Die Alligatorpapiere


Die Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" und "Die Alligatorpapiere" präsentieren:

Untaten & Orte
3/08


Die Krimikolumne
von Michael Schweizer


Familienbande

Drei deutsche Krimis erzählen vom Leiden an Vätern



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Dem Berliner Literaturagenten Christoph Schiller ist gerade seine Frau zusammen mit einem einträglichen Autor entlaufen. Als die junge Mona Habicht, "Typ Literaturstudentin aus reichem Elternhaus", ausdrücklich mit ihm schlafen und ihm dann erst ihr Manuskript zeigen will, erweist er sich als ansprechbar. Auch das Manuskript hat es in sich. Es handelt davon, wie sich ehemalige DDR-Funktionäre und Stasileute am Bau des 2006 fertig gestellten Magedeburger Fußballstadions bereichert haben. Schiller fährt nach Magdeburg und wird von Rechtsradikalen zusammengeschlagen. Danach sind Mona und ihr Expose verschwunden.
Schiller ist dunkelhäutig, weil seine Mutter aus Kenia kam. Sein Vater, ein bundesrepublikanischer Diplomat, ist 1979 ohne Familie in die DDR geflohen, nachdem er als DDR-Spion enttarnt worden war. Schiller wollte nie wieder mit ihm reden, jetzt aber ist er auf ihn angewiesen, wenn er Mona retten will. Auf ihn und auf Ilja Pogwisch, früher Stasi, jetzt Taxi.
Christiane Dieckerhoff (geboren 1960) und Heinz-Werner Jezewski (1958) stammen aus dem Ruhrgebiet. Für Schillers Schatten haben sie ausführlich recherchiert wie über ein fremdes Land. Der Leser erfährt viel über die Magdeburger Facetten von Rassismus, Baukorruption, Post-Stasi- und Post-Blockflöten-Karrieren. Außerdem über die Welt der Literaturagenten, in der Bücher nicht aus Bedarf geschrieben werden, sondern für Zielgruppen.
Mit dieser Stärke des Buchs, dem Zug zum Gesamtbild, hängt seine Schwäche zusammen: Streckenweise klingt es, als hätten die Verfasser die bedenklichsten Gegenwartsmiseren von einer Liste herunter auf ihre Figuren quotiert. Zum Beispiel stellt sich der wirtschaftskriminelle Stadtbaurat auch noch als verkappt pädophil heraus.
Der Stil wechselt zwischen Drastik und Biederkeit. Sex und Gewalt werden für Leser beschrieben, die es deutlich mögen; zwischendurch finden sich Bürokratendeutsch, beflissene Erklärungen für Leute, die die letzten zehn Seiten verschlafen haben, sowie "Sahnehäubchen auf der Torte von Schillers Triumph". Für Komik sorgt Schillers Assistentin Brenda, die sich mit einem Bausparvertrag die Brüste hat aufrüsten lassen. Später rettet sie ihrem Chef das Leben.
Gut sind die Grautöne. Zum Beispiel wurde Pogwisch Horcher und Greifer, weil die Nazis unter seinen jüdischen Angehörigen gewütet haben. Am Schluss ist nichts heil, aber einiges versöhnt.

schuenemann-der-bruder.jpg Der Münchner Luxusfriseur Tomas Prinz besucht in Moskau seinen Geliebten Aljoscha, der für eine russische Galeristin arbeitet. Als Prinz zurück ist, kommt ein Fremder in seinen Salon und behauptet, er, Jakob, sei Prinz' Halbbruder. Prinz' Vater, ein reicher Unternehmer, hatte zur passenden Zeit eine Geliebte. Was will Jakob von Tomas, seiner Schwester Regula und beider Mutter - Geld? Als der erfolglose Maler mit seinen Bildern plötzlich den großen Durchbruch schafft, wird er umgebracht. Wie schon in Christian Schünemanns erstem Buch Der Friseur betätigt sich Tomas Prinz wider Willen als Detektiv.
Der Bruder ist klar und flüssig geschrieben, viel besser als Schillers Schatten. Schünemann, Jahrgang 1968, beherrscht die Kunst des Weglassens. Er erklärt nur wenig, das ein konzentrierter Leser schon verstanden hat. Wenn eine Episode fertig ist, beginnt ohne Überleitung die nächste. In Gruppenszenen werden Figuren erst eingeführt, wenn sie wichtig werden, nicht schon, solange sie neben der Handlung herumstehen. Das Buch enthält keine Füllwörter. Der Stil ist auf präzise, angenehme Art unspektakulär, gelegentlich unterbrochen von einem lustigen oder tiefsinnigen Meinungssatz ("Der russische Haarschnitt ist eine Katastrophe").
Auch die Konstruktion überzeugt. Unscheinbare Details kommen später wieder und sind dann wichtig für den Krimi-Plot. Alles geht genau auf - technisch gesehen; psychologisch ist das Motiv des Mörders, gemessen am wirklichen Leben, etwas weit hergeholt. Aber das ist in Krimis kein Vorwurf. Vor der Auflösung werden alle anderen verdächtig gemacht, bei denen es irgendwie plausibel ist. Das ist, da gut gemacht, im Genre in Ordnung.
Ein perfekter Krimi also, spannend und mit Münchner Lokalkolorit. Dass das Buch trotzdem stellenweise belanglos wirkt, liegt am Milieu. Tomas Prinz müsste nicht arbeiten. Seine Verwandten, Freunde und Kunden haben durchaus Probleme, aber eben solche, die die halbprekäre Mittelschicht gerne hätte. Literarisch ist das kein Argument, denn Qualität hängt nicht vom Thema ab, sondern vom schreiberischen Können. Arme Leute sind ja auch nicht grundsätzlich interessanter als reiche. Trotzdem lesen sich die Passagen ergiebiger, in denen nicht die Familie Prinz im Vordergrund steht, sondern jemand, der in begründete Existenzangst geraten kann.

klassen-der-13te-brief.jpgLila Ziegler will den Wohlstand ihrer Eltern nicht. Ihr Vater, ein Hannoveraner Oberstaatsanwalt, hat ihr einen Jura-Studienplatz in Bielefeld besorgt, für den ihr Abitur nicht gereicht hätte. Lila verlässt den Zug aber erst in Bochum. Dort regnet es, sie kennt niemanden und hat schnell kein Geld mehr. Mit einer hanebüchenen Geschichte quartiert sie sich bei einem kräftigen, schmuddeligen Vierzigjährigen ein, der gleich die Sicherheitskette vorlegt.
Der alte Sack heißt Ben Danner und entpuppt sich als Expolizist und Privatdetektiv. Zunächst möchte er die Sofaschläferin möglichst rasch wieder loswerden. Dann merkt er, dass sie ihm helfen kann. Er schmuggelt sie als Schülerin an der Schule ein, an der er selbst so tut, als wäre er Lehrer. Grund der Ermittlungen: Eva Ahrend, die Tochter eines anderen Lehrers, hat Selbstmord begangen. Oder auch nicht.
Der 13. Brief ist der erste Krimi der 1977 geborenen Physiotherapeutin Lucie Klassen. Ein höchst vergnügliches Debüt. Gekonnt durchgehalten ist das Thema Lüge. Lila hat bisher alle darüber hinweggetäuscht, dass ihr Vater sie immer wieder brutal verprügelt hat. Als Danners Rechercheurin lügt sie weiter: Sie nähert sich Eva Ahrends Freundinnen Lena, Franziska und Karoline an, scheinbar um sich mit ihnen anzufreunden, in Wirklichkeit um sie auszuhorchen. Das treibt sie in bittere Selbstbezichtigungen.
Sonst ist Klassens Ton frisch und munter: "Mein lila Wollrolli wirkte zwischen seiner Wäsche wie ein Papagei, der mit einem Schwarm Raben nach Süden ziehen wollte." Lila und Ben führen einen Liebeskampf wie Beatrice und Benedikt in Viel Lärm um nichts: Sie nerven sich so, dass sie lange nicht merken, wie sie geschlechtlich aufeinander zurasen. Zu Danners Männerwirtschaft gehören der Kneipenwirt Molle und der Kriminalkommissar Lenny Staschek, der Vater von Lena. Er hat Danner an die Schule geschickt, weil seine Chefin Klara Peters ihm verboren hat, an dem Fall zu arbeiten.
Kompositorisch passt alles. Der Leser muss im Blick haben, wann Lila lügt und was daraus folgt. Lucie Klassen walzt das nicht aus, sondern rechnet mit Aufmerksamkeit. Sachlich ist manches unwahrscheinlich, zum Beispiel, dass ein Mörder einen Abschiedsbrief von Hand fälscht. Aber ein Krimi-Plot muss nur innerhalb des Buchs stimmen, und das tut er.
Die "Stromstöße" und das "Kribbeln", das der fast doppelt so alte Danner in Lila auslöst, führen zu einer heftigen Entladung auf einer Kühlerhaube und zu wonnigen Fortsetzungen. Anderes ist politisch korrekter, als es klingt. Evas Freundinnen und Bens Kumpel haben teils raue Schalen und große Klappen, sind aber schwer in Ordnung und nehmen keine Drogen. Die Anständigen klären den Fall, die Üblen haben das Nachsehen. Den Übelsten erlegt Lilia in Notwehr: "Ich war eine Mörderin."
Lila und Danner haben sich eigentlich nur geküsst, um Danners frühere Chefin Klara Peters zu ärgern. Danach war der Anziehung nicht mehr zu widerstehen. Und Lena, um die Lila nur ermittlungstaktisch geworben hat, wird ihr wohl eine sehr gute Freundin werden. Die Lüge geht in Wahrheit über.

(erschienen in Kommune 3/2008)

dieckerhoff-jezewski-Schillers-Schatten Christiane Dieckerhoff und Heinz-Werner Jezewski:
Schillers Schatten.
Ein Magdeburg-Krimi.

Halle/Saale, Mitteldeutscher Verlag 2008.
215 S, 9.90 Euro

schuenemann-der-bruder.jpg Christian Schünemann:
Der Bruder.
Ein Fall für den Frisör.
Roman


Zürich, Diogenes Verlag 2008.
275 S., 8.90 Euro

klassen-der-13te-brief.jpg Lucie Klassen:
Der 13. Brief.
Kriminalroman.


Dortmund, Grafit Verlag 2008.
347 S., 9,95 Euro

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Seit Jahren veröffentlicht Michael Schweizer in der Zeitschrift "Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur" seine Krimikolumne "Untaten & Orte". Es gibt nicht viele Kolumnen zur Kriminalliteratur, die so fundiert sind wie diese und wir danken Michael Schweizer und der Zeitschrift "Kommune" für die Genehmigung, diese wichtigen Beiträge bei den Alligatorpapieren veröffentlichen und archivieren zu dürfen. Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur


Michael Schweizer, geboren 1960, Staatsexamen in Germanistik und Geschichte, Promotion über Wolf von Niebelschütz im Nationalsozialismus. Textchef bei einer Fachzeitung, literaturkritische und andere Beiträge unter anderem in der Berliner Zeitung, taz, Freitag und Kommune. Mitarbeiter des Internet-Feuilletons Perlentaucher,
Michael Schweizers Kolumne: Untaten & Orte