Die Alligatorpapiere


Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:

Untaten & Orte

Die Krimikolumne
von Michael Schweizer



Inseln in kaltem Wasser
Alte Nazis, alter Fußball: Färöer, Föhr, England

Fast niemand war schon auf den Färöer Inseln. Aber die meisten mögen sie. Sofern man nichts gegen Regen hat, gelten sie als erholsam. Nicht archaisch wie irgendwelche Steinhaufen in der Ägäis ohne richtigen Hafen, sondern modern, aber auf eine geschützte Art. Fußballerisch freut man sich, wenn sie unsympathischen Mannschaften wie Deutschland oder Österreich das Leben schwer machen. Von einer Inselgruppe, deren Hauptstadt Tórshavn nur 15 000 Einwohner hat, erwartet man nichts Schlechtes.
Der Journalist Hannis Martinsson, Ich-Erzähler von Jógvan Isaksens erstem Roman Endstation isaksen-Endstation-Faeroer.jpgFäröer, hat allerdings gegen seine Heimat einiges einzuwenden. Loslassen will er sie trotzdem nicht. Nach Tórshavn kehrt er zurück, wenn es anderswo, zum Beispiel in Rom, mit dem Schreiben nicht klappt.
Diesmal gerät er in eine Story, die größer ist, als ihm lieb sein kann.
Sonja, eine befreundete Kollegin, und Hugo, mit dem er zur Schule gegangen ist, werden ermordet. Beide wussten zu viel über ein Schiff aus Paraguay, das seit Wochen im Hafen von Tórshavn liegt, ohne dass die Behörden sich pflichtgemäß darum kümmern. An Bord sind zwei alte Nazis, die aber noch jung genug sind, um nach einem der angeblichen Nazi-Goldschätze zu suchen, die kurz vor Kriegsende versteckt worden sein sollen.
Endstation Färöer war 1990 der erste färöische Kriminalroman. Jetzt, 16 Jahre später, schreibt Jógvan Isaksen gerade den dritten. Ansonsten lehrt er färöische Sprache und Literatur an der Universität von Kopenhagen. Gemächlichkeit und akademische Fundierung prägen schon das Debüt. "Sollte ich die Polizei anrufen? Nein, das würde zu lange dauern und mir die Sache nur erschweren." Raymond Chandler hätte auf jeden Fall den zweiten Satz weggelassen und wahrscheinlich auch den ersten. Zu Isaksen würde das nicht passen. Sein Stil steht für die Sehnsucht, dass das Leben auch langsamer sein könnte statt so vernichtend rasant. Und obwohl alles bedächtiger vorgetragen wird, ist Martinsson so trinkfest verlottert und im Kern so integer wie ein amerikanischer Schwarze-Serie-Detektiv.
Isaksen musste sich fragen, wie man mordende Nazis in unterhaltsamer Fiktion unterbringen kann. Er hat sich fürs Zitieren und Referieren dessen entschieden, was Martinsson im Lauf seiner Recherche zusammenliest. Das war eine gute Idee. Hätten Kriegsverbrecher wie Albert Kesselring und Herbert Kappler persönlich das Wort ergriffen, so hätten alle Peinlichkeiten des historischen Romans auf einmal gedroht, und das bei diesem Thema.

Vor dem gleichen Problem stand auch Olaf Schmidt. Sein erster Roman Friesenblut spielt schmidt-friesenblut.jpgauf der nordfriesischen Insel Föhr und wird von der späten D-Mark-Zeit aus erzählt – Pommes mit Mayo im Hafen von Dagebüll kosten zwei Mark fünfzig. Da die dänisch-deutsche Geschichte eine Rolle spielt, greift der Text aber weit zurück. Schmidt lässt den Föhrer Maler Oluf Braren (1787 – 1839), den Goethe-Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751 – 1829) und andere historische Figuren viel reden ("Potz, Lümmel") und manche in faszinierend imitiertem Zeitstil auch schreiben. Die Nazis dagegen, die für die spätere Handlung ebenso wichtig sind, treten nicht selbst auf, sondern kommen nur vor, indem, lange "danach", Anselm hört, was andere von ihnen erzählen. Das gilt auch für einiges, was sie auf Föhr tatsächlich getan haben. Schmidt hat wohl gespürt, dass es unerträglich ist, wenn die Fiktion, weil gelungen, Nazi-Greuel als Literatur genießbar macht. Um ihnen keinen Schwung zu geben, erzählt Schmidt von den Nazis nicht unmittelbar, sondern nur als Erzählung in der Erzählung.
Friesenblut beginnt mit einer Durststrecke. Das Vorspiel, in dem Anselm in Dagebüllübernachten muss, weil die Fähre nach Föhr ausfällt, ist schlecht geschrieben. Der junge Kunsthistoriker setzt sich in einen wertenden Kontrast zu den Zechern, deren Augen "wie glühende Bälle in den Höhlen" rollen, während sie sich "mit fanatischem Eifer ihrem Gesang" hingeben. Es wimmelt von Übertreibungen, Wiederholungen und überflüssigen Sätzen, die betonen, wie vorteilhaft sich Anselm von dem Hafen und dem Kneipenpublikum unterscheidet.
Ist dieser Prolog auf Geheiß des Lektors entstanden, der Olaf Schmidt auch zu anderen substanziellen Änderungen bewegte? Kaum ist Anselm in Wyk von der Fähre gegangen, dreht der Autor auf und schenkt dem Leser eine spannende Geschichte. Anselm schreibt an einer Dissertation über Oluf Braren, den sein Doktorvater für nebensächlich hält und dessen Größe er gerne beweisen würde. Auf Föhr taucht eine Tafel auf, die zum verschwundenen letzten Werk Brarens, Die stille Hochzeit, gehören soll. Darauf hat sich der Maler selbst porträtiert, neben Tischbein – war er dessen Schüler? Das alles wären mehrere Sensationen auf einmal und für Anselm der Beginn einer Karriere. Aber kaum hat er das Bild gesehen, lässt es jemand verschwinden. Anselm entdeckt, dass das Fragment schon einmal aufgespürt worden war: 1936 von dem jüdischen Kunsthistoriker Friedrich Blumenthal, der die Insel nicht lebend verlassen hat. Seine Mörder leben noch. Anselm ist, anders als im Prolog, nicht mehr überlegen. Er trifft seine Schülerliebe Elke wieder, der gegenüber er damals versagt hat, und versagt erneut. Am Schluss hat er vieles verloren und sich gefunden.
In den Braren- und Tischbein-Kapiteln wechselt Schmidt auf das Feld des historischen Romans. Diese Gattung ist verrufen. Immer wieder scheitert sie daran, dass Menschen von früher geschildert werden, als wären sie wie wir. Stilistisch schlägt sich das oft in unfreiwilliger Komik vom Typ "Auf gehts, sagte Hannibal", nieder. Schmidt jedoch sind auch die historischen Kapitel gelungen. Der 1971 auf Föhr geborene promovierte Germanist ist in alles Friesische, auch in wirkmächtiges Dubioses, so eingelesen, dass er im Vergangenen das Heutige nur findet, wo es ist, und das Fremde fremd sein lässt.

In Erich Loests Der Mörder saß im Wembley-Stadion hat der Nazikrieg eine vergleichsweise loest-der-moerder-sass-im-wembley-stadion.jpgdünne Spur hinerlassen: Einmal wird Bernd Trautmann erwähnt, der nach der Kriegsgefangenschaft in England geblieben war und dort als Fußballtorwart von Manchester City legendär wurde, nicht nur weil er das Pokalfinale von 1956 mit gebrochenem Genick gewann.
Loests Roman spielt in London während der Weltmeisterschaft 1966. Der Scotland-Yard-Kommissar George Varney versucht, eine Serie von Raubüberfällen aufzuklären. Hinter ihnen steckt ein Denker, der seine Handlanger aus der Ferne im Griff hat. Ein Journalist, der schon mehr wusste als Varney, und eine Aussteigerin werden erschossen.
Das Ganze liest sich geschichtsentlastet harmlos und ruft nach einem Kaminsessel. 1966 konnte man, wenn es stimmt, WM-Finalkarten noch direkt vor dem Spiel kaufen. Es war eine realistische Idee, die Kasse mit den Einnahmen eines Halbfinalspiels zu rauben. Im Stadion wurde man nicht registriert, vorher auch nicht. Wenn Scotland Yard eine Wanze installieren wollte, wurde ein Privatdetektiv beauftragt, denn dass "eine Behörde der Königin" Bürger in ihrer Wohnung abhörte, galt als Unding. Man konnte sich als Minister nicht mit großen Lauschangriffen brüsten. Seither hat sich viel geändert. So schleicht sich doch wieder die Geschichte in den Text.
Auch dadurch, dass es das Buch überhaupt gibt. 1964 wurde Erich Loest nach sieben Jahren aus der Haft entlassen. Sein Lektor, ein Stasispitzel, riet ihm, Krimis zu schreiben. Die sollten überall spielen, nur nicht in der DDR. Loest legte sich dafür das Pseudonym Hans Walldorf zu, und sein Wembley-Krimi erschien, nicht in der heutigen Fassung und auch nicht in der des noch erhältlichen Fischer-Taschenbuchs von 1985, 1967 im Mitteldeutschen Verlag in Halle. Im Jahr nach dem Turnier. Heute müsste vor dem ersten Spiel das meiste verkauft sein.


( erschienen in Kommune 3/2006)

isaksen-Endstation-Faeroer Jógvan Isaksen:
Endstation Färöer.
Aus dem Dänischen von Christel Hildebrandt


Dortmund, Grafit Verlag 2006.
252 S., 8,95 Euro



schmidt-friesenblut.jpg Olaf Schmidt:
Friesenblut.


Frankfurt am Main, Eichborn Verlag 2006.
271 S., 19,90 Euro


loest-der-moerder-sass-im-wembley-stadion.jpg Erich Loest:
Der Mörder saß im Wembley-Stadion.


Göttingen, Steidl Verlag 2006.

200 S., 10,00 Euro

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Untaten & Orte
Eine Kolumne von Michael Schweizer

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Seit Jahren veröffentlicht Michael Schweizer in der Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" seine Krimikolumne "Untaten & Orte". Es gibt nicht viele Kolumnen zur Kriminalliteratur, die so fundiert sind wie diese und wir danken Michael Schweizer und der Zeitschrift "Kommune" für die Genehmigung, diese wichtigen Beiträge bei den Alligatorpapieren veröffentlichen und archivieren zu dürfen. Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur


Michael Schweizer, geboren 1960, Staatsexamen in Germanistik und Geschichte, Promotion über Wolf von Niebelschütz im Nationalsozialismus. Textchef bei einer Fachzeitung, literaturkritische und andere Beiträge unter anderem in der Berliner Zeitung, taz, Freitag und Kommune. Mitarbeiter des Internet-Feuilletons Perlentaucher,
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