreht. Mount beobachtet, denkt und erklärt. Auch diesmal hat der Leser, wenn er gut aufpasst, eine Chance, vor Evadne zu merken, wer's war. Und wenn er Hitchcock mag, kann er sich an vielen Anspielungen erfreuen.

Weil er ein fauler und skandalöser Pfarrer ist, wird Tobias Schmutz in Carlo Schäfers Mini-Krimi
Kinder und Wölfe nach Birgerberg, einem kleinen Weinort am Kaiserstuhl, auf eine halbe Stelle strafversetzt. Ein Dorf, könnte man meinen, in dem man noch nach 50 Jahren als Fremder gilt. Aber die Winzer nehmen Schmutz gut auf. Es stört sie nicht, dass er geschieden ist, säuft, niemanden besucht, die Liturgie nicht kann und in eine hoffnungslose Liebschaft gerät. Nicht für die Handlung, aber für die Atmosphäre ist es wichtig, dass sich Wölfe in das zwischendurch eingeschneite Dorf trauen.
Als Marvin Sänger, unsympathisches Kind unglücklicher Eltern, tot in einem Brunnen gefunden wird, denkt der Pfarrer nicht im Entferntesten daran, den Fall aufklären zu können. Dann fällt ihm etwas auf, das die anderen Dorfbewohner übersehen, er redet mit zwei Leuten, und schon weiß die Polizei, wen sie verhaften muss.
Kinder und Wölfe lebt von Schmutz' komisch schamloser Sprache. Das größte Unglück, schreibt er in den Proustschen Fragebogen, sei für ihn "Prohibition", der entschuldbarste Fehler "Atheismus", seine Lieblingsbeschäftigung "Gluck, gluck", seine Lieblingsblume "Auf dem Pils". "Üppige, gütige Pflegerinnen" sind seine Lieblingsheldinnen.
Das Büchlein lebt aber auch davon, dass Schmutz sich in seinen betrunkenen Predigten als Theologe von Rang entpuppt. Gott, glaubt er, ist nicht zu erklären, für nichts einzuspannen und schon gar nicht von einer menschlichen Organisation zu verwalten. Er ist das große Geheimnis, "über das sich kaum sprechen lässt, von dem man niemals schweigen kann". Vielleicht ist er näher, auf jeden Fall aber fremder als irgendein Mensch. Der 1964 geborene Hochschuldozent Carlo Schäfer beweist, dass man Schwieriges einfach ausdrücken und auf seinen Sitz im Leben zurückführen kann.

Kriminalkommissarin Bettina Boll arbeitet bei der Ludwigshafener Mordkommission. Ihre Erfinderin Monika Geier lässt sie in der Vorderpfalz ermitteln. In
Stein sei ewig (2003) hat es in Kaiserslautern viel geregnet. In
Schwarzwild nun liegt Schnee im Pfälzer Wald. Nicht viel, aber genug, dass es gefährlich werden kann, wenn man sich auf einer eigentlich harmlosen Wanderung verirrt.
Nach Claudia Kirchheimer, der das passiert ist, sucht die Vermisstenabteilung. Der Menschenknochen, den die junge Frau kurz vorher in einem Wildschweingehege gefunden hat, interessiert die Mordkommission. Bettina Boll denkt die beiden Fälle zusammen. Wie immer muss sie sich, wenn sie auf der richtigen Spur ist, zunächst einmal von polizeilichen Männerbünden beleidigen lassen. Alle drei Morde, die sie schließlich aufklärt, haben direkt oder indirekt mit Fremdheit zu tun. Die mazedonische Schwarzarbeiterin Sudenica Levo, von der sich der Winzer Adrian Achtkapp pflegen ließ, und ihr Freund Branco sind spurlos verschwunden. Und Achtkapps Adoptivsohn Thilo hätte es leichter, wenn man ihm den farbigen Soldatenvater nicht ansehen würde.
Monika Geier, 1970 in Ludwigshafen geboren, liebt die Pfalz, ohne sie zu beschönigen. In dem dünn besiedelten Tal, in dem die Spannungen eskalieren, und in Bad Dürkheim geschieht allerlei, was den Stadtmenschen froh sein lässt, nicht auf dem Land zu wohnen. Geier macht ihm aber auch klar, dass er etwas verpasst.
Trotzdem ist das Können dieser Autorin nicht an die Gegend gebunden, in der sie wohnt. In
Schwarzwild geht es um Kinder, um das kleine große Glück des Wanderns, um Kneipen als Heimat, um Frauen und Männer, Berufe und den Tod, eigentlich um alles. Dass der Roman aus verschiedenen Perspektiven, also aus der Sicht wechselnder Akteure erzählt wird, spiegelt die Buntheit der Lebensweisen. Monika Geier hat einen schönen, auch lustigen normalen Roman geschrieben und dem Leser eine Krimihandlung dazugeschenkt.
(erschienen in
Kommune 1/2008)
Gilbert Adair:
Mord auf ffolkes Manor.
Eine Art Kriminalroman
Aus dem Englischen von Jochen Schimmang
München, C.H. Beck Verlag 2006.
295 S., 18.90 Euro
Gilbert Adair:
Ein stilvoller Mord in Elstree.
Evadne Mounts zweiter Fall.
München, C.H. Beck Verlag 2007.
301 S., 18.90 Euro
Carlo Schäfer:
Kinder und Wölfe.
Krimi
Hamburg, Edition Nautilus 2007.
64 S., 4.90 Euro
Monika Geier:
Schwarzwild.
Hamburg, Argument Verlag/ariadne krimi 2007.
317 S., 11.00 Euro
Nach oben