Spurensuche.
Die Kolumne von Axel Bußmer
Keine Fragen, nirgends
Zu den neuen Folgen von "Im Namen des Gesetzes"

Es ist unglaublich. Aus einer spannenden US-amerikanischen TV-Krimiserie machen die Deutschen einfach einen langweiligen Abklatsch. "Im Namen des Gesetzes" (RTL, dienstags, 21.15 Uhr) ist die deutsche Version von "Law & Order": dies zeigt sich am Vorspann (schwarzes Bild mit Voice-Over und dann der Titel der Serie), den schwarzen Inserts mit Ort und Datum der Szene (im Original öfter, in der Kopie seltener) und der Teilung jeder Episode in zwei etwa gleich lange Teile: zuerst die Ermittlungen der Polizei, dann die Gerichtsverhandlung.
Das alles hat der Sender übernommen. Dummerweise ist dies nur die Oberfläche, die Struktur.
Die Inhalte haben die deutschen Macher auf der anderen Seite des Ozeans gelassen. Sie servieren in der aktuellen Staffel einfach nur den sattsam bekannten deutschen Krimi-Einheitsbrei: am Anfang ein Mord, dann wird ein Verdächtiger gefunden, vor Gericht gebracht und Staatsanwalt Dr. Max Brunner (Michael Fitz als Mini-Perry-Mason mit dem falschen Arbeitgeber) überführt diesen Verdächtigen am Ende als kaltblütigen Mörder. Der Mörder (Immer ein Mann. Naja, Mörderinnen gibt's halt seltener.) bricht auf der eh schon unbequemen Anklagebank weinend zusammen. Brunner fordert und kriegt vom schweigsamen Richter die Höchststrafe.

Vier Folgen der neuen Staffel habe ich gesehen – und es war immer das gleiche. (Auch wenn bei "Luzifer" der Verteidiger endlich einmal etwas für sein Geld tun durfte und am Ende Staatsanwalt Brunner nicht gerade lebenslänglich forderte.)
Und was machen die Amis in den inzwischen über 300 Folgen von "Law & Order" seit 1990 anders? Denn eine reine Mördersuche nach Schema F würde nicht zahlreiche Kritiker und profilierte Krimi-Autoren zu Lobeshymnen hinreißen. Nun: sie stellen in jeder Folge eine moralische Frage und behandeln diese anhand eines Mordfalles. Und wir müssen immer wieder feststellen, dass Recht und Gerechtigkeit zwei Paar Schuhe sind.
Nehmen wir einige Beispiele aus den derzeit donnerstags um 23.15 auf RTL laufenden Folgen:
Ein Vater bringt einen Mann, der seine Tochter beschneiden wollte, um. Die Staatsanwälte Jamie Ross (Carey Lowell) und Jack McCoy (Sam Waterston) stehen vor der Frage, ob Beschneiden eine kulturelle Tradition, die respektiert werden muss, oder eine Verstümmelung ist. Und je nachdem, wie sie diese Frage beantworten, fällt die Strafforderung aus (Im Schutz der Familie).
Oder: ein vollständig gelähmtes Kind stirbt. Es wurde ermordet. Von den Eltern? Von einem Arzt? Haben sie sich für das Wohl des Kindes entschieden? Oder haben sie es ermordet? Und wie werden sich die Geschworenen entscheiden (Mörder aus Mitleid)?
Oder: Staatsanwältin Ross gibt einem Mann das Versprechen, sie werde den Geisteszustand seines Bruders in der Verhandlung strafmildernd berücksichtigen. Aber der Angeklagte will dies nicht. Soll Ross seinen Wunsch respektieren und einen offensichtlich geistesgestörten Mann in die Todeszelle schicken? Oder soll sie ihr Versprechen halten (Der Chelsea-Kidnapper)?

Sie erkennen das Prinzip: in "Law & Order" müssen wir uns immer wieder mit einer Frage, einem Thema, einem Problem auseinandersetzen, zu dem es verschiedene Meinungen und oft keine einfachen Antworten gibt. Deshalb werden alle Seiten eines moralischen Problems (die kriminalistische Frage "Wer ist der Täter?" ist hier ziemlich egal) und die Möglichkeiten einer Verurteilung beleuchtet. Schon innerhalb des Apparates, bei der Polizei und der Justiz, wird darüber diskutiert: Wie ist eine Handlung zu beurteilen? Reichen die Beweise für eine Anklage? Sollen wir einen Deal machen? Dabei fällt immer wieder das schwache Gebäude an Beweisen der Anklage und die starke Position des Verteidigers als echten Kontrahenten gegenüber der Staatsanwaltschaft auf.
Nun könnte man natürlich einwenden: das läge einfach an dem amerikanischen Rechtssystem, bei dem halt ständig diskutiert wird und nur über Einzelfälle entschieden werde.
Im deutschen Rechtssystem, einem fein ausdifferenzierten Baum mit allen möglichen Fällen und Varianten, die bereits im vorhinein bedacht wurden, muss der Staatsanwalt einfach nur – nachdem die Polizei ihm alle Beweise, die auch ohne Murren von der Verteidigung akzeptiert werden – den richtigen Ast finden und das war's. Das mag ja sein.

Aber dann könnten die Macher wenigstens die Suche von Staatsanwalts Brunner (seine Kollegin Staatsanwältin Charlotte Glaser, gespielt von Britta Schmeling, fungiert nur als Stichwortgeberin) nach dem richtigen Ast und das Abwägen zwischen verschiedenen Anklagepunkten und der Höhe der Strafe besser darstellen. Natürlich nicht, indem Paragrafen durch den Raum geworfen werden, sondern indem die dahinter liegende Struktur des Systems offengelegt wird.
Eine Suche, die wirklich spannend wird, wenn die Täter interessanter sind. Ein kaltblütiger, egoistischer Mörder ist für einen Krimi einfach langweilig. Ein Mörder – oder allgemeiner ein Straftäter – der durch die Umstände zu einer Tat getrieben wird, der einen Fehler begeht, der seine Tat begeht um jemand anderes zu beschützen, lädt zum mitfühlen und nachdenken ein. Dann müssen wir Zuschauer uns endlich auch emotional mit dem Fall auseinandersetzen und eine Antwort auf die Frage geben: Was hätte ich

getan?
Diese Fälle liegen auch in Deutschland auf der Straße: z. B. der Fall Daschner: ein Polizist will einen Verdächtigen foltern, um so das Leben eines Kindes zu retten. Danach wird er angeklagt. Durfte er foltern? Gab es Gründe, die seine Tat begreiflich machen? Oder hat der Verdächtigte auch als Straftäter unveräußerliche Menschenrechte, die mehr zählen als das Leben eines Kindes?
Oder: ein Polizist gibt einen gezielten Todesschuss ab und tötet die falsche Person. Wie soll er bestraft werden? Wer trägt die Verantwortung? Was sagen die Angehörigen des Opfers?
Oder: ein Kaufmann greift zu ungesetzlichen Mitteln, nachdem er von der Stadt, die seine Rechnungen nicht bezahlte, in den Ruin getrieben wurde.
Oder: warum nicht eine Variation des vorher erwähnten "Mörder aus Mitleid"? Würde hier der Staatsanwalt auch die Höchststrafe beantragen?
Oder: jemand tötet stark alkoholisiert einen Menschen. Verminderte Schuldfähigkeit? Oder soll hier einmal ein Exempel statuieren? Wie sehr beeinflusst die öffentliche Meinung das Strafmass?
Oder: eine Frau bringt ihren Mann um, nachdem dieser ihre Tochter vergewaltigen wollte. Ist dies ein kaltblütiger Mord? Oder nur ein Totschlag? Trifft die Polizei, die ihr bei vorherigen Übergriffen ihres Mannes nicht helfen konnte, eine Mitschuld?

Das sind Fälle, die bei einem gemütlichen Bier in der Kneipe für eine angeregte Diskussion sorgen und daher auch den Stoff abgeben könnten für spannende Fälle von "Im Namen des Gesetzes". Fälle, die sich dann auch inhaltlich an "Law & Order" orientieren.
Jetzt müssen die Macher nur noch den Mut haben, in einem fiktionalen Format gesellschaftliche Probleme auch ohne fertige Antworten aufzugreifen und die entsprechenden Drehbücher in Auftrag geben. Bücher, die den Verstand des Zuschauers fordern. Bücher, die einen Einblick in die bundesdeutsche Gesellschaft geben. Bücher, die Schauspieler nicht zu Sprechpuppen degradieren.
Links:
Law&Order: Special Victims
Im Namen des Gesetzes
Kabel 1 Serienlexikon
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