Die Alligatorpapiere


Ulrich Kroegers Krimitipp

Die Krimikolumne
6/2007



metro_welt_250.gif Die schlechte Nachricht zuerst: Thomas Wörtche und der Unionsverlag trennen sich. Der Krimikolumnist (www.kaliber38.de) hatte in dem Schweizer Verlag vor sieben Jahren die Krimireihe UT-metro lanciert und deutsche Leser mit Namen wie Jean-Claude Izzo, Nury Vittachi und Garry Disher bekannt gemacht. Anspruchsvolle Spannungsliteratur, von einem Kenner aufgespürt in allen Winkeln dieser Welt, sorgfältig ediert und mit Hintergrundinformationen versehen, das gab's in dieser Form nur hier. Hoffentlich weiß man in Zürich, was man an UT-metro hat(te).

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KK8-Paprotta Nun aber die gute Nachricht: Dieter Paul Rudolph, Autor des Weblogs "Watching the detectives", hat über Astrid Paprotta und ihre Ina-Henkel-Kriminalromane eine kluge Monografie geschrieben: "Die Zeichen der Vier" (NordPark, Wuppertal 2007, 88 Seiten, 12 Euro). Form und Inhalt, Sprache und Handlung, Subjektives und Objektives: Das Büchlein lotet die Komplexität der zwischen 1999 und 2005 erschienenen Romane aus und lässt vermuten, dass das von der Frankfurter Autorin "Spiegelungen" genannte Werk einmal Klassikerstatus haben dürfte. Jedem zu empfehlen, der vom Kriminalroman mehr erwartet, als nur den Namen des Mörders zu erfahren.

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brack-Schneewittchens-Sarg Bleiben wir beim deutschen Krimi. Denn der ist besser als sein Ruf. Auch weniger bekannte Autoren wissen nämlich kurzweilig zu unterhalten. Mit sympathischem Personal, interessanten Milieus und spannender Handlung. Beispiel gefällig? Nehmen wir Robert Bracks Hamburger Lenina-Rabe-Serie, deren dritter Band "Schneewittchens Sarg" (Nautilus, Hamburg 2007, 189 Seiten, 12,90 Euro) jetzt vorliegt. Lenina ist eine junge Privatdetektivin aus der alternativen Szene und bei aller Flippigkeit nicht zu unterschätzen. Sie kennt sämtliche Freaks zwischen Ottensen und St. Pauli und macht sich über die raue Wirklichkeit im Milieu keine Illusionen. Schon gar nicht, wenn im Keller eines früher alternativen Sozialprojekts die Leiche eines Mädchens ausgegraben wird. Ganz und gar nicht witzig ist auch Leninas zweiter Auftrag: Wer steckt hinter der "Dänischen Befreiungsfront", die die Rückgabe Altonas an Dänemark fordert?


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leenders-bay-leenders-Die BurgOrtswechsel, Milieuwechsel: Leenders/Bay/Leenders lassen ihre Krimis seit 15 Jahren am Niederrhein spielen. Was jetzt mit "Die Burg" (Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 2007, 238 Seiten, 8,90 Euro) als 13. Lieferung fortgesetzt wurde, ist ein schönes Beispiel für Regionalkrimis der besseren Sorte. Flüssig geschrieben, routiniert geplottet und mit schlüssig gezeichneten Charakteren. Dass das Autorentrio mit seinen spannenden Geschichten auch das Sozialgefüge niederrheinischer Kleinstädte ausleuchten, dürfte auf der Hand liegen. Im aktuellen Band geht übrigens bei der Freilichtaufführung eines englischen Historientheaters in Kleve eine Bombe hoch. Die Bevölkerung ist geschockt, und Hauptkommissar Toppe, selbst Zeuge des Anschlags, ruft eine Soko ein ...


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eckert-koenigsalleeGar nicht weit weg, in Düsseldorf nämlich, hat der mehrfache Marlowe- und Glauser-Preisträger Horst Eckert (Jahrgang 1959) seine Polizeiromane angesiedelt. Doch anders als im Regionalkrimi könnte die Handlung ebenso gut in jeder anderen deutschen Großstadt spielen. Eckerts Thema nämlich, die Korruption von Politik, Justiz und Polizeiapparat, ist ein übergreifendes Phänomen. Mehr der allgemeinen Situation unserer Gesellschaft als örtlichen Gegebenheiten geschuldet, wie der Autor auf seiner Homepage (www.horsteckert.de) betont. In "Königsallee" (Grafit, Dortmund 2007, 411 Seiten, 18,90 Euro) will sich das organisierte Verbrechen in großem Stil in die Stadt einkaufen. Da trifft es sich gut, dass dem Oberbürgermeister bei der Realisierung eines wichtigen Prestigebaus gerade ein Investor abhanden gekommen ist. Und der OB scheint angesichts des drohenden Debakels nicht vor russischen Finanziers dubioser Herkunft zurückzuschrecken. Die Polizei ist derweil beschäftigt: Der Raub eines wertvollen Max-Beckmann-Gemäldes, die Ermordung eines Informanten und das Verschwinden einer wichtigen Zeugin setzen die Beamten unter Druck. Jede Menge Handlungsfäden also, die Eckert wieder einmal meisterhaft miteinander zu verbinden versteht. Auch sprachlich steht "Königsallee" weit über dem Durchschnitt: Eckerts Stil ist lakonisch, schnell, mit kursiv gesetzten Einschüben, deren Perspektivwechsel den Leser näher ans Geschehen bringen, ohne ihn dabei jedoch unnötig zu verwirren. Das ist nicht nur gekonnt, das ist Handwerk at its best - im Dienste eines packenden, gut recherchierten Politthrillers, wie man ihn in Deutschland nur selten in die Hand bekommt. Höchste Empfehlungsstufe!


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tidyman-Shaft-und-der-Karneval-fuer-Killer.jpg Schließen wollen wir mit einer Kultfigur: Shaft. Schwarz, sexy, brutal. Ernest Tidyman lieferte die literarische Vorlage, Richard Roundtree das Gesicht, Isaac Hayes die Musik. Der Pendragon-Verlag gibt die Blaxploitationkrimis der Siebziger in neuer Übersetzung und endlich auch unzensiert heraus. Jetzt ist "Shaft und der Karneval für Killer" (Bielefeld 2007, 183 Seiten, 9,90 Euro) erschienen: Shaft will in Jamaika Urlaub machen, doch kaum ist er am Strand, muss er sich schon für eine rassige Schönheit prügeln. Zu dumm, dass er sich mit Bullen angelegt hat, denn die haben prompt einen ganz besonderen Auftrag für den Harlemer Superdetektiv mit dem Hormonüberschuss ...

KK8-Paprotta.jpg Dieter Paul Rudolph:
Die Zeichen der Vier.

Wuppertal, NordPark Verlag 2007.
88 Seiten, 12.00 Euro

brack-Schneewittchens-Sarg.jpg Robert Brack:
Schneewittchens Sarg

Hamburg, Nautilus Verlag 2007,
189 Seiten, 12,90 Euro

leenders-bay-leenders-Die Burg.jpg Leenders/Bay/Leenders:
Die Burg

Reinbek, Rowohlt Taschenbuch 2007, 2007,
238 Seiten, 8,90 Euro

vittachi-Shanghai-Dinner.jpg Horst Eckert:
Königsallee.

Dortmund, Grafit, 2007,
411 Seiten, 18,90 Euro

vittachi-Shanghai-Dinner.jpg Ernest Tidyman:
Shaft und der Karneval für Killer


Bielefeld,Pendragon Verlag, 2007,
183 Seiten, 9,90 Euro

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Ulrich Kroegers Krimitipp
Eine Kolumne

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im
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Klingelholl 53
42281 Wuppertal
Tel.:0202/51 10 89

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Ulrich Kroegers Krimitipps: Index
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Ulrich Kroegers erster Krimitipp erschien vor fünfeinhalb Jahren. Damals war in Bremerhaven Kriminalliteratur – zumindest in der Zeitung – kein Thema, und niemand dachte daran, eine auf Dauer angelegte Kolumne zu etablieren. Es kam zum Glück anders. Heute erscheint Ulrich Kroegers Krimitipp einmal im Monat im Sonntagsjournal der "Nordsee-Zeitung", dessen Redaktion wir für die Genehmigung zur Veröffentlichung und Archivierung bei den Alligatorpapieren danken. Zum Konzept der Kolumne gehört, dass auf Verrisse zugunsten von Leseempfehlungen verzichtet wird. Zudem beschränken sich die Besprechungen in der Regel auf Taschenbücher und Paperbacks, einer publizistischen Tradition des Kriminalromans folgend und eingedenk der begrenzten finanziellen Spielräume vieler Leser – nicht nur in einer von Arbeitslosigkeit gebeutelten Hafen- und Industriestadt.

Der Autor, Jahrgang 1956, Studium (Politologie, Sozialwissenschaften, Geschichte) in Braunschweig und Bremen, arbeitete als Produktionshelfer, Nachhilfelehrer, Sozialarbeiter und fristet seit zehn Jahren als freier Journalist und Redakteur sein Dasein. Er liebt die Küste, hört "WBGO Jazz88.3 FM," trinkt Scotch, spielt Mah Jongg und fiebert für Werder. Doch die meiste Freizeit verbringt er mit – na, Sie wissen schon!
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