Spurensuche.
Die Kolumne von Axel Bußmer
Tops und Flops 2004
Ich werde alt; einer von diesen Grantlern, die in ihrer Jugend die Welt ändern wollten und heute immer wieder sagen: "Früher war alles besser."
Der Beweis? Mein Jahresrückblick. Fast nur Altmeister oder Jüngere, die sich an ihnen orientieren. Und dann das: Hitchcock – dank DVD – als persönliche Wiederentdeckung des Jahres (Hey, sein letzter Film "Familiengrab" kam 1976 in die Kinos). Aber bei der Wahl zwischen "Der Mann, der zuviel wusste" und einem neuen deutschen Fernsehkrimi, fällt die Wahl nicht sonderlich schwer.
Dann sehe ich meinen Stapel noch zu lesender Bücher an und die neuen, noch nicht gelesenen Werke von James Lee Burke, Michael Connelly, Steve Hamilton, Dennis Lehane, Richard Stark (ja, es gibt einen neuen Parker), Stuart Kaminsky, Max Allan Collins (um nur einige zu nennen), lachen mich unwiderstehlich an.
Zeichen einer früh beginnenden Vergreisung?
Oder entwickele ich einfach nur langsam den Geschmack für das wirklich Gute und Schöne?
Hm, ich hoffe letzteres.
BÜCHER
Tops
Lawrence Block: Grifter's Game (1961 als "Mona")
Lawrence Block: The burglar on the prowl (2004)
Stellvertretend für all' die anderen, dieses Jahr von ihm gelesenen Bücher: Bernie Rhodenbarrs neuestes Abenteuer und ein Frühwerk von Block mit schön-pulpigem Cover.
Frédéric H. Fajardie: Rote Frauen werden immer schöner (Jeunes femmes rouges toujours plus belles, 1988)
Fajardie pflügt in seinem kurzen Buch durch die Illusionen und Taten der 68er.
Carl Hiaasen: Skinny Dip (2004)
Hiaasen führt Florida als Irrenhaus vor. Dieses Mal mit einem kleinen Spritzer Altersweisheit.
Jonathon King: Das Messer im Sumpf (The blue edge of midnight, 2002)
Jonathon King: Schwarze Witwen (A visible darkness, 2003)
Eine neue Stimme aus Florida mit einem einprägsamen Helden und zwei sehr verschiedenen Büchern.
Joe R. Lansdale: Die Wälder am Fluss (The Bottoms, 2000)
Wunder geschehehn: Lansdales, mit dem Edgar prämiertes, Buch in einer deutschen Übersetzung. "The Bottoms" überzeugt als in den Dreißigern in den Südstaaten spielende Coming-of-age-Geschichte.
Elmore Leonard: Mr. Paradise (2004)
Sicher nicht sein bestes Buch, aber immer ein Lesevergnügen.
George Pelecanos: Wut im Bauch (Hell to pay, 2002)
George Pelecanos: Soul Circus (2003)
George Pelecanos: Hard Revolution (2004)
Pelecanos schreibt die Geschichte von Washington, D. C., fort: "Hell to pay" und "Soul Circus" sind Derek Strange/Terry Quinn-Romane, "Hard Revolution" erzählt von dem jungen Derek Strange in den Wirren von 1968.
Patrick Raynal: In der Hitze von Nizza (Né de fils inconnu, 1995)
Ach, diese Franzosen. Der Held ist ein richtiger Unsympath, der einen Scheiß auf die Dienstordnung gibt. Schließlich geht es um seinen Sohn.
Donald Westlake: Money for nothing (2003)
Donald Westlake: Road to ruin (2004)
Donald Westlake: Thieves Dozen (2004)
Mit dem, hm, Agententhriller "Money for nothing", dem neuen Dortmunder "Road to ruin" und der Sammlung von Dortmunder-Stories "Thieves Dozen" fügt Westlake seinem beeindruckenden Oeuvre weitere äußerst gelungene Werke hinzu. Ein deutscher Verleger wird dringend gesucht.
Tops – Sachbücher
Martin Compart (Hrsg.): Dark Zone – Ein Noir-Reader (2004)
Das Folgewerk zu "Noir 2000": wieder mit Delon auf dem Cover, wieder mit unzähligen informativen Artikeln.
Otto Penzler/Thomas H. Cook (Hrsg.): Best American Crime Writing – 2004 Edition (2004)
Dieses Jahr mit etlichen bekannten Namen: Jon Krakauer, James Ellroy, Scott Turow, Mark Bowden.
Mathew D. Rose: Warten auf die Sintflut – Über Cliquenwirtschaft, Selbstbedienung und die wuchernden Schulden der Öffentlichen Hand unter besonderer Berücksichtigung unserer Hauptstadt (2004)
Nicht nur für Berliner eine Pflichtlektüre.
Flops
John Le Carré: Absolute Freunde (Absolute Friends, 2004)
Jean-Bernard Pouy: H4Blues (H4Blues, 2003)
Le Carré und Pouy können eindeutig mehr.
Gabriele Wolff: Das Dritte Zimmer (2003)
Der biedere Beamtenroman hat etwa die Spannung einer Sitzungsvorlage. Keine Ahnung, weshalb das Werk den Glauser erhielt.
FILME
Tops
Anything else (USA 2003, R.:
Woody Allen)
Big Fish (USA 2003, R.:
Tim Burton)
La Mala Education – Schlechte Erziehung (Spanien 2004, R.:
Pedro Almodovar)
Land of plenty (D/USA 2004, R.:
Wim Wenders)
Zatoichi – Der Samurai (Japan 2003, R.:
Takeshi Kitano)
Angenehme Gespräche mit alten Bekannten.
Collateral (USA, R.:
Michael Mann)
Hochspannende Taxifahrt durch eine mörderische Nacht. Sogar Tom Cruise ist okay.
The Cooler (USA 2003, R.:
Wayne Kramer)
Ein Märchen für Erwachsene – mit vorzüglichen Darstellern: William H. Macy, Alex Baldwin, Maria Bello.
Gegen die Wand (D 2003, R.:
Fatih Akin)
Kraftvolles deutsches Kino; erinnert an Martin Scorsese.
Human nature – Die Krone der Schöpfung (USA/F 2001, R.:
Michel Gondry)
Vergiss mein nicht – Eternal Sunshine of a spotless mind (USA 2004, R.:
Michel Gondry)
Ziemlich durchgeknalltes Kino – basierend auf Büchern von Charlie Kaufmann.
Kill Bill, Vol. 2 (USA 2003, R.:
Quentin Tarantino)
Länger und besser als Teil 1.
Muxmäuschenstill (D 2004, R.:
Marcus Mittermeier)
Herrlich gemeines deutsches Kino.
Out of time (USA 2003, R.:
Carl Franklin)
Hübscher kleiner noirischer Thriller.
Schultze gets the Blues (D 2003, R.:
Michael Schorr)
Von Sachsen-Anhalt in die Südstaaten.
Spiderman II (USA 2004, R.:
Sam Raimi)
Ständig wird der Held in die Pfanne gehauen.
Flops
Catwoman (USA 2004, R.:
Jean-Christophe Comar)
Gothika (USA 2003, R.:
Mathieu Kassovitz)
Halle Berry hat ein gutes Händchen bei der Auswahl bescheuerter Filme. Wobei ich "Gothika" für den schlechteren von beiden halte.
In the cut (USA 2003, R.:
Jane Campion)
Langweiliges, unlogisches, pseudophilosophisches Problemkino mit einigen Softporno-Einlagen, getarnt als Kriminalfilm, bei dem gerade die schlechten Teile des Romans in den Film übernommen wurden.
Ladykillers (USA 2004, R.:
Joel & Ethan Coen)
Nicht witzig.
Lautlos (D 2004, R.:
Mennan Yapo)
Genre-Kino aus Deutschland mit holpernder Dramaturgie und eisgekühlten Dialogen. Dagegen wird der 08/15-Actioner "Walking Tall" schon fast zu einem der Höhepunkte des Jahres.
Die Nacht singt ihre Lieder (D 2003, R.:
Romuald Karmakar)
Typisch deutsches Problemkino: 90 Minuten Stillstand.
Paycheck (USA 2003, Regie:
John Woo)
Für einen Woo-Film lahm; außerdem hat die Story von Philip K. Dick das bessere Ende.
TV
Tops – Serien
Cold Case – Kein Opfer ist je vergessen – 1. Staffel (USA 2003/2004, Originalkonzept von
Meredith Stiehm)
Without a trace – Spurlos verschwunden – 2. Staffel (USA 2003/2004, Originalkonzept von
Hank Steinberg)
Krawall-Bruckheimer produziert fürs TV gute Serien. Diese beiden gefallen mir besser als die doch sehr traditionelle Spurensuche der beiden C. S. I.-Teams in Las Vegas und Miami.
The Shield – Gesetz der Gewalt (USA 2002, Originalkonzept von
Shawn Ryan)
Das Gegenmittel zu den braven deutschen TV-Polizisten.
Six Feet Under – 1. Staffel (USA 2001, Originalkonzept von
Alan Ball)
Die erste Staffel ist ein Hochgenuss. Danach wird´s zunehmend soapiger.
24 – 2. Staffel (USA 2002/2003, Originalkonzept von
Joel Surnow, Robert Cochran)
Trotz des Gurken-Senders RTL II: Hochspannungskino – ja, Kino.
Tops – Filme
Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende (D 2004, R.:
Edgar Reitz)
Episches Kino: tolle Bilder, gut erzählt, gut gespielt. Warum nicht öfter? (Im TV leider nur in einer um 2 Stunden kastrierten Fassung.)
Hotte im Paradies (D 2003, R.:
Dominik Graf)
Kalter Frühling (D 2004, R.:
Dominik Graf)
Einsatz in Hamburg: Bei Liebe Mord (D 2004, R.:
Lars Becker)
Nachtschicht: Vatertag (D 2004, R.:
Lars Becker)
Graf und Becker sind Garanten für gute Unterhaltung.
WIEDERENTDECKUNGEN DES JAHRES
Alfred Hitchcock
Martin Scorsese
Dank eines DVD-Players habe ich etliche Filme von Alfred Hitchcock und Martin Scorsese zunehmend begeistert wieder gesehen.
Gerade bei Hitchcock fällt auf, mit welch bescheidenen Mitteln er auch heute noch Hochspannung erzeugt. Da müssen keine Millionenbeträge im dreistelligen Bereich verfeuert und keine Berge von Leichen aufgetürmt werden.
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