Die Alligatorpapiere


Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:

Untaten & Orte
3/07


Die Krimikolumne
von Michael Schweizer


Deutsche Dörfer und Kleinstädte

Morde auf engem Raum


Die kleine Nora Herbst hat dem Staatsanwalt gesagt, der Vater habe der Mutter gedroht, sie umzubringen. Jürgen Herbst wird daraufhin verurteilt. Zwölf Jahre später kehrt die neunzehnjährige Nora nach Wolfshagen zurück, um den Mörder zu finden.
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Anke Geberts Kriminalroman Das Treiben lebt nicht von Glaubwürdigkeit. In Deutschland werden keine Siebenjährigen von Staatsanwälten in öffentlicher Verhandlung hereingelegt. Später tritt die erwachsene Nora in Wolfshagen unfassbar provokativ auf und spürt die Gefahr nicht, in die sie sich bringt. Außerdem stören viele Tempusfehler. Der Roman wirkt wie ein im Präsens verfasstes und dann schlampig umgeschriebenes Drehbuch. Einiges, was schöne Filmbilder abgäbe, liest sich unplausibel, zum Beispiel, dass Nora aus Ungeduld ihr Auto einfach im Stau stehen lässt.
Das Treiben hat aber auch Stärken. Zum Beispiel die filmhafte Spannung: Man bangt um Nora, die lange nicht merkt, wie gefährlich ihre Feinde sind. Einfühlsam beschrieben ist Noras Familiendrama, ihr "Glaube an die eigene Schuld", der sie ihr Leben aufs Spiel setzen lässt, um den Vater aus dem Gefängnis zu bekommen. Gut gelungen ist der 1960 geborenen Autorin alles, was ihr Buch zum Dorfroman macht. Wolfshagen ist eine Siedlung der Übriggebliebenen, die es nicht geschafft haben, ins nahe Hamburg abzuwandern. Zu den wenigen Freuden, die die Leute sich gönnen, zählen Jagen, Saufen, Belästigen und Vergewaltigen. Sie piesacken sich gründlich, aber gegen alle, die von außen kommen, halten sie mordbereit zusammen.

Was auch immer man über die bindende Kraft der Kirche denkt: In Wolfshagen gibt es sie huby-Bienzle-und-die-letzte-Beichte.jpg nicht. Die Gegend dürfte protestantisch gewesen sein, jetzt ist sie gottlos, nicht aus Philosophie, sondern aus Desinteresse an allem, was kein Geld bringt. Im katholischen Felsenbronn auf der Schwäbischen Alb, wo der nicht zuletzt aus dem Tatort bekannte Stuttgarter Kommissar Ernst Bienzle gelegentlich einer Familienfeier in einen Mordfall hineinstolpert, verhält sich das anders. Felix Huby, Jahrgang 1938, ist in Bienzle und die letzte Beichte eine unterhaltsame, mit routinierter Perfektion konstruierte Studie zu diesem Sakrament gelungen. "Bei uns geht es nicht um Sühne", sagt ein Pfarrer zu Bienzle, "sondern um Vergebung", und das ist ein Kernsatz für den ganzen Roman. Wer seine Untaten aufrichtig bereut, muss keine Strafe fürchten außer der, die ihm der Beichtvater auferlegt. Wenn andererseits jemand mithört, was im Beichtstuhl gesprochen wird, und die Niederträchtigkeiten mit als Unfällen getarnten Hinrichtungen ahndet, so kann, falls er bereut, auch ihm vergeben werden, und der Pfarrer wird der Polizei nichts sagen.

wolf-Ostfriesenkiller.jpg Verglichen mit Wolfshagen, wirken die ostfriesischen Städte Aurich und Norden in Klaus-Peter Wolfs Ostfriesenkiller wie Reiche der Freiheit.
40 000 beziehungsweise 25 000 Einwohner reichen für eine wohltuende städtische Anonymität bereits aus. Solange es nicht zu sehr auffällt, können die Leute machen, was sie wollen. Wenn die Polizei ein Verbrechen aufklären muss, ermittelt sie hinter Verdächtigen her, über die sie zunächst einmal kaum Informationen hat. Das dörfliche Gemeinwissen aller über alle existiert hier nicht. Der Unterschied zur Polizeiarbeit in Großstädten wirkt klein.
Ann Kathrin Klaasen, Hauptkommisarin in Aurich, sucht einen Serientäter. Binnen weniger Tage werden vier Männer umgebracht: einer mit einem einzigen Gewehrschuss durch ein Fenster, einer präzise mit einem Schwert, einer mit einem Pfeilschuss und einer mit vergifteten Pralinen. Wer kann sich diese Waffen leisten und so gut damit umgehen? Alle vier Getöteten haben für den Verein Regenbogen gearbeitet, der sich um geistig Behinderte und ihre Angehörigen kümmert. Der Verein verwaltet für seine Klienten auch deren teilweise beträchtliche Vermögen. Haben die vier in die eigene Tasche gewirtschaftet? Oder wollte sich jemand rächen, den der Verein daran gehindert hat, einen reichen Behinderten auszunehmen? Vielleicht hat der Täter aber ein ganz anderes Motiv: Alle vier Opfer waren kreativ und lebensfroh. Drei sind bei Frauen gut angekommen und haben das genossen.
Die 37-Jährige Hauptkommissarin Klaasen ist gerade von ihrem Mann Hero verlassen worden. Der Sohn Eike hat sich entschieden, mit dem Vater zu gehen. Klaus-Peter Wolf verunsichert den Leser gekonnt. Manchmal glaubt er, Hero habe den Jungen mit seinen Psychologentricks manipuliert. Dann wieder findet er die Kommissarin kontrollwütig und Heros Flucht verständlich. Vielleicht stimmt auch beides. Von solchen lebensnahen Unklarheiten und Vieldeutigkeiten ist Ostfriesenkiller voll. Unter dem Krimimantel hat Klaus-Peter Wolf einen Roman über Ehe, Elternschaft und Berufsleben geschrieben. Mit der Perspektive wechselt Wolf die Wahrheiten: Jeder Mensch sieht die Welt anders, und jeder hat einigermaßen Recht. Es gibt nicht viele andere Krimischreiber, die das abbilden können.
Im Roman treten geistig Behinderte auf - Wolf hat ehrenamtlich im Vorstand eines Hilfsdiensts gearbeitet. Der Leser findet es am Ende schlimm, wie wenig er vor kurzem noch über diese Menschen gewusst hat. Am rührendsten ist Sylvia Kleine, eine sexuell distanzlose, junge Frau, die immer wieder versucht, sich Freundschaften zu kaufen, dabei aber mit überraschender Hellsicht weiß, was sie tut.

schafmeister-hoellenfahrt.jpgDer 1954 geborene Wolf ist ein erfolgreicher Vielschreiber. Die Qualität von Ostfriesenkiller ist eine Freude, aber keine Überraschung. Anders verhält es sich mit Höllenfahrt, dem ersten Buch von Klaus Schafmeister. Dass ein 1952 geborener Debütant, der im öffentlichen Dienst der Stadt Georgsmarienhütte für Arbeitssicherheit zuständig ist, einen so überzeugenden Roman schreibt und dafür einen guten Verlag findet, ist eine Geschichte, mit der man im Literaturbetrieb nicht rechnet. Schafmeister wählt seine Freunde anspruchsvoll: Das "Vorwort" des Romans stammt von Plinius dem Älteren, den Hauptteilen stehen Zitate von Lewis Carroll, Shakespeare und aus der Offenbarung des Johannes voran.
In der Tat ist Höllenfahrt groß und apokalyptisch, und zwar auch deshalb, weil es über weite Strecken auf der winzigen Insel Holgrunt spielt, die Schafmeister erfunden und irgendwo in der Gegend von Sylt, Pellworm und der Hallig Langeneß platziert hat. In sieben Häusern auf acht Hektar können die Menschen ihrer Schlechtigkeit nicht ausweichen, was die meisten aber auch gar nicht wollen. Nur Engelke, aus deren Sicht Schafmeister überwiegend erzählt, ist anders. Sie hat schon den Absprung nach Kopenhagen geschafft, kommt aber zurück, als ihr Vater, dem die Insel gehört, zum Pflegefall wird. Der Alte erweist sich als zäh, Engelke bleibt und wird wieder in ihre abscheuliche Familie hineingerissen. Natürlich lernt sie die falschen Männer kennen und geht leichtsinnig mit einem unerwarteten Reichtum um. Am Ende verschlingt die Flut vom Februar 1962 die Insel wohlverdient mit dem ganzen Gesindel. Nur Engelke, 26, überlebt schwer verletzt. "Du bist frei", heißt der letzte Satz, aber dazu musste sie fast alles verlieren.
Höllenfahrt einen Krimi zu nennen, wäre, gemessen an vielem, was unter dieser Bezeichnung läuft, beleidigend. Doch eine Enthüllungsgeschichte, einen Roman nach dem Muster des analytischen Dramas, hat Schafmeister geschrieben. Während aber König Ödipus am Ende weiß, welche Rolle Gewalt und Inzest in seinem Leben gespielt haben, erfährt Engelke nicht, was anders war, als verstockte friesische Schweiger glauben machen wollten. Dem Leser sagt es Schafmeister beiläufig oder nur zwischen den Zeilen, er rechnet mit Aufmerksamkeit. Engelke selbst wird sich an das Schlimmste nie erinnern können. Wenn sie noch lebt, ist sie 72. Der Leser erführe gerne, wie es ihr geht.


(erschienen in Kommune 3/2007)

gebert-das-treiben Anke Gebert:
Das Treiben. Krimi

Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag 2007.
175 S., 8,95 Euro

huby-Bienzle-und-die-letzte-Beichte.jpg Felix Huby:
Bienzle und die letzte Beichte.
Kriminalroman


Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag 2005.
206 S., 7,90 Euro

wolf-Ostfriesenkiller Klaus-Peter Wolf:
Ostfriesenkiller.
Kriminalroman


Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag 2007.
311 S., 8,95 Euro

schafmeister-hoellenfahrt Klaus Schafmeister:
Höllenfahrt.
Roman


Frankfurt am Main, Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung 2007.
358 S., 19,90 Euro

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Untaten & Orte
Eine Kolumne von Michael Schweizer

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Seit Jahren veröffentlicht Michael Schweizer in der Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" seine Krimikolumne "Untaten & Orte". Es gibt nicht viele Kolumnen zur Kriminalliteratur, die so fundiert sind wie diese und wir danken Michael Schweizer und der Zeitschrift "Kommune" für die Genehmigung, diese wichtigen Beiträge bei den Alligatorpapieren veröffentlichen und archivieren zu dürfen. Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur


Michael Schweizer, geboren 1960, Staatsexamen in Germanistik und Geschichte, Promotion über Wolf von Niebelschütz im Nationalsozialismus. Textchef bei einer Fachzeitung, literaturkritische und andere Beiträge unter anderem in der Berliner Zeitung, taz, Freitag und Kommune. Mitarbeiter des Internet-Feuilletons Perlentaucher,
Michael Schweizers Kolumne: Untaten & Orte