Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur"
und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:
Untaten & Orte
3/09
Die Krimikolumne
von Michael Schweizer
Kinder
Was drei Krimis von den Jüngsten wissen

Um zu den anderen Kindern hinauszulaufen, war Kate "sogar in ihre Jacke geschlüpft, (...) aber an der Tür hatte sie der Mut verlassen". Kate ist einsam, weil sie klüger ist als die meisten anderen Kinder. Sie sieht sich als Detektivin. Fast jeden Tag fährt sie von dem herunterkommenden, hundereichen Viertel, in dem sie wohnt, in das Einkaufszentrum Green Oaks und macht sich Notizen über mutmaßliche Bankräuber und andere Verdächtige. Zunächst bildet sie sich vieles nur ein, aber dann gerät sie, da sie ungewöhnlich gut beobachtet, an einen Gefährlichen. 1984, im Alter von zehn Jahren, verschwindet sie. 19 Jahre später erblickt sie der junge Wachmann Kurt in Green Oaks auf einem Kontrollbildschirm. Das kann natürlich nicht sein. In Wirklichkeit ist Kate aus seiner Seele zurückgekommen, weil er damals niemandem gesagt hat, dass er sie an ihrem letzten Tag in Green Oaks gesehen hat. Hätte er geredet, hätte sie vielleicht gerettet werden können. Oder doch der junge Mann, den die Polizei zu Unrecht verdächtigt.
Was mit Kate geschah (original 2007), das Debüt der 1970 geborenen Catherine O'Flynn, liest sich ähnlich gut wie andere gelungene britische Romane aus den letzten zwanzig Jahren. Drei typische Stärken beglücken den Leser. Die erste sind die großen Themen, hier vor allem Schuld und Wahrheit. Nicht nur Kurt hat vor langer Zeit etwas Schlimmes angerichtet. Manche können ihr Unglück abschütteln, indem sie ihre alten Fehler freiwillig zugeben. Andere gehen mit ihrer Vergangenheit unter.
Der zweite Vorzug auch dieses britischen Romans liegt darin, wie die individuellen Fragen, die sich den Akteuren stellen, als soziale geerdet werden. Green Oaks steht auf einer Industriebrache in Birmingham, und das auch symbolisch: Harte, sinnvolle, halbwegs fair vergütete Arbeit gibt es kaum mehr, stattdessen Manipulation und Überwachung in Form miserabel bezahlter Dienstleistung. Kunden und Mitarbeiter strömen in das Einkaufszentrum, weil sie keinen guten Platz auf der Welt haben.
Die dritte britische Stärke Catherine O'Flynns sind die hervorragende Technik und die dadurch bewirkte Leichtigkeit, mit der sie das Schwere behandelt. Aus Kates Sicht erzählt sie rührend, aus anderen Perspektiven teils erschreckend; effektvoll wechselt sie zwischen ruhigen und spannenden Passagen. Einiges, das auch dezent verschwiegen werden könnte, wird komisch ausgesprochen. Kates Großmutter Ivy bilanziert ihre Eignung zur Mutterschaft wie folgt: "Ich habe es einmal versucht, und du siehst ja, was dabei herausgekommen ist. Deine Mutter ist ein dummes Ding."

Wie schwierig es für Erwachsene ist, über Kinder oder Jugendliche zu schreiben, und wie hoch O' Flynns Leistung daher einzuschätzen, zeigt ein missratener Versuch:
Rickeracke von Josef Rauch. Darin fährt ein Privatdetektiv auf einen Einödhof, weil der Bäuerin vier Hühner umgebracht worden sind. Der Detektiv und Ich-Erzähler merkt schnell, dass der Täter sich an Max' und Moritz' erstem Streich orientiert hat ("Ihrer Hühner waren drei/Und ein stolzer Hahn dabei") und in diesem Sinne fortfährt: Die Hühner werden geklaut (zweiter Streich), die Brücke, einziger Weg zum Hof, wird angesägt wie dem Schneider Böck im dritten Streich und so weiter. Wie bei Wilhelm Busch ist das eigentlich alles nicht lustig. Doch gegen wen geht es? Den Bauern, die Bäuerin oder die kluge, aber verstörte halbwüchsige Tochter?
Leider ist der Roman unglaublich schlecht geschrieben. Josef Rauch, Jahrgang 1968, reiht Klischees aneinander, an denen vor allem verwundert, dass sie noch jemandem einfallen. Der Bauer zum Beispiel, brutal, schlau und primitiv, "hatte eine grobschlächtige Visage, an der alles wulstig war". Rauch will abgedrehte Vergleiche finden wie Raymond Chandler, aber der Leser stöhnt: Die Brücke sieht "ungefähr so vertrauenserweckend" aus "wie ein schmierig grinsender Mafioso, der gerade einen Schalldämpfer auf eine Kleinkaliberpistole schraubte". Kein Füllwort, keine nominale Umständlichkeit, keine überflüssige Erklärung wird ausgelassen. Fast jeder Satz ist vermurkst.
Traurigerweise ist das Buch mit Sorgfalt und Liebe gemacht. Auf seine Art ist der Autor konsequent: Er hat auf Schritt und Tritt dafür gesorgt, dass in sich alles stimmig ist. Die Lektorin Natascha Becker hat so tadellos auf Rechtschreibung geachtet, wie es größere Verlage nicht mehr tun. Auch Satz und Einband gefallen. Warum verwendet jemand, der nicht schreiben kann, so viel Zeit und Mühe darauf? Warum publizieren andere das? Für niemanden? Oder für eine florierende Szene, von der das Feuilleton keine Ahnung hat? Das sind grundsätzliche Fragen, denn wer ein paar Jahre lang Bücher rezensiert, bekommt stapelweise Zeug zugeschickt, über das er meistens lieber schweigt, und mit Krimis ist es besonders schlimm. Frustrierend gestaltet es sich, auf gute Unbekannte aus kleinen Verlagen hinweisen zu wollen, denn das meiste, was dort erscheint, ist noch unfassbar viel schlechter als, sagen wir, Henning Mankell. Warum tun die Leute nicht etwas, das sie können, oder einfach gar nichts?

Ovid soll ein Drama über Medea geschrieben haben, die Frau vom Schwarzen Meer, die ihre Kinder tötete, weil sie damit ihren untreuen Mann am meisten quälen konnte. Auch in Monika Geiers fünftem Roman
Die Herzen aller Mädchen - der Titel zitiert Ovids
Ars amatoria - wird aus Gründen ehelichen Unglücks ein Kind ermordet. Ein anderes, die kleine Lea, stellen seine Eltern mit Drogen ruhig, damit es sie nicht bei einem Verbrechen stört. Enzo und seiner Schwester Sammy geht es dagegen wohl gut, obwohl sie ihre Mutter verloren haben. Deren Schwester, die Ludwigshafener Kriminalkommissarin Bettina Boll, ist bei ihnen eingezogen und hat ihren Beruf auf halbtags reduziert. Sie soll dafür sorgen, dass eine mittelalterliche Handschrift mit Ovid-Texten nicht gestohlen wird.
Das Medea-Motiv des Kindesmords ist nicht das einzige, das an anderer Stelle verwandelt wiederkehrt. Zum Beispiel gibt es eine funktionierende Bombe und eine nicht funktionierende, die der kleine Enzo mit echten Polizeipatronen in einem Dildo zu bauen versucht hat.
Die Herzen aller Mädchen spielt noch ausführlicher mit Mehrdeutig- und Doppelbödigkeiten, als es für Krimis konstitutiv ist. Bis zum Schluss bleibt offen, ob der Literaturwissenschaftler Gregor Krampe im Zusammenhang mit der Ovid-Handschrift nur viel oder doch sehr viel Dreck am Stecken hat. Und liebt er Bettina Boll, oder hat er sie nur für ein Alibi benutzt? Sie liebt ihn, aber will sie noch etwas mit ihm zu tun haben?
Monika Geier, 1970 geboren, erzählt den Roman abwechselnd aus der Sicht von Bettina Boll, Gregor Krampe und dessen Mutter. Virtuos spielt sie damit, dass der Leser mal mehr, mal weniger weiß als die Figur, die gerade im Zentrum steht. Die Sprache ist vielleicht noch ein bisschen witziger, gewandter und souveräner als in den auch schon überzeugenden ersten vier Bettina-Boll-Krimis seit
Wie könnt ihr schlafen (1999). Vielleicht liegt das daran, dass über die Kommissarin, die seit
Neapel sehen (2001) wegen der Kinder ihrer Schwester eigentlich keine Zeit mehr dafür hat, wieder ein Liebesleben hereinbricht. So hat Geier erstmals Gelegenheit, ihre Kenntnis des Mädchenherzens anhand ihrer Hauptfigur zu entfalten. Es ist eine Sensation, dass Bettina Boll so unprofessionell ist, mit einem Verdächtigen zu schlafen, den sie observieren soll, und eine unmoralische Pointe, dass sie jetzt als Polizistin so gut ist wie noch nie.
Die Herzen aller Mädchen geht mit Personal und Nebenhandlungen verschwenderisch um. Andere Schreiber hätten daraus zehn Romane gequetscht. Nur eines vermisst der Leser: Kaiserslautern ("Lautringen") und der Pfälzer Wald kommen diesmal kürzer weg als in
Stein sei ewig (2003) beziehungsweise
Schwarzwild (2007). Schon wachsen die Erwartungen.
(erschienen in
Kommune 3/2009)
Catherine O'Flynn:
Was mit Kate geschah.
Roman.
Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann
Zürich , Artemis Verlag 2009.
271 S., 19.90 Euro
Josef Rauch:
Rickeracke
Ein 'Max und Moritz'-Krimi
Nidderau, Verlag M. Naumann 2008.
142 S., 14.00 Euro
Monika Geier:
Die Herzen aller Mädchen.
Hamburg, Argument Verlag 2009.
351 S., 11.00 Euro
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