Spurensuche.
Die Kolumne von Axel Bussmer
Enttäuschendes von der Insel
Ein Blog als Buch
Der Titel klingt vielversprechend: "Die intimen Aufzeichnungen eines Londoner Callgirls". Wer denkt da nicht an die Memoiren der Fanny Hill und Josefine Mutzenbacher? An aufschlussreiche Bücher über die nicht immer ganz legale Welt des Nachtlebens? An Drogenhändler, Rausschmeißer, Verbrecher und Politiker mit heruntergelassener Hose?
Nun, das alles gibt es in den "Intimen Aufzeichnungen eines Londoner Callgirls" nicht. Denn

die Aufzeichnungen von Belle de Jour sind nicht sonderlich intim. Sie waren ursprünglich ein Webblog. Also ein öffentliches Tagebuch, in das die Unbekannte fast täglich schrieb, was sie erlebte oder worüber sie sich Gedanken machte. Sie schreibt in anonymisierter Form über ihre Freunde (A1, A2, A3, undsoweiter), ihre Chefin (kein Name) und ihre Kunden (ebenfalls keine Namen).
Der Blog wurde schnell zum Tagesgespräch in England. Ein richtiger Fankult entwickelte sich. Begierig wurden allabendlich die neuesten Eintragungen von Belle de Jour gelesen und jeder versuchte, die Identität der Unbekannten herauszufinden. Sie fragten sich, ob Belle de Jour wirklich ein Callgirl sei oder eine bekannte Autorin, die Geschichten erfand. Es wurde auch vermutet, dass Belle de Jour in Wirklichkeit ein Mann sei. All die Fragen und Vermutungen bedienten die Medienmaschine exzellent und brachten der Unbekannten einen Buchvertrag ein. Für die Buchveröffentlichung überarbeitete Belle de Jour ihre Blogeinträge und schrieb zahlreiche neue Texte, ohne die sprunghafte Tagebuchstruktur zu ändern.
Das immer noch nicht gelüftete Geheimnis um die Identität von Belle de Jour lenkt von dem in Buchform dürftigen Werk ab. Im wesentlichen geht es, wie bei allen jungen Menschen (sie ist ungefähr Mitte/Ende zwanzig) um ihre Beziehungen zu ihren verschiedenen Freunden, mit wem sie ins Bett gehen soll und was sie tun soll, wenn ein alter Freund auf einer Party auftaucht. Manchmal erzählt sie von ihrer Arbeit: etwas Sex, etwas Unterhaltung mit den anonymen Kunden. Das alles beschreibt sie in einem bestenfalls flapsigen Tonfall, der auf wenigen Seiten unterhaltsam, aber auf mehreren Hundert Seiten nervig ist.
Ein Beispiel gefällig?
"Gestern Abend haben N und ich uns im Zentrum getroffen, um uns gegenseitig etwas vorzujammern. Ich gehe an Neujahr nicht gerne aus, aber allein zu Hause sitzen ist noch schlimmer. Momentan trinkt N am liebsten Bailey's auf Eis, also praktisch Pudding im Glas. Als ich mein Glas hob, wurde ich von einer Frau gerammt, einer gemeinsamen Bekannten. Der halbe Inhalt landete auf meiner Jeans." (Belle de Jour, S. 117)
Über die Schreiberin, ihre Gefühle und ihre Konflikte, - also den Dingen, die normalerweise den Weg in ein nur für sich selbst geschriebenes Tagebuch finden -, steht nichts in diesen öffentlichen Aufzeichnungen, bei denen die Schreiberin sich immer ins beste Licht setzt und peinlich genau darauf achtet, keine Geheimnisse zu verraten. Daher wissen wir über sie auch nach über dreihundert Seiten und Aufzeichnungen von einem guten Kalenderjahr (die Eintragungen beginnen am 1. November 2003 und enden am 27. Juni 2004) nichts. Außer dass sie eine normale junge Frau ist, aus einer normalen Familie kommt, studiert hat und sich jetzt in London durchschlägt. Wir wissen noch nicht einmal, welche Musik sie gerne hört. Außer, dass sie einen eklektischen Geschmack, was immer das ist, hat. Über ihre Freunde erfahren wir auch nicht mehr und London bleibt als Stadt immer blass und austauschbar. Über den "intimen Aufzeichnungen" liegt immer der bleierne Nebel der Anonymität.
Ein Detektiv als Langweiler
"Die Tote im Meer" ist einer der Kriminalromane, die mit einem sehr modernen Problem zu kämpfen haben. Er ist einfach viel zu lang. Früher, als Pulp-Schreiber pro Wort bezahlt wurden, waren die meisten Geschichten ungefähr 200 Seiten lang und es geschah ständig etwas. Heute sind die Geschichten doppelt so lang und es geschieht teilweise über mehrere Seiten nichts. So auch in Robert Edrics zweitem Buch mit dem in Hull ermittelnden Privatdetektiv Leo Rivers.

Der Detektiv soll in "Die Tote im Meer" den Mörder der vor fünfzehn Monaten spurlos verschwundenen Helen Brooks finden. Damals fuhren sie und ihr unbekannter Begleiter vor der Küste mit Fowlers Segelschiff auf Grund. Bevor die Rettungsmannschaft kam, sprang sie ins Wasser und wurde in die Nordsee getrieben.
Ihre Mutter Alison Brooks hält den Bootsbesitzer und Immobilienspekulanten Simon Fowler verantwortlich für den Tod ihrer Tochter. Jetzt will die unheilbar an Krebs erkrankte Mutter den wirklichen Grund für den Tod ihrer Tochter herausfinden. Denn sie glaubt nicht an einen tragischen Segelunfall.
Während Leo Rivers die Umstände von Helen Brooks Tod rekonstruiert und Erkundigungen über ihr Leben einzieht, erfährt er immer mehr unappetitliche Fakten über Simon Fowler. Fowler verdient ein Vermögen mit dem Leid von Asylbewerbern. Zwar konnte die Polizei ihm bis jetzt noch nichts nachweisen, aber für Leo Rivers ist klar, dass Fowler der städtische Gangsterboss ist und dass Helen Brooks zuviel über die unsauberen Geschäfte von Fowler wusste.
Schnell werden die Ermittlungen für Leo Rivers zu einer lebensgefährlichen Angelegenheit. Denn jemand will verhindern, dass Rivers die Wahrheit über den Tod von Helen Brooks ermittelt. Diese Person beseitigt skrupellos jede Spur.
2003 erschien der erste Teil einer Trilogie mit dem Privatdetektiv Leo Rivers. Der vielfach nominierte Romanautor Robert Edric schuf mit Leo Rivers einen typischen Hardboiled-Detektiv. Er hat wenig Geld, ein schmuddeliges Büro, ist Single, hat wenige Freunde, immer einen flotten Spruch auf der Lippe und ist natürlich mit einem Kodex ausgestattet. Außerdem - auch das kennen wir seit den seligen Tagen von Hammett - wird er bedroht, geschlagen, geht mit der Schwester der Vermissten ins Bett und am Ende entpuppt diese sich als ganz schön raffiniertes Luder. Auch, dass sich der kleine Detektiv mit den Mächtigen anlegt, kennen wir von früher. Insofern bewegt sich Robert Edric mit dem Mittelteil seiner aus der Ich-Perspektive geschriebenen Rivers-Trilogie auf vertrautem Terrain.
Das wäre nicht schlimm, wenn "Die Tote im Meer" spannend und die Charaktere interessant wären. Rivers - und damit auch wir Leser - erhalten die wichtigen Informationen in langatmigen Dialogen, bei denen sich die Handlung höchstens im Schneckentempo weiterbewegt und die einzelnen Charaktere farblos bleiben. Das ist besonders ärgerlich bei dem Bösewicht des Buches. Der Baulöwe Fowler bleibt eindimensional gefangen zwischen der voreingenommenen Perspektive von Rivers und seinen Taten, von denen wir immer nur aus Erzählungen erfahren. Deshalb ist Fowler etwa so bedrohlich wie der Abteilungsleiter einer Sparkasse. Auch die titelgebende "Tote im Meer" bleibt blass. Genau wie das ganze Buch.
Zwei Hinweise als Empfehlungen
Carl Hiaasens neuester Kriminalroman "Skinny Dip" erscheint jetzt endlich auf Deutsch unter dem Titel "Der Reinfall" (Goldmann). Mit dieser Groteske knüpft Hiaasen nach dem für ihn untypisch ruhigen Buch "Letztes Vermächtnis" (Basket Case) an seine früheren Florida-Romane an.
Also, unbedingt kaufen.
Denn "Der Reinfall" ist garantiert kein Reinfall.
Mehr über "Skinny Dip":
www.alligatorpapiere.de/spurensuche.html
Kabel 1 zeigt seit Ende Januar werktäglich chronologisch alle Folgen von "Kojak - Einsatz in Manhattan" und "Miami Vice".
Theo Kojak ermittelt vormittags ab 10.50 Uhr, Sonny Crockett und Ricardo Tubbs jagen nachmittags ab 16.15 Uhr in Florida Verbrecher.
Mehr über die erste Staffel von "Kojak - Einsatz in Manhattan:
www.alligatorpapiere.de/spurensuche-fuenfzehn-kojak.html
Mehr über die erste Staffel von "Miami Vice":
www.alligatorpapiere.de/spurensuche-zwoelf-miami-vice.html
Bibliografie:
Belle de Jour: Die intimen Aufzeichnungen eines Londoner Callgirls
Originaltitel:
The Intimate Adventures of a London Call Girl, Weodemfeöd & Nicolson, 2005
(Aus dem Englischen von Andrea Fischer)
Goldmann,
Januar 2006, 352 Seiten
Belles Blog: www.belledejour-uk.blogspot.com
Playboy-Artikel über Belle de Jour und den Hype über ihr Internet-Tagebuch: www.playboy.de/PP3G/pp3g.htm?snr=3670
Robert Edric: Die Tote im Meer
Originaltitel: Siren Song, Doubleday 2004
(Aus dem Englischen von Henning Ahrens
Goldmann
Januar 2006, 448 Seiten