Spurensuche.
Die Kolumne von Axel Bussmer
Auf der Jagd nach dem Serienmörder-Gen
Über Helen Morrisons "Mein Leben unter Serienmördern"
Kann noch irgendetwas Neues und Bahnbrechendes über Serienmörder geschrieben werden? Seit Hannibal Lector Clarice Starling vor fünfzehn Jahren in dem weltweit erfolgreichen Film "Das Schweigen der Lämmer" anhimmelte, schrieben sich Autoren die Finger wund, um auch wirklich jedes absurde Storykonstrukt und Mordmotiv auszuprobieren. Die meisten Filme und Bücher sind inzwischen vergessen. Etwa zur gleichen Zeit begannen FBI-Profiler zu erzählen, wie sie Serienmörder jagten, und Sachbuchautoren und Wissenschaftler publizierten ihre Erkenntnisse. Danach sind Serienkiller in Wirklichkeit auch faszinierende Menschen, aber sie verfügen nicht über den erlesenen Geschmack

des Gourmets Lector. Dessen vierter Auftritt "Behind the Mask" ist als Buch für März 2006, als Film für den Herbst angekündigt.
Angesichts dieser langsam überstandenen Schwemme von Serienkiller-Büchern möchte der Krimifan Helen Morrison Erinnerungen "Mein Leben unter Serienmördern" gleich ungelesen weglegen. Aber dann würde er ein unterhaltsames Buch mit einigen interessanten Porträts von Serienkillern und einer absurden, aber für Kneipengespräche tauglichen Theorie über Serienkiller verpassen.
Die forensische Psychologin Helen Morrison interviewte unmittelbar nach ihrer Ausbildung 1977 ihren ersten Serienmörder: "Babyface" Richard Macek. Im weiteren Verlauf ihrer Erinnerungen konzentriert sie sich trotz der immer wieder angeführten Zahl von über achtzig von ihr interviewten Serienmörder auf wenige Fälle. Dabei sprach sie mehrmals, teilweise über mehrere Jahre, in langen Sitzungen mit John Wayne Gacy, Peter Sutcliffe, Wayne Williams, Bobby Joe Long, Robert Berdella, Michael Lee Lockhart, Frederick und Rosemary West, Marcelo Costa de Andrade (wobei sie bei ihm hauptsächlich über ein nicht stattgefundenes Gespräch berichtet), Gary Leon Ridgway und, den allseits bekannten, Ed Gein, den sie in der Psychiatrie als alten Mann kennen lernte.
Im Zentrum von Helen Morrisons in "Mein Leben unter Serienmördern" besprochenen Fallanalysen stehen neben Richard Macek die Serienmörder John Wayne Gacy und Bobby Joe Long. In beiden Fällen fungierte sie als Expertin der Verteidigung. Den Green River-Mörder, Gary Leon Ridgway, erwähnt sie, weil DNS-Spuren zu seiner Verhaftung führten und sie so ihre Theorie von dem Serienmörder-Gen formulieren kann.

Morrisons jahrzehntelange Forschung ergänzt dabei das Verhandlungsinteresse der Verteidiger. Denn sie ist überzeugt, dass Serienmörder für ihre Taten im strafrechtlichen Sinn nicht verantwortlich sind. Sie waren, egal wie viele Morde sie begangen haben, zum Zeitpunkt der Tat immer unzurechnungsfähig, weil sie ihren Tötungstrieb nicht zügeln konnten. Ebenso seien alle auf der seelischen Stufe eines Babys stehen geblieben und haben kein moralisches Empfinden. Sie könnten sich nicht eine längere Zeit auf eine bestimmte Aufgabe konzentrieren. Das bemerke sie immer wieder bei ihren Gesprächen mit Serienmördern. Anfangs seien sie sehr angenehme Gesprächspartner, aber nach einigen Stunden würden sie zunehmend unkonzentrierter und ließen ihre anständige Maske fallen. Ihre Intelligenz liege in den meisten Fällen über dem Durchschnitt.
Serienmörder haben nach Helen Morrisons Auffassung keine Persönlichkeitsstruktur und passten nicht in die Entwicklungstheorien eines Sigmund Freud oder Heinz Kohut. Psychologisch seien sie keine vollständigen Menschen, auch wenn sie vieles nachahmen und verschiedene Rollen spielen könnten. Nicht alle wurden sexuell missbraucht oder körperlich misshandelt. Für ihre Morde hätten sie kein Motiv. Sie seien mordsüchtig und könnten ihr Verhalten nicht kontrollieren. Das unterscheide sie von Psychopathen. Denn Psychopathen kontrollierten was sie tun, denken und fühlen. Während diese Zusammenfassung ihrer jahrzehntelangen Arbeit als Psychologin weitgehend unstrittig ist, ist ihre Theorie über Serienmörder - höflich formuliert - kontrovers. Denn sie glaubt, dass es bei Serienmördern eine genetische Anomalie gäbe, die sie zu ihren Morden treibt:
"Theorien hin oder her, nach meiner Überzeugung ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir Gene isolieren können, die zu Problemen wie ständigen, tödlichen Gewalttaten beitragen."
(Morrison/Goldberg: Mein Leben unter Serienmördern, S. 344)
Und dann?
"Was würde geschehen, wenn wir an irgendeinem Kennzeichen in den Genen ablesen könnten, dass ein Mensch zu Serienmorden neigt? Könnte man ihn mit einem implantierten Gerät wie dem von Applied Digital Solutions überwachen? Unter welchen Voraussetzungen wäre so etwas ethisch vertretbar? Würden Justiz und Behörden auch nur die Erprobung eines solchen Systems gestatten? Die Diskussion über solche Themen muss jetzt beginnen, denn irgendwann - eher früher als später - wird der Tag kommen, an dem wir mit Hilfe der DNA-Analyse feststellen können, ob wir einen Serienmörder unter uns haben - und das, bevor der Mörder überhaupt geboren wird.
Wenn dieser Tag kommt, wird meine Arbeit beendet sein."
(Morrison/Goldberg: Mein Leben unter Serienmördern, S. 335)
Mit ihrer Theorie, dass alles in den Genen begründet ist, wirft Morrison, die sich während des gesamten Buches nicht gerade besonders gnädig gegenüber ihren wissenschaftlichen Kollegen, den FBI-Profilern (diese seien bei ihrer Arbeit nur von einem Strafverfolgungsinteresse geleitet) und

dem juristischen System (besonders wenn ein aus ihrer Sicht falsches Urteil gefällt wurde) zeigte, während sie für sich selbst immer die Flagge der reinen und objektiven Wissenschaft hochhielt, endgültig jeden Anspruch auf Wissenschaftlichkeit über den Haufen. Ihre Erklärung basiert letztendlich auf einer Variablen und erklärt alle anderen Faktoren und Erklärungsmodelle über Serienkiller und ihre Taten für nichtig. Dabei sind Theorien, die alles mit einer Variablen erklären wollen, auch wenn sie auf den ersten Blick überzeugend sind, meistens falsch. Außerdem ist die empirische Basis für ihre Theorie bis jetzt bestenfalls sehr dünn bis nicht vorhanden.
Trotzdem hält sie alle von den Tätern, anderen Experten und wissenschaftlichen Disziplinen (die sich immer nur auf einen Teilbereich der Wirklichkeit konzentrieren) angeführten Theorien und Gründe für die Serienmorde nur für Nebelkerzen, die nicht beachtet werden müssen.
Abgesehen von ihrer gesellschaftlich gefährlichen Theorie (die bei der Jagd nach Serienmörder, wenn wir keine genetische Vollerfassung der Bevölkerung haben, nicht weiterhilft) und ihrem Fähigkeit sich als Grande Dame der Serienmörderforschung zu inszenieren, sind die ausführlichen Interviews mit Serienmördern sehr interessant zu lesen.
Angenehm ist auch der Aufbau des Buches. Anscheinend erzählte sie dem New Yorker-Journalisten Harold Goldberg ihre Erinnerungen. Dieser verknüpfte sie mit ihrer Biografie - ihren ersten Erfahrungen im Beruf, ihrer Familie, dem Aufbau eines Instituts, einer Reise nach Südamerika -, bringt damit Helen Morrison einem als Menschen näher und strukturierte ihre Forschungen anhand einer Entdeckungsgeschichte. Goldberg schreibt, Morrison wollte nach ihrer Begegnung mit Richard Macek herausfinden, woher bei Serienmördern der Drang zum Töten komme. In den folgenden Jahren suchte sie nach diesem Grund und wir begleiten sie auf ihrem Weg in die Finsternis der menschlichen Seele. Mit diesem einfachen Kunstgriff hat "Mein Leben unter Serienmördern" eine Struktur, der wir gespannt folgen können, auch wenn uns die am Ende von Morrison gegebene Antwort nicht gefällt.
Links
Offizielle Webseite:
http://www.harpercollins.com/authorintro/index.asp?authorid=25240
Weitere Links:
Über John Wayne Gacy und Helen Morrisons Buch:
http://www.crimelibrary.com/serial_killers/notorious/gacy/11.html
Presseinformation des Verlages:
www.pressdepartment.de
Leseprobe "Mein Leben unter Serienmördern":
www.pressdepartment.de
Bibliografie:
Helen Morrison/Harold Goldberg: Mein Leben unter Serienmördern - Eine Profilerin erzählt
Deutsch von Sebastian Vogel
Goldmann, Februar 2006
353 Seiten, 19.95 Euro
Originalausgabe:
My Life among the Serial Killers
HarperCollins, 2004