Die Alligatorpapiere



Spurensuche.
Die Kolumne von Axel Bussmer



Sie sind mitten unter uns

Über Anna Salters Sachbuch "Dunkle Triebe"

Anna Salter ist die harmlos aussehende Frau, die am Rand des Sportfeldes auf einem Liegestuhl sitzt und ein Buch liest, während ihre Kinder Tennis spielen. Sie interessiert sich für ihre Kinder. Sie ist nicht nur eine liebevoll-besorgte Mutter, sondern sie arbeitet. Sie hat ihr Leben der Jagd nach Sexualstraftätern gewidmet. Und sie vermutet sie auch auf dem Sportplatz. Denn sie weiß etwas, was die meisten Eltern nicht wissen: die Gefahr einer sexuellen Belästigung ihrer Kinder ist bei dem netten, gutaussehenden Sporttrainer größer als bei dem immer wieder beschworenen unheimlichen, buckeligen Mann in der dunklen Ecke des Stadtparks. Und diese Gefahr ist groß.

Das Problem

Nach US-amerikanischen Zahlen hatten 24 bis 37 Prozent der Mädchen und 27 bis 30 Prozent der Jungen eine sexuelle Beziehung zu einem Erwachsenen. Während diese US-amerikanischen Zahlen inzwischen, soweit dies bei Dunkelfeldern und verschiedenen Forschungsfragen, als salter-predators.jpgziemlich gesichert gelten, gibt es für Deutschland keine auch nur halbwegs gesicherten Zahlen. 1992 wurde von P. Wetzels die bislang einzige repräsentative Studie durchgeführt. Nach ihr lagen mit 7,3 Prozent der Männer und 18,1 Prozent der Frauen die deutschen Zahlen für einen sexuellen Missbrauch unter den US-amerikanischen Zahlen. Auch die derzeit von Opferorganisationen angenommene, etwas höher liegende Zahl von jedem vierten bis fünftem Mädchen und neuntem bis zwölften Jungen ist etwas niedriger als die US-amerikanischen Zahlen.
Bei den Tätern gab es zwischen beiden Ländern kaum Unterschiede. Es sind überwiegend Menschen, die die Kinder gut kennen und denen sie vertrauen. Nach der Wetzels-Studie waren über 40 Prozent Bekannte und 27 Prozent Familienangehörige. Deshalb ist das bundesdeutsche Medienbild von Sexualtätern und Pädophilen falsch. Die Täter leben unter uns und wir vertrauen ihnen. Es sind, wie in den USA, Pfarrer, Lehrer, Trainer, Jugend- und Sozialarbeiter.
Und sie sind verdammt erfolgreich bei ihrem Treiben. So fand G. G. Abel in Studien aus den achtziger Jahren des vorherigen Jahrhunderts heraus, dass 232 pädophile Triebtäter über 55.000 Fälle von versuchten und, nach eigenen Aussagen, 38.000 erfolgreichen Fällen von sexuellem Missbrauch, gestanden. Anna Salter zitiert eine Studie von Pamela Van Wyk, bei der die im Gefängnis sitzenden Täter zu Beginn einer Behandlung im Durchschnitt 3 Taten zugaben. Um weiter in der Therapie zu bleiben, mussten sie einem Polygraphentest bestehen. Jetzt gab jeder im Durchschnitt 175 Taten zu. Nach Abels Untersuchungen liegt das Risiko einer Entdeckung bei 3 Prozent. Kurz: Ein Sexualtäter muss sich schon ziemlich blöd verhalten, um entdeckt zu werden. Ob er später verurteilt wird, steht auf einem anderen Blatt. Ebenso, was mit ihnen geschieht, nachdem sie ihre Haft verbüßt haben. Salter kennt etliche Fälle, bei denen die Täter einfach die Gemeinde wechselten und sich wieder in der Jugendarbeit engagierten.

Eine Lebensaufgabe

Ihre ersten Erfahrungen mit sexueller Gewalt machte Anna Salter unmittelbar nachdem sie ihren Doktor in Psychologie von der Harvard University erworben hatte und Ende der Siebziger Jahres des vorherigen Jahrhunderts in eine kleine Stadt in Neuengland zog. Dort salter-dunkle-triebebemerkte sie auffallend viele Kinder, die physisch oder psychisch missbraucht worden waren. Sie wollte ihnen mit ihrem während des Studiums erworbenen Wissens helfen. Aber es ging nicht. Anna Salter vertiefte sich immer mehr in ihre Arbeit. Sie forschte, befragte Täter und publizierte Artikel in wissenschaftlichen Magazinen. Später schrieb sie vier hochgelobte Kriminalromane. Ihr bislang letzter Roman "Prison Blues" wurde 2003 in der Kategorie Best Original Paperback für den Edgar Allan Poe Award nominiert.
In dem sehr lesenswerten, wenn auch aufgrund der zahlreichen Zitate aus von ihr mit Sexualtätern geführten Gespräche, nicht unbedingt angenehmen Sachbuch "Dunkle Triebe - Wie Sexualtäter denken und ihre Taten planen" unternimmt sie jetzt einen weiteren Versuch, ihr Wissen an eine breite Öffentlichkeit weiterzugeben. Dieses Mal, indem sie die Täter und ihre Herangehensweise in den Mittelpunkt stellt.
"Dunkle Triebe" unterteilt sich in elf Kapitel, in denen zuerst das Problem umrissen wird, danach die von den Tätern verwandten Methoden der Verstellung analysiert, wichtige Tätertypen vorgestellt und Möglichkeiten ihre Lügen zu entlarven aufgezeigt werden.

Die Täter

Denn die sexuellen Neigungen sind Menschen nicht auf die Stirn geschrieben. "Sie können loyale Freunde sein, gute Angestellte und in jeder anderen Hinsicht verantwortungsbewusste Mitglieder der Gesellschaft." (Anna Salter: Dunkle Triebe, S. 81). Im Gegensatz zu den meisten Menschen fühlen sie sich von Kindern angezogen. Sie wollen Macht über sie haben. Sie suchen sich aus einer Gruppe von Kindern die Schwächsten und Einsamsten aus und beginnen die Kinder und deren Eltern zu manipulieren. So erzählte ein durchaus repräsentativer Täter Anna Salter im Gefängnis:

"Ich möchte Ihnen einen Triebtäter beschreiben, den ich sehr gut kenne. Dieser Mann wurde von Eltern großgezogen, die gläubige Christen waren. Noch als Erwachsener blieb er ein treues Mitglied seiner Kirche. Auf der Highschool und im College war er ein glatter Einserschüler. Er hat geheiratet und ist Vater eines Kindes. Er trainierte die Baseball-Minimannschaft. Er war Chorleiter in seiner Kirche. Er hat nie illegale Drogen genommen. In seinem Leben keinen Tropfen Alkohol getrunken. Er galt als aufrechter, mustergültiger amerikanischer Junge. An zahlreichen Bürgeraktivitäten seiner Gemeinde nahm er als Freiwilliger teil. Er hatte einen gut bezahlten Karrierejob. Er galt in Gesellschaft als ‚umgänglich'. Aber ab dem Alter von dreizehn Jahren an leistete er sich sexuelle Übergriffe an kleinen Jungen. Er hat sich nie an einem Fremden vergangen. Sämtliche Opfer waren seine Freunde ... Ich kenne den Mann gut, denn ich bin es selbst."
(Anna Salter: Dunkle Triebe, S. 67)

Pädophile Triebtäter nutzen menschliches Verhalten eiskalt für ihre Zwecke aus. Sie kennen unsere Vorliebe, von dem öffentlichen auf das private Verhalten zu schließen. Unseren Wunsch, in anderen das Gute zu sehen; besonders wenn sie sich für unterstützenswerte Projekte und die Erziehung Jugendlicher interessieren. Denn freiwillige Helfer sind überall schwer zu finden. Sie sind nett und höflich. Nicht weil sie so geboren sind, sondern weil sie so schneller ihr Ziel "Sex mit einem Kind haben" erreichen und dies öfters ungestraft tun können. Denn auch wenn Opfer ihren Eltern, Pfarrern und Psychologen von ihren Vergewaltigungen erzählen, glauben diese oft dem sehr höflichen und geachteten Angeklagten.
Aber sie begegnen einem professionellen Lügner, der es genießt, andere Menschen zu belügen und so ein weiteres Mal seine Macht demonstrieren kann. Denn die meisten Menschen erkennen einen Lügner nicht.

Was tun?

Deshalb empfiehlt Salter besonders den Eltern von Kindern, aber auch berufsbedingt Betroffenen (vor allem Lehrer, Sporttrainer, Jugend- und Sozialarbeiter), das Ergreifen von einfach machbaren und vernünftigen Vorsichtsmaßnahmen. Denn in bestimmten "Hochrisikogruppen" sind, auch wenn sie nicht die Mehrheit sind, mehr Pädophile als in anderen Gruppen anzutreffen. Salter nennt im letzten Kapitel von "Dunkle Triebe" einige Vorsichtsmaßnahmen, die sie mit anschaulichen Beispielen illustriert. Dazu gehört, dass Eltern ihre Kinder zum Sporttraining begleiten; ihnen die Aufmerksamkeit geben, die sie wollen; dass sie sich als Begleitung bei Freizeiten melden; dass sie besonders genau bei Erwachsenen hinsehen, die selbst keine Kinder haben, sich aber ausgesprochen gerne um die Kinder von anderen kümmern. Und es ist ein deutliches Warnsignal, wenn sich jemand aus einer Hochrisikogruppe freiwillig besonders um einen Altersjahrgang und um ihr Kind kümmert.

"Betrachten Sie jede Situation vom Standpunkt eines Pädophilen oder eines Vergewaltigers. Scheint sie Ihnen geeignet, können Sie darauf wetten, dass sich dort auch welche finden: Jedes Szenario, das diesen Menschen entgegenkommt, zieht sie an. Denken Sie im Umgang mit solchen Situationen daran: Sie müssen nicht sicher sein, dass der Mann ein Pädophiler ist, um sich zu weigern, Ihr Kind mit im allein zu lassen: Sie müssen nur absolut sicher sein, dass er keiner ist, wenn Sie es nicht tun."
(Anna Salter: Dunkle Triebe, S. 334)

Anna Salters uneingeschränkt empfehlenswertes Buch "Dunkle Triebe" kann helfen, die Täter und ihr Vorgehen besser zu verstehen. Und Eltern zu mehr Vorsicht zu ermahnen, denn Salters Hauptbotschaft an die teilweise erschreckend sorglose Gesellschaft ist: Es ist unsere verdammte Pflicht unsere Kinder vor den Tätern zu schützen.

Links & Bibliographie:

salter-dunkle-triebe.jpg Anna Salter:
Dunkle Triebe - Wie Sexualtäter denken
und ihre Taten planen

Originaltitel: Predators, Pedophiles, Rapists,
and other Sex Offenders,
Basic Books, 2003
(übersetzt von Susanne Kuhlmann-Krieg)
Goldmann Verlag
2006, 384 Seiten, 8.95 Euro
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Die sehr informative Homepage der Autorin:
www.annasalter.com/

Ihre Kriminalromane:
salter-die-psychologin.jpg salter-der-schatten-am-fenster.jpg salter-toedliches-vertrauen.jpg salter-schwarze-seelen.jpg
Die Psychologin (Shiny Water, 1997)
Der Schatten am Fenster (Fault Lines, 1998)
Tödliches Vertrauen (White Lies, 2000)
Schwarze Seelen (Prison Blues, 2002)

Informationen über die Situation in Deutschland gibt es auf den Seiten 78 bis 104 im "1. Periodischer Sicherheitsbericht" von 2001:
www.bmj.bund.de

Webseiten für Betroffene von sexueller Gewalt:
Bundesverein zur Prävention von sexuellem Missbrauch an Mädchen und Jungen e.V.: http://bundesverein.de/

Zartbitter: www.zartbitter.de

Dunkelziffer - Hilfe für sexuell missbrauchte Kinder:
www.dunkelziffer.de

Wildwasser - Arbeitsgemeinschaft gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen:
www.wildwasser.de/

Tauwetter - Anlaufstelle für Männer, die als Jungen sexuell missbraucht wurden:
www.tauwetter.de/index.htm

BMFSFJ - Kampagne Hinsehen und Helfen:
www.hinsehen-handeln-helfen.de/

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NordPark Verlag
Alfred Miersch
Klingelholl 53
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Tel.:0202/51 10 89

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Erstellt am 10.05.2006




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Axel Bussmer
Axel Bussmer, Studium der Politologie, Philosophie und Soziologie in Konstanz, lebt derzeit in Berlin und arbeitet an verschiedenen Drehbuchprojekten (u. a. ein Gangsterthriller). Neben Noir-Krimis liebt er Jazz, über den er auch Artikel schreibt. Bei den Alligatorpapieren erscheinen regelmäßig seine TV-Krimi-Buch-Tipps.

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