Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur"
und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:
Untaten & Orte
3/10
Die Krimikolumne
von Michael Schweizer
Gewalt in Südafrika
Zwei gute Romane und ein besserer

Billy Afrika kommt aus Bagdad nach Kapstadt zurück. Er war "Dienstleister" mit Erfahrung im "Personenschutz", das heißt Söldner, und wurde als Sündenbock entlassen, weil der Kunde, den er bewachen sollte, ermordet worden ist. Billy hat seit Monaten keinen Lohn bekommen, deshalb sucht er Joe Palmer, den Menschen- und Waffenhändler, der ihn in den Irak vermittelt hat. Den hat aber bereits Roxy erschossen, seine amerikanische Frau. Wo soll Billy nun das Geld herbekommen, das er braucht, um Barbara Adams und ihre Kinder vor dem Bandenführer Manson zu schützen? Barbaras Mann Clyde war Billys Kollege bei der Polizei. Billy hat den Dienst quittiert, weil er es nicht geschafft hat, Clydes Mörder Piper zu töten.
Müsste man Roger Smiths zweiten Roman
Blutiges Erwachen (original 2010) in einem Wort beschreiben, so käme nur eines in Betracht: Gewalt. Clydes Mörder ist ein wahnsinniger Sadist, mit dessen weiteren Untaten Billy schon bald konfrontiert wird. Aber er ist nur wenig schlimmer als viele andere. Smiths Roman handelt von Leuten, die anderen die Kehle durchschneiden, sie anzünden, an Autos zu Tode schleifen und so weiter. Viele sitzen im Gefängnis "für Mord und Schlimmeres". Manche wollen nicht wieder hinaus, denn drinnen können sie machen, was sie wollen.
Smiths Roman spielt im Wesentlichen in den Cape Flats, "in dem Ghetto, das all seinen Hass und seine Angst gegen sich selbst richtete". In dem ganzen figurenreichen Buch kommt niemand vor, der vom Bandenkrieg der 26er und der 28er nicht wenigstens indirekt betroffen wäre. Fast alle Täter und die meisten Opfer sind braun oder schwarz. Ist dieses Bild von den Kapstadter Townships realistisch, und wenn nein, warum denkt Smith sich so etwas aus? Will er warnen, will er aufklären, ist er ein weißer Mann, der Nichtweiße verleumdet? Oder geht es ihm nicht um Politik, sondern darum, wie man Gewalt künstlerisch fassen kann?
Technisch und handwerklich gehört Smith, Jahrgang 1960, zur Spitzenklasse. In gewisser Weise ist das das Problem. Der Autor ist ein angesehener Drehbuchschreiber, Regisseur und Produzent. Sein erster Roman
Kap der Finsternis wird in Hollywood verfilmt, und auch das bildstarke zweite Buch ruft nach der Leinwand. Spricht in
Blutiges Erwachen eine Stimme Südafrikas? Oder spricht daraus, in durchaus eindrucksvoller Qualität, der internationale Bestsellermarkt, der seine Stoffe überall beziehen und durch seine Erfolgsmaschinen nudeln kann? Für den hiesigen Leser ist das auch deshalb schwer zu beurteilen, weil derzeit wohl keine Krimis von nichtweißen Südafrikanern in deutscher Übersetzung erhältlich sind. Brandon Carstens zum Beispiel gibt es nur auf Englisch.

Gleich nach
Blutiges Erwachen gelesen, ist Andrew Browns
Schlaf ein, mein Kind (original 2005) eine Erholung. Kein Trommelfeuer mehr, sondern eine langsame Melodie. Browns erster Satz, "Sie trieb in der trägen Strömung", könnte auch von Smith sein. Schon der zweite klingt aber ganz anders: "Ihre Zehen wurden von den Gräsern und Algen liebkost, die am schlammigen Flussufer wucherten." Nach achteinhalb Seiten hat der Polizist, der die junge Tote entdeckt, sie immer noch nicht geborgen. Dafür hat Andrew Brown erzählt, wie sie aussieht und was sie als Kind gemacht hat, und außerdem den Fluss und seine Ufer beschrieben, die Tausendfüßler, Asseln und Kaulquappen. So geht es weiter. In den Dialogen redet manchmal jemand eine halbe Seite lang in wohlgeordneten Sätzen, bevor der andere in ähnlichem Stil antwortet.
Die Tote ist Melanie du Preez. Zunächst sieht es so aus, als habe ein schwarzer Einwanderer aus Burundi sie umgebracht. Ihr Vater besucht ihn im Gefängnis und erschießt ihn. Damit würde er, reich, Professor und Bure, vielleicht durchkommen, wenn es nur nach dem depressiven Inspector Eberard Februarie ginge, der die Ermittlungen leitet. Zum Glück hat die Polizeianwärterin Xoliswa Nduku, die bei Februarie lernen soll, mehr Energie. In einer Sammlung von Wiegenliedern, die Melanie angelegt hat, finden die beiden Polizisten den entscheidenden Hinweis.
Andrew Brown, 1966 geboren, möchte diese Geschichte auch aus dem alten Südafrika erklären. Mit den Mitteln des historischen Romans schildert er auf einer zweiten Erzählebene, wie unter Simon van der Stel (1639 - 1712), dem ersten Gouverneur der Kapkolonie, dort der Weinbau eingeführt wurde. Ein böser burischer Winzer kämpft mit einer mutigen Sklaventochter. Von ihr und von Februarie gibt Andrew Brown auch stumme Gedanken wieder. Alle anderen Akteure zeigt er nur von außen.
Februarie ist geschieden, hat beschlagnahmte Drogen genommen, trinkt zu viel und hängt an seiner Tochter Christine. Mit alledem würde er sehr gut in Roger Smiths Roman passen. Auch die "Spannungen zwischen den Polizeibeamten verschiedener Rassen" (Brown) und die Zustände in den Gefängnissen verbinden
Schlaf ein, mein Kind mit
Blutiges Erwachen. Brown drückt nur alles so viel ruhiger, auch umständlicher aus, dass man glauben könnte, beide Autoren schrieben über verschiedene Länder.

Am besten ist Deon Meyer. In
Dreizehn Stunden (original 2009) lässt er sich manchmal Zeit wie Andrew Brown, dann rast er auf einen Showdown zu wie Roger Smith. Ebenso geschickt wechselt er zwischen Gewaltgeschichten und dem normalen Leben. Im Unterschied zu dem harten Smith und dem betulichen Brown gelingen ihm auch lustige Stellen.
Wenn man sehr zurückhaltend zählt, besteht
Dreizehn Stunden aus zwei Romanen: dem Who-done-it um den erschossenen Musikproduzenten Adam Barnard und der Flucht der jungen amerikanischen Touristin Rachel Anderson, die von einer Mörderbande durch Kapstadt gesetzt wird. In diesem Teil geht die Spannung von der Zukunft aus (wird Rachel überleben?), in der Barnard-Geschichte von der Vergangenheit (wer war's?). Dass beide Fälle zusammenhängen, deutet der Autor mehrmals an. Der Leser hält das bis kurz vor Schluss für eine Finte, und Deon Meyer braucht, um ihn zu widerlegen, einen großen Zufall. Der stört aber nicht, weil er nur äußerlich weit hergeholt ist. Poetisch stimmt alles.
Kripo-Inspekteur Bennie Griessel ist, anders als sein Kollege Februarie in
Schlaf ein, mein Kind, nicht depressiv. Gebeutelt aber schon. Weil er gesoffen hat, hat sich seine Frau Anna auf Zeit von ihm getrennt. Wird sie ihn zurücknehmen, jetzt, wo er schon 156 Tage trocken ist? Und will er überhaupt zurück? Die Stille in seiner Wohnung, wo "niemand (...) ihn beurteilte und begutachtete", hat auch etwas für sich. Seine Tochter Carla, die sich in einem Londoner Hotel ausbeuten lässt, liebt er glühend. Tage, an denen er ihr nicht mailen kann, machen ihn unglücklich.
Im Polizeiapparat in
Dreizehn Stunden toben Kämpfe um die guten Plätze nach der Apartheid. Um Griessel herum diskriminieren sich Schwarze, Braune, Weiße und verschiedene Stämme gegenseitig. Die Kripo verachtet die Verkehrspolizisten, die rächen sich mit destruktiver Faulheit. Männer sind beleidigt, wenn sie einer Frau gehorchen sollen. Frustrierte wechseln in eine Privatdetektei. Professionell gearbeitet wird trotzdem.
Deon Meyer wertet per Erzählperspektive: Von sympathischen, integren und für die Handlung wichtigen Figuren, zum Beispiel von nicht korrupten Polizisten, erfährt der Leser auch Gedanken, die Bösen sieht er dagegen nur von außen. Spannung erzeugt der Autor, indem er einen Handlungsfaden, kurz bevor das Entscheidende passiert, unterbricht und erst einmal anderswo weitermacht. Das sind keine neuen Techniken. Wie die meisten großen Krimischreiber ist Deon Meyer kein Avantgardist, sondern, mehr oder weniger getarnt, ein konventioneller Erzähler, und das auf höchstem Niveau. "In diesem Land ist alles möglich", sagt der farbige Polizist Fransman Dekker. Von Deon Meyer will man es wissen.
(erschienen in
Kommune 1/2010)
Roger Smith:
Blutiges Erwachen.
Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Peter Torberg
Stuttgart, Tropen Verlag bei Klett-Cotta 2010.
357 S., 19.90 Euro
Andrew Brown:
Schlaf ein, mein Kind.
Roman
Deutsch von Mechthild Barth
München, btb Verlag 2010.
384 S., 9.00 Euro
Deon Meyer:
Dreizehn Stunden.
Thriller
Aus dem Afrikaans von Stefanie
Schäfer
Berlin, Rütten & Loening Verlag 2009.
470 S., 19.95 Euro
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