In die "Criminalbibliothek des 19. und frühen 20. Jahrhunderts" (www.alte-krimis.de) wurde einer neuer Band eingestellt, der dort kostenlos gelesen beziehungsweise heruntergeladen werden kann. "Der Kurier des Präsidenten" (1919) ist nach "Venus vulgivaga (Der letzte Schuß)" von 1923 schon der zweite online verfügbare Kriminalroman des nahezu völlig vergessenen Frankfurter Autors Otto Schwerin (1890 - 1936). "Dr. Lutz, der Held von Otto Schwerin, löst (...) einen verzwickten Fall, der in Südamerika beginnt und in Frankfurt am Main endet", teilt der Betreiber des verdienstvollen Internetprojekts mit. Schauen Sie doch mal rein, es lohnt sich.

Wir bleiben im Jahr 1919 und greifen zu einem historischen Kriminalroman. "Gespenster in Breslau" (dtv, München 2007, 315 Seiten, 14,50 Euro), im Original 2005 unter dem Titel "Widma w miescie Breslau" in Warschau erschienen, ist nach "Tod in Breslau" ("Smierc w Breslau", 1999, dt. 2002) und "Der Kalenderblattmörder" ("Koniec swiata w Breslau", 2003, dt. 2006) der dritte Teil von Marek Krajewskis Breslau-Tetralogie, die der 1966 geborene Autor, ein promovierter Altphilologe, im vergangenen Jahr mit dem noch nicht übersetzten Band "Festung Breslau" zum Abschluss brachte. "Gespenster in Breslau" ist eine gelungene Mischung aus Schauernovelle und Psychothriller, die Krajewskis Hauptfigur, den versoffenen und nicht nur aus beruflichen Gründen ständig in Bordellen anzutreffenden Kriminalpolizisten Eberhard Mock, mit einer grausigen Verbrechensserie konfrontiert. Die Geschichte beginnt damit, dass auf einer Oderinsel die nackten Leichen von vier jungen Männern gefunden werden, denen vor ihrem Tod sämtliche Gliedmaßen gebrochen und die Augen ausgestochen wurden. Außerdem hat der Täter eine schriftliche Botschaft hinterlassen, in der dem hier noch jungen Kriminalassistenten Mock die moralische Verantwortung für die Morde zugewiesen wird. Der Brief endet mit dem Satz: "Und wenn Du keine Toten mehr sehen willst, gesteh Deinen Fehler ein." Nur dass Mock überhaupt keine Ahnung hat, von welchem "Fehler" da die Rede ist … Erstaunlich, wie unangestrengt Krajewski die Atmosphäre jener schlesischen Metropole heraufbeschwört, die als Folge des Zweiten Weltkriegs dem polnischen Wroclaw weichen musste. "Dass dieses Zeitgemälde nicht aus der Luft gegriffen ist, dafür sprechen die wissenschaftliche Kompetenz des Autors und das begeisterte Echo der polnischen Literaturkritik, die Krajewskis Büchern das Etikett 'Retrokrimis' verpasst hat" (Krimitipp 8/2006). Umso schöner, dass das Ganze auch als Krimi funktioniert.
Robert Hültners "Ende der Ermittlungen" (Nautilus, Hamburg 2007, 62 Seiten, 4,90 Euro) spielt etwa zur selben Zeit in München, wo Kommissar Grohm den Tod eines Hilfsarbeiters aufklären muss. Eines kleinen Ganoven, der erschossen und anschließend in eine Sickergrube geworfen wurde. Grohm bekommt heraus, dass der Ermordete in der Nacht vor seinem Tod viel Geld in den Taschen hatte. Geld, das er kaum auf ehrliche Art verdient haben kann, sondern das aus irgendeiner Dieberei stammen muss. Grohm klopft die Kontakte des Toten ab, doch als die Polizeiführung seine Ermittlungen in eine bestimmte Richtung zu lenken versucht, schaltet der knurrige Kriminale auf stur: Er ist eben ein echter bayerischer Dickschädel und will die Wahrheit wissen, ob das gewissen Herrschaften gefällt oder nicht. Dabei tritt er Angehörigen des Diplomatischen Korps genauso auf die Hühneraugen, wie er sich mit Kameraden der aufkommenden Nazipartei anlegt... "Ende der Ermittlungen" ist eine rasante Miniatur, die mit schlaglichtartigen Szenen und in pointierten Dialogen einen zeithistorisch fundierten Krimiplot bis zu seinem unerwarteten Ende abspult. Hültner (Jahrgang 1950) gelingt dabei wie schon in seinen Kajetan-Romanen ein stimmig anmutendes Bild der Isarstadt, in der die braune Pest schon längst begonnen hat, die staatlichen Strukturen zu infizieren. Präsentiert in der handlichen "Kaliber .64"-Reihe von Nautilus. Und das heißt: "64 Seiten und Schluss!"
Kehren wir dem morbiden Zwischenkriegseuropa den Rücken und tauchen wir ein in die Idylle einer typischen amerikanischen Kleinstadt von heute, wo das Leben ebenso wie anderswo nicht in Ordnung ist. Schon gar nicht, wenn ein kleines Mädchen eines Morgens spurlos verschwunden ist. Eingehütet wurde die Kleine am Abend zuvor von Keith, einem halbwüchsigen Teenager, der jedoch vehement bestreitet, irgend eine Ahnung vom Verbleib des Kindes zu haben. Dennoch nagt in Keiths Vater "Das Gift des Zweifels" (Knaur Taschenbuch, München 2007, 316 Seiten, 7,95 Euro): Könnte sein Sohn ein Mörder sein? Das Misstrauen löst eine stille Katastrophe aus, und wir werden Zeuge, wie aus einem kleinen Riss ein riesiger Scherbenhaufen wird, unter dem das Glück einer Familie begraben wird. Wie es Edgar-Preisträger Thomas H. Cook (Jahrgang 1947) in seinem 2005 unter dem Titel "Red Leaves" erschienenen Psychothriller gelingt, den Leser in ein unspektakuläres, aber hochdramatisches Geschehen hineinzuziehen, ist ganz große Klasse. Es zeugt von einem außergewöhnlichen Talent, das es in Deutschland erst noch zu entdecken gilt.

"Die 22er-Kugel riss ein kleines Loch in die Leinwand. Die Detonation war kaum lauter als ein Peitschenknall. Im Tal protestierte eine Krähe. Luce stieß ein kurzes, heiseres Lachen aus, dem Schrei der Krähe ziemlich ähnlich ..." Wer so schreibt? Natürlich: Jean-Patrick Manchette. Der Distel Literatur Verlag hat endlich den Erstling des großen Meisters herausgebracht. Der gemeinsam mit dem Filmregisseur Jean-Pierre Bastid geschriebene Roman "Lasst die Kadaver bräunen!" (Heilbronn 2007, 190 Seiten, 12,80 Euro), 1971 unter dem Titel "Laissez bronzer les cadavres!" in der "Série noire" bei Gallimard erschienen, zeigt schon das ganze Können des 1995 gestorbenen Franzosen. Wie Manchette brutale Gangster, zynische Künstler und übereifrige Flics in einen actiongesättigten Showdown verwickelt, ist am amerikanischen Hard-boiled orientiert und von mediterranem Anarchismus grundiert. Eine irrwitzige, eine logische Geschichte. Gnadenlos gut."
Otto Schwerin:
Der Kurier des Präsidenten
Blieskastel, Criminalbibliothek des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, 2007
159 Seiten, 0.00 Euro
Marek Krajewski:
Gespenster in Breslau
München, dtv, 2007,
315 Seiten, 14.900 Euro
Robert Hültner:
Ende der Ermittlungen.
Hamburg, Edition Nautilus, 2007,
64 Seiten, 4.90 Euro
Thomas H. Cook:
Das Gift des Zweifels
München, Knaur Taschenbuch, 2007,
316 Seiten , 7.95 Euro.
Jean-Patrick Manchette/Jean-Pierre Bastid:
Lasst die Kadaver bräunen!
Heilbronn, (DistelLiteraturVerlag), 2007,
160 Seiten, 12.80 Euro
Ulrich Kroegers Krimitipp
Eine Kolumne
Ein Service der Alligatorpapiere
im
NordPark
Verlag
Alfred Miersch
Klingelholl 53
42281 Wuppertal
Tel.:0202/51 10 89
Kontakt