Spurensuche.
Die Kolumne von Axel Bußmer
Tops und Flops 2006
Was waren die Höhepunkte des Jahres? Welche Bücher und Filme waren besonders gut? Welche Werke enttäuschten mich?
Hier die jeweils fünf beeindruckensten Werke. Wiederveröffentlichungen wie einige Bücher von Jörg Fauser, Carl Hiaasen und Ross Thomas gehören deshalb nicht in diese Listen. Außerdem habe ich einige Bücher, die ich gerne auf die Liste gesetzt hätte, wie Richard Starks neuesten Parker-Roman, noch nicht gelesen. Aber vielleicht erinnere ich mich im Dezember 2007 daran.
BÜCHER
Tops
D. B. Blettenberg: Land der guten Hoffnung, 2006
Ein spannender Thriller über Entführungen, Liebe und den Umgang mit einer Diktatur. Blettenberg gehört zu den großen Autoren von Politthrillern.
Michael Connelly: The Lincoln Lawyer, 2005
Michael Connelly: Vergessene Stimmen (The narrows, 2005)
Mit einem neuen Harry Bosch-Roman und einem Einzelwerk beweist Michael Connelly erneut seine Klasse.
Robert Littell: Die kalte Legende (Legends - A Novel of Dissimulation, 2005)
Ein grandioser schwarzhumoriger Politthriller über einen Geheimagenten auf der Suche nach seiner wahren Identität. Die Thrillervarianten lieferten Jenny Siler mit "Ticket nach Tanger" (Flashback, 2004) und Harlan Coben mit "Kein böser Traum" (Just one look, 2004).
Bill Moody: Bird lives! (Bird lives!, 1999)
Als Jazzfan bin ich mit diesem Buch rundum glücklich.
George Pelecanos: The night gardener, 2006
Unter der Oberfläche eines Polizeiromans legt Pelecanos eine eindrückliche Studie über drei Männer auf der Jagd nach einem Serienmörder vor.
Enttäuschungen
John le Carré: Geheime Melodie (The Mission Song, 2006)
Der Meister der Spionageliteratur kann immer noch grandiose Anfänge schreiben. Aber danach schleppt sich die dünne Geschichte von "Geheime Melodie" bis zum ziemlich vorhersehbaren Ende. Le Carré kann mehr.
Michael Dibdin: Tod auf der Piazza (Back to Bologna, 2005)
Dieser Zen ist nicht witzig - und spannend ist er auch nicht.
Linda Fairstein: Totenmahl (Death Dance, 2006)
Ein mit zahlreichen Nebengeschichten auf 400 Seiten gestreckter Whodunit.
Thomas Hettche: Woraus wir gemacht sind, 2006
Wenn aus einem Thriller Besinnungsliteratur wird ...
TV-Serien
Tops
Cold Case – Kein Opfer ist je vergessen
Auch in der dritten Staffel sind die teilweise auf wahren Fällen basierenden Fälle immer noch spannend. Allerdings habe ich langsam den Verdacht, dass die Polizei von Philly vor der Einstellung von Lilly Rush eine richtige Gurkentruppe war.
Law & Order: New York
Seit 1999 ermittelt die "Special Victims Unit" (so der Originaltitel dieser Dick Wolf-Serie) in New York. Sie ermitteln nur in Fällen mit sexueller Gewalt.
Spannend erzählt und immer wieder sehr informativ.
24
Trotz allem wenn und aber: "24" ist immer noch spannender als viele für das Kino produzierte Thriller. Außerdem zeigen die "24"-Macher, wie mit wenig Geld eine große Wirkung erzielt werden kann. Denn auch bei steigenden Produktionskosten wird "24" im Vergleich zu "Casino Royale" und "Mission Immpossible III" immer noch für ein Taschengeld produziert.
Allerdings hat "24" inzwischen bei mir eine verheerende Wirkung: bei jedem Thriller denke ich immer an das schlimmste und bin dann erstaunt, wenn sich die Geschichte nicht so fatal entwickelt.
Without a trace - Spurlos verschwunden
Kabel 1 sendete nur wenige neue Folgen und viele Wiederholungen über das nach verschwundenen Personen suchende Spezialteam des FBI.
Ab dem 4. Januar will Sat.1 neue Folgen senden.
TV-Filme
Tops
Für alle Fälle Fitz: Nine Eleven
(GB 2006, Regie: Antonia Bird, Drehbuch: Jimmy McGovern)
Ein mit zahlreichen ätzenden Kommentaren zu 9/11 garnierter Nachschlag zur erfolgreichen Serie.
Helen, Fred und Ted
(D 2006, Regie: Sherry Hormann, Drehbuch: Kathrin Richter, Gabriela Sperl)
Zweiteiler über eine Psychologen-Praxis: die Geschichte wird wahrscheinlich niemand nacherzählen können, aber das spielfreudige Ensemble unterhielt drei Stunden mit seinen Spleens und Macken. Kein Wunder: denn Drehbuch, Kamera und Regie gaben ihnen den nötigen Raum.
Nachtschicht: Tod im Supermarkt
(D 2006, Regie: Lars Becker, Drehbuch: Lars Becker)
Auch als Whodunit köstlich-schräge Unterhaltung.
Unter Verdacht: Willkommen im Club
(D 2006, Regie: Edward Berger, Drehbuch: Edward Berger, Norbert Ehry)
Unter Verdacht: Atemlos (D 2006, R.: Ulrich Zrenner, Drehbuch: Christian Limmer)
Das Prinzip ist bekannt. Aber solange die Qualität so gut bleibt, sehe ich immer wieder gerne Frau Prohacek im bayerischen Korruptionssumpf wühlen.
Enttäuschungen
Bella Block: Das Glück der anderen
(D 2006, Regie: Christian von Castelberg, Drehbuch: Christian Jeltsch)
Jubiläum hin, Jubiläum her. Auch der zwanzigste Fall stoppt den Abwärtstrend der Serie hin zu bräsigen Whodunits nicht.
Blackout - Die Erinnerung ist tödlich
(D 2006, Regie: Peter Keglevic, Hans-Günther Bücking, Drehbuch: Norbert Eberlein)
Als Achtteiler geplant, als Vierteiler in wenigen Tagen ausgestrahlt und ein Teil der Serie "ambitioniert gescheitert".
Stolberg
Der neue ZDF-Freitagskrimi eignet sich höchstens als Schlafmittel.
Tatort
Nicht jeder war schlecht, aber die meisten versumpften im langweiligen Mittelmass, das oft mit krachender Unlogik, rätselhaften Szenen, doofen Dialogen und überflüssigen Kameraspielereien unterhielt.
Auch die gewohnt zuverlässigen Teams Batic/Leitmayr und Thiel/Boerne reißen es letztendlich nicht heraus.
Spielfilme
Tops
Departed - Unter Feinden
(USA 2006, Regie: Martin Scorsese, Drehbuch: William Monahan)
Scorsese benutzt die Idee von "Infernal Affairs" für seine ureigenste Vision. Grandioses Kino.
Geheime Staatsaffären
(F 2006, R.: Claude Chabrol)
Grandios gespielte Politikkomödie über Korruption und die Versuchungen der Macht. Die Affäre Elf Aquitaine diente unübersehbar als Inspiration.
Inside Man
(USA 2006, Regie: Spike Lee, Drehbuch: Russell Gewirtz)
Bankraub-Thriller mit überraschenden Wendungen, einem nicht vorhersehbaren Ende und ätzenden Kommentaren zum Zustand der USA nach 9/11.
Syriana
(USA 2005, Regie: Stephen Gaghan, Drehbuch: Stephen Gaghan)
Knapp gesagt: Traffic im Ölgeschäft. Hauptdarsteller George Clooney legte mit "Good Night and Good Luck" (USA 2005) ebenfalls einen sehr guten politischen Film für denkende Menschen vor.
Sommer vorm Balkon
(D 2005, Regie: Andreas Dresen, Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase)
Abgesehen vom Lokalpatriotismus ist "Sommer vorm Balkon" eine wunderschön beobachtete Erzählung über zwei Frauen und ihr Leben.
Enttäuschungen
Die größten Enttäuschungen waren:
Black Dahlia
(USA 2006, Regie: Brian de Palma, Drehbuch: Josh Friedman)
Auf dem Papier sah es nach einer Traumhochzeit aus: Brian de Palma verfilmt James Ellroy. Im Kino war es ein zäh-konfuser Noir. Langweiliges Ausstattungskino eben.
Miami Vice
(USA 2006, Regie: Michael Mann, Drehbuch: Michael Mann)
Ein schwaches Werk von einem Meister.
Schläfer
(D/Aus 2005, Regie: Benjamin Heisenberg, Drehbuch: Benjamin Heisenberg)
Die wenigen Ansätze für einen Polit-Thriller werden einer typischen deutschen Menage á trois, die durch Eifersucht vernichtet wird, geopfert.
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