Ulrich Kroegers Krimitipp
Die Krimikolumne
11/2010

Sie sind 16, gehen füreinander durch dick und dünn und zeigen der Erwachsenenwelt schon gerne mal den Stinkefinger. Nessi, Rute, Schnappi, Stinke und Taja sind kleine �süße Schlampen�, die auch dann zusammenhalten, als eine von ihnen auf gefährliche Abwege gerät. Dass dem munteren Quintett in
Zoran Drvenkars jüngstem Roman �Du� (
Ullstein, 575 Seiten, 19,95 Euro) kein 08/15-Abenteuer bevorsteht, weiß der Leser schon, bevor er die Mädchen überhaupt kennenlernt. In der Eingangsszene beobachtet er nämlich einen Mann, der während eines nächtlichen Staus auf der winterlich verschneiten A4 von Wagen zu Wagen geht und 26 tote Autofahrer hinterlässt. Die zweite Szene führt ins Gangstermilieu Berlins, und auch hier wird ein Toter präsentiert, am Rande eines mit Cannabispflanzen gefüllten Pools sitzend und zu einem Eisblock gefroren.
Als danach erstmals die pubertierenden Girlies auftreten, um sich mit den altersüblichen �Typen�-, Popcorn- und Lipstick-Problemchen zu beschäftigen, ist dem Leser längst klar: Mädels, Mädels, euch stehen hammerharte Tage bevor. Und um es gleich zu sagen, dasselbe gilt auch für den Leser, der dieses Buch kaum noch aus der Hand legen kann. Das liegt nicht nur an der mit raffinierten Cliffhangern konstruierten Story einer Road-Novel, die von der Spree über Hamburg bis zu einem einsam gelegenen Fjord in Norwegen führt. Auch nicht an den lebensecht wirkenden, von Witz und Schlagfertigkeit geprägten Dialogen oder dem sympathischen, warmherzig gezeichneten Figurencast � auch die Bösewichte bekommen hier eine differenzierte psychische Dimension. Drvenkar redet sein Personal obendrein durchweg in der Du-Form an, was zum Teil den Charakter von Selbstgesprächen annimmt, und verhindert so, dass der Leser sich innerlich vom Geschehen distanzieren kann. Das geht zwar manchmal bis an die Schmerzgrenze � etwa, wenn eine Leiche über ihren Verwesungsprozess (�Die Enzyme in deinem Gewebe toben�) monologisiert � insgesamt erweist sich das Formexperiment aber als tragfähig und nutzt sich trotz des beträchtlichen Umfangs des Buches bis zum Schluss nicht ab.
Kurzum: Mit �Du� hat der 43-jährige Berliner eine der interessantesten Neuerscheinungen dieses Bücherherbstes vorgelegt, die dem Dunklen nachspürt, das in uns allen schlummert. Ein Buch, das lange nachhallt, auch wenn die letzte Seite lange gelesen ist.

Eine einzigartige Erscheinung in der deutschsprachigen Krimilandschaft ist
Heinrich Steinfests einarmiger Detektiv Cheng. Ein chinesischstämmiger Schwabe mit Sinn für philosophische Untiefen und feingeistige Betrachtungen, den der Autor ein ums andere Mal in die skurrilsten, ans Absurde grenzenden Abenteuer geschickt hat.
Nun ist �Chengs letzter Fall� erschienen, so der Untertitel von �Batmans Schönheit� (
Piper, 224 Seiten, 8,95 Euro) � letzte Gelegenheit also, sich mit Wonne von der Fabulierkunst des 49-jährigen Stuttgarters an der Nase herumführen zu lassen. Wohl kaum ein Krimiautor lässt seiner Fantasie derart freien Lauf und verstößt so genüsslich gegen die Regeln des Genres wie der 49-jährige, mehrfach mit dem Deutschen Krimi-Preis ausgezeichnete Stuttgarter. Allein deshalb schon macht es keinen Sinn, sich an einer Inhaltsangabe zu versuchen � wichtiger als der Killer, der in Wien Jagd auf Schauspieler macht und die Zungen ihrer Leichen mit norwegischen Briefmarken beklebt, wichtiger ist es zu wissen, dass Batman ein kannibalistischer Salzkrebs ist, manche Menschen in Wirklichkeit Engel sind und das ganze Glück bisweilen darin besteht, nicht alleine zu sein.
�Kaum fühlt sich einer imstande, einen halbwegs geraden Satz zu bilden, meint er, Kriminalromane schreiben zu müssen. Warum eigentlich? Warum lockt der Krimi die Minderbemittelten und Minderbegabten, deren Kunst sich im Abfassen halbwegs gerader Sätze erschöpft?� Eine Frage, auf die der Autor keine Antwort gibt � nur dass er selbst nicht dazugehört, beweist er uns auch mit diesem Roman wieder.

Ein Traditionalist im besten Sinne ist der Australier
Garry Disher. Seinem von uns 2009 nachdrücklich empfohlenen Inspector-Challis-Roman �Beweiskette� hat der 61-Jährige nun �Rostmond� (
Unionsverlag, 347 Seiten, 19,90 Euro, Original: �Blood Moon�, 2009) folgen lassen, und erfreut stellen wir fest, dass sich die berufliche Beziehung Challis� zu seiner Kollegin Ellen Destry zu einer nicht ganz unkomplizierten Liebesaffäre weiterentwickelt.
Die beiden Kleinstadtcops haben es erneut mit einer Vielzahl unterschiedlicher Verbrechen zu tun, wobei einem Ehedrama eine zentrale Rolle zukommt: Ein eifersüchtiger Kontrollfreak macht seiner Frau das Leben zur Hölle � bis man sie tot auffindet. Zur gleichen Zeit wird der Schulpfarrer einer renommierten Privatschule bewusstlos geschlagen, und ein Vergewaltigungsopfer nimmt an seinem Peiniger Rache. Alles hängt irgendwie miteinander zusammen � und Disher zeigt sich erneut als Meister, aus einem Gewirr von Handlungsfäden ein logisches, in sich stimmiges Tableau zu formen. Sehr zu empfehlen.

Freunde des Actiongenres zieht es derzeit in den Blockbuster �R.E.D.� (CineMotion) � seine Vorlage �RED� (80 Seiten, 12,95 Euro) von Warren Ellis und
Cully Hamner liegt jetzt bei
Panini vor.
Eine nicht von ungefähr zwischen grellem Blutrot und düsteren Blautönen changierende Graphic Novel, die es an �expliziter Gewalt�, wie es so schön heißt, nicht fehlen lässt.
Die Story: Ein Ex-CIA-Killer weiß zu viel und soll beseitigt werden, womit der natürlich gar nicht einverstanden ist �Die Story: Ein Ex-CIA-Killer weiß zu viel und soll beseitigt werden, womit der natürlich gar nicht einverstanden ist �
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