Spurensuche. No. 48
Die Kolumne von Axel Bußmer
PulpNoir für das 21. Jahrhundert
Eine Begegnung mit Charlie Huston

Ein schlaksiger, an den Armen tätowierter Kerl mit einem schon leicht grauen, kurzgeschnittenen Vollbart sitzt in der Lobby des noblen Hotels Radisson in Berlin. Anhand der Pressefotos erkenne ich ihn sofort. Es ist Charlie Huston, der Autor der in Krimikreisen hochgelobten, Edgar-nominierten Hank-Thompson-Trilogie und der Crossover-Bücher mit dem Vampir-Detektiv Joe Pitt. Er ist in Deutschland, um seinen neuen Roman "Killing Game" zu promoten.
Huston ist, wie ich schnell herausfinde, ein angenehmer Gesprächspartner, der gerne und viel über seine Werke und wie sie sich von der ersten Idee zum fertigen Buch entwickelten erzählt. Auch abends bei der Lesung im Kaffee Burger ist er, zusammen mit Bernd Begemann, kaum zu bremsen.
Die Hank-Thompson-Trilogie

Charlie Hustons Karriere als Schriftsteller begann vor fünf Jahren mit "Der Prügelknabe". Als Huston den Roman schrieb und noch nicht an eine Veröffentlichung dachte, war er, wie sein Held Hank Thompson, Barkeeper in New York. In dem Roman beginnt der Ärger für Thompson, als er die Katze von seinem Nachbarn Russ für einige Tage in seine Obhut nimmt. Keine große Sache, denkt sich Hank. Kurz darauf wird er in seiner Bar zusammengeschlagen. In seine Wohnung und die des Nachbarn wird eingebrochen und muskelbepackte Männer beginnen ihn zu verfolgen. Als Hank in dem Korb der Katze einen Schlüssel findet, hat er den ersten echten Hinweis auf den Grund für seine Probleme. Über einige Umwege führt ihn der Schlüssel zu einem Versteck mit über vier Millionen Dollar. Weil verschiedene skrupellose Parteien das Geld wollen, sind Hanks Chancen, die Geschichte lebendig zu überstehen, sind minimal.

In den folgenden beiden Hank-Thompson-Romanen "Der Gejagte" und "Ein gefährlicher Mann" wird der Ärger für Hank und auch die Zahl der Leichen, die er meist unbeabsichtigt hinterlässt, noch weiter zunehmen. In "Der Gejagte" wird er in seinem Asyl in Mexiko von einem Russen entdeckt. Er tötet ihn zufällig. Eigentlich rutscht er auf einer Steintreppe aus. Die mexikanische Polizei kommt hinter Hanks Identität (immerhin ist er in den USA eine von der Polizei und der Mafia gesuchte Person und sein Bild ziert das Cover eines True-Crime-Bestsellers) und Hank muss zurück in die USA flüchten. Wie schon in "Der Prügelknabe" zieht der friedfertige Hank Ärger magisch an. Schnell stapeln sich die Leichen.
In "Ein gefährlicher Mann" arbeitet Hank dann seine Schulden als Killer für den Russen-Mafiosi David Dolokhov ab. Denn am Ende von "Der Gejagte" tat Hank etwas, das dazu führte, dass er die vier Millionen nicht mehr hat (So geschnörkelt schreibt man, wenn man einen Spoiler vermeiden will.). Hank ist, wir ahnen es, als kaltschnäuziger Killer eine Fehlbesetzung. Aber Branko kann dann die Arbeit erledigen und Hank in die Feinheiten des Killer- und Totschlägergewerbes einführen. Jetzt soll Hank einen aufsteigenden Baseball-Star Miguel Arenas nach New York begleiten und auf ihn aufpassen. Diese Aufgabe entspricht eher Hanks Fähigkeiten. Aber natürlich geht schnell einiges schief.

In der Noir-Trilogie, die am besten chronologisch gelesen wird, weil so die vielen überraschenden Wendungen auf Hank Thompsons Weg ins Verderben ihre volle Wirkung entfalten, zeichnet Charlie Huston den Weg eines Mannes nach, der nach einem kleinen Schritt vom Wege, immer schuldiger wird und am Ende nur noch einen Ausweg sieht. Denn Hank Thompson ist ein grundehrlicher, nicht ehrgeiziger, guter und auch gutmütiger Mensch, der niemanden verletzten möchte, anderen gerne hilft und immer wieder einfach nur Pech hat. Das begann mit der Verletzung, die seine Sportlerkarriere ruinierte. Danach begann er ein Studium und landete in New York als Barkeeper. Die Tasche mit den vier Millionen sieht er als die Chance auf ein besseres Leben und hätte er gewusst, wie sich sein Schicksal von einem Barkeeper in einer Bar zu einem landesweit von Polizei und Gangstern gesuchten Verbrecher wandeln würde, hätte er die Tasche natürlich nicht genommen.
Spätestens im zweiten Band "Der Gejagte" und in der Gesamtschau erzählen die Hank-Thompson-Romane die Suche eines Mannes nach Erlösung. Diese wird ihm, wenn auch anders als erwartet, am Ende von "Ein gefährlicher Mann" gewährt.
Davor hat er nur Pech. Denn jede seiner Handlungen führt zu einem kleinen und oft kurz darauf zu einem größeren Unglück. Etliche enden für mehr oder weniger viele Menschen tödlich. Manchmal ist Hank Thompson in die Morde verwickelt. Fast nie ist er der Täter, aber in der Öffentlichkeit werden ihm die Taten zugeschrieben und er wird sogar zum Medienstar als gesucht-gefeierter Massenmörder. Und meistens wird er verletzt. Wahrscheinlich wird kein anderer Held so oft wie Hank Thompson verletzt.
In "Ein gefährlicher Mann" bringt Charlie Huston alle wichtigen Handlungsfäden aus den vorherigen Hank-Thompson-Büchern zu Ende und er gewährt Thompson auch die langersehnte Erlösung, die eine Fortsetzung, obwohl Leser ihm immer wieder Vorschläge für eine weitere Hank-Thompson-Geschichte schreiben, fast unmöglich macht.
"Es wird kein viertes Hank-Thompson-Buch geben", sagt Huston.
Die Joe-Pitt-Serie

"Für Mr. Stoker und Mr. Chandler. Tausend Dank. Und entschuldigen Sie die Freiheiten, die ich mir genommen habe", lautet Charlie Hustons Widmung im dritten Joe-Pitt-Roman "Das Blut von Brooklyn". Sie umreißt präzise die Grundidee der im heutigen New York spielenden Serie um einen Privatdetektiv, der auch gleichzeitig Vampir ist. Denn Hustons Vampire befolgen fast alle von Bram Stoker in "Dracula" niedergeschriebenen Regeln, abgesehen von dem kirchlichen Schwurbel (Knoblauch, Kreuze, Weihwasser), und der Ich-Erzähler Joe Pitt ist Marlowes Wiedergänger: ein Privatdetektiv, der sich viel auf seine Unabhängigkeit einbildet, dafür Jobs am unteren Ende der Futterleiter übernehmen muss (Marlowe war ja auch kein Großverdiener) und, wie es sich für einen literarischen Privatdetektiv gehört, seine Klappe nicht halten kann.
Während die Manhattan beherrschenden Vampirclans in den Romanen an Mafiaclans erinnern, waren sie, so Huston, zuerst politischer und religiöser angelegt. Mit der Enklave, einer Sekte, die das Vyrus durch eine metaphysische Materie ersetzen will, und der Society, als Abspaltung von der Koalition, die gegen deren Regeln rebelliert und in den Sechzigern entstand, überlebten Elemente des ursprünglichen Konzeptes. Aber weil jetzt die verschiedenen Vampirclans, vor allem die Koalition, die Society und der Hood (kontrolliert das Gebiet ‚Across 110th Street') und kleinere Gruppen, wie die Wall in Chinatown, feste Gebiete und hierarchische Strukturen haben, erinnern sie an Mafiabanden mit ebenso festen Revieren und Arbeitsgebieten. Die Bikergang Dusters sind, wie auch bei uns, Outlaws, die sich keiner Gruppe anschließen wollen und mit ihren Motorrädern durch das nächtliche Manhattan donnern.
In dieser Welt will Joe Pitt sich keiner Gruppe anschließen. Seine Unabhängigkeit, was vor allem immer einen ausreichenden Vorrat Blut bedeutet, erkauft er sich, indem er als Privatdetektiv (weniger), Botenjunge (mehr, aber weil Pitt so schlecht im Befolgen von Befehlen ist, auch eher selten), Ausputzer (oft) und als Troubleshooter (fast immer, aber immer nur für Probleme, an denen die Koalition und die Society sich nicht die Finger schmutzig machen wollen) arbeitet. Als typischer Hardboiled-Detektiv hat Joe Pitt ein lockeres Mundwerk und einen untrüglichen Spürsinn für Probleme.
Und er hat eine Freundin. Die HIV-positive Evie weiß nicht, dass Pitt ein Vampir ist, aber weil er seinen Vyrus nicht weitergeben will und sie ihn nicht infizieren will, haben sie beide einen guten Grund für ein Liebesleben ohne Geschlechtsverkehr. Während sie in "Stadt aus Blut" noch

kellnert, liegt sie im dritten Joe-Pitt-Roman "Das Blut von Brooklyn" sterbend im Krankenhaus. Pitt muss sich entscheiden, ob er ihr helfen oder sie sterben lassen will und er weiß nicht, was für sie schlimmer ist.
In "Stadt aus Blut" soll Joe Pitt für die vermögende Familie Horde deren im nächtlichen Manhattan verschwundene Tochter finden. Die Hordes sind keine Vampire, aber sie haben gute Beziehungen zur Koalition. Gleichzeitig soll Pitt herausfinden, wer Menschen zombifiziert.
Wie es sich für einen guten Hardboiled-Krimi gehört, haben die Fälle etwas miteinander zu tun und die Vorsitzenden der beiden großen Vampirclans benutzen Pitt als Bauern auf dem Schachbrett der Macht für ihre eigenen Ziele.
In "Blutrausch" ist in Manhattan eine Droge im Umlauf, die junge Vampire komplett ausrasten lässt. Weil das für unerwünschte Aufmerksamkeit bei den Normalsterblichen sorgen könnte, soll Pitt herausfinden, woher die Droge kommt. Seine Spur führt in das Gebiet der Hood und dort ist Pitts geringstes Problem seine Hautfarbe.

Vor wenigen Tagen erschien der dritte Joe-Pitt-Roman "Das Blut von Brooklyn". Inzwischen steht Pitt in den Diensten der Society. Deren Anführer Terry Bird hat gerade einige Vampire aus Brooklyn, die zu Verhandlungen in Manhattan waren, ermorden lassen. Vor den nächsten Besprechungen mit den Freaks aus Brooklyn soll Joe Pitt zusammen mit Lydia Miles, Birds feministisch-linksanarchistische rechte Hand, als Pfand zu ihnen fahren.
In Brooklyn lernt Pitt dann schnell die Bedrohung der dortigen Clans, die sie um Aufnahme in das benachbarte Manhattan bitten lässt, kennen. Es sind jüdische Vampire.

Und ein Van Helsing hat den Candyman, einen unabhängigen Blutverkäufer, umgebracht und zerstückelt.
"Das Blut von Brooklyn" ist der bislang schwächste Pitt-Roman. Der Hauptplot ist unter den zahlreichen Subplots kaum erkennbar und Joe Pitt verstößt sehr lässig gegen fast alle Benimmregeln für Vampire. Er hatte zwar Autoritäten noch nie akzeptiert, aber jetzt begibt er sich auf einen selbstmörderischen Kurs, der beim Lesen irritiert. Am Ende hat Joe Pitt alle Clans so verärgert, dass ihm nur noch die Flucht aus Manhattan bleibt.
Weil die Joe-Pitt-Serie auf fünf Bände angelegt ist, dürfte "Das Blut von Brooklyn" vor allem die Vorbereitung für das - hoffentlich - furiose Ende der Serie sein. In den USA ist der vierte Band (Every last Drop) bereits erschienen und der abschließende fünfte Band ist für September angekündigt.
"Killing Game" und die Zukunft

Mit seinem ersten Einzelwerk "Killing Game" legte Charlie Huston sein bislang ambitioniertestes Werk vor. In ihm finden die Jugendlichen Andy, Paul, Hector und George in dem Haus der kriminellen und skrupellosen Arroyo-Brüder nicht nur Andys gestohlenes Fahrrad wieder, sondern auch Geld, Drogen und eine Drogenküche. Das Geld und die Drogen nehmen sie mit und hoffen, sie in aller Ruhe verkaufen zu können. Denn die Arroyo-Brüder sind, nachdem sie der Polizei einen Hinweis auf die Drogenküche gegeben haben, inhaftiert. Als die Arroyos früher als erwartet freikommen und ihr Boss die Drogen wieder haben will, sinkt die Lebenserwartung der Jungs drastisch.
Für Charlie Huston ist "Killing Game" nach zwei Serien sein erstes Einzelwerk. Außerdem schrieb er erstmals in der dritten Person. In dem Gespräch sagt Charlie Huston, dass "Killing Game" für ihn ein schwieriges Buch war. Bereits während des Schreibens schrieb er viel um. Und als er das Manuskript abgab, war die Arbeit noch lange nicht erledigt. Denn sein Lektor hatte Probleme mit der Geschichte. Es gäbe, so der Lektor, zwar genug Gewalt, aber er wisse nicht, wie er das Buch bei einer so jungen Karriere verkaufen könne. Denn in den USA ist "Killing Game" aus Verkaufssicht kein Genre-, sondern ein Mainstream-Roman.
Huston hörte auf die Ratschläge, schrieb Teile und auch das Ende um und fügte Subplots, die den Roman bereichern, ein. Dazu gehören vor allem die Rückblicke in die Vergangenheit, als die Väter der vier Jungs selbst Jugendliche waren und wie sie heute leben.
Mit diesen Erweiterungen wurde aus einem im wahrsten Sinne mörderischen Abenteuer von einer Handvoll Jugendlicher eine generationenübergreifende Saga von Schuld, Sühne und neuer Schuld. Denn während die vier Jungs in einer Nacht erwachsen werden (sofern sie die Nacht überleben), zeigt Huston, wie deren Väter vor einigen Jahren selbst in kriminelle Geschäfte verwickelt waren und mit den jetzigen Ereignissen alte Feindschaften eine tödliche Dynamik entwickeln. Denn die Vergangenheit hat, auch wenn die Jugendlichen als sie die Drogen klauen das nicht ahnen, einen verheerenden Einfluss auf die Gegenwart.

In den USA erschien Anfang des Jahres sein neuestes Buch "The Mystic Arts of Erasing All Signs of Death". Es ist, so Huston, nicht so düster wie seine bisherigen Romane. Der Erzähler sei, ähnlich wie Hank Thompson, der falsche Mann am falschen Ort.
Aber während Hank Thompson und auch Joe Pitt ihre Abenteuer im Präsens erzählen, wechselte Huston in "The Mystic Arts of Erasing All Signs of Death" erstmals in das in Romanen übliche Perfekt. Denn im Gegensatz zu Hank Thompson und Joe Pitt ist Webster Fillmore Goodhue ein wesentlich ruhigerer und reflektierterer Charakter. Hank Thompson und Joe Pitt reagieren normalerweise, bevor sie anfangen nachzudenken. Da habe er sich beim Schreiben in der Gegenwartsform wohl gefühlt. Denn in dieser Erzählzeit habe der Erzähler keine Zeit, verschiedene Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen.
Doch jetzt habe er einen Charakter, der mehrere Optionen gegeneinander abwägt. Da habe das Perfekt besser gepasst.
Wenn ein Autor schon die Wahl der Erzählzeit einleuchtend begründen kann, stellt sich natürlich die Frage nach der ungewöhnlichen Typographie.
Denn Huston setzt die wörtliche Rede nicht in Anführungszeichen, sondern beginnt sie mit einem Bindestrich. Außerdem verzichtet er konsequent auf die Nennung des Sprechers. Ein "er sagt", "sie sagt", gibt es in seinen Romanen nicht.
"Das war kein künstlerisches Statement. Bei 'Der Prügelknabe' konnte ich schlecht Schreibmaschine schreiben und um das Schreiben nicht zu unterbrechen, machte ich einfach die Bindestriche am Beginn der wörtlichen Rede. Als ich dann das Manuskript einreichte, war ich sofort bereit, das zu ändern, aber meinem Lektor gefiel es", sagt Huston zu der ungewöhnlichen Typographie in seinen Romanen, die inzwischen zu einem Markenzeichen wurde. Der angenehme Nebeneffekt ist, dass Huston alle für das Lesen wichtige Informationen in die wörtliche Rede oder kurze Sätze, die auch einen Wechsel des Redners verdeutlichen, einfließen lässt.
Zuletzt veröffentlicht:
Das Blut von Brooklyn
(übersetzt von Kristof Kurz)
Heyne Verlag, 2009
320 Seiten, 8.95 Euro
Links & Bibliographie:
Die Hank-Thompson-Trilogie
Der Prügelknabe (Caught Stealing, 2004)
Der Gejagte (Six Bad Things, 2005)
Ein gefährlicher Mann (A Dangerous Man, 2006)
Die Joe-Pitt-Serie
Stadt aus Blut (Already Dead, 2005)
Blutrausch (No Dominion, 2006)
Das Blut von Brooklyn (Half the Blood of Brooklyn, 2007)
Every Last Drop (2008)
My Dead Body (angekündigt für September 2009)
Einzelwerke
Killing Game (The Shotgun Rule, 2007)
The Mystic Arts of Erasing All Signs of Death (2009)
Hinweise:
Homepage von Charlie Huston:
www.pulpnoir.com/
January Magazine:
Interview mit Charlie Huston
Thrilling Detective über Joe Pitt:
www.thrillingdetective.com
Meine Besprechung von Charlie Hustons "Killing Game" (The Shotgun Rule, 2007):
kriminalakte.2009/03/12/