Regionalkrimis
Von Reinhard Jahn
Was ist ein Regionalkrimi: ökonomisch
Der Siegeszug der Regionalkrimi begann in Deutschland in der zweiten Hälfte der 80er Jahre. Er ist eng verbunden mit zwei inzwischen mittleständischen Verlagen: grafit in Dortmund und Emons in Köln.
In beiden Verlagen erschienen die ersten Kriminalromane von jungen Autoren, die in der Region angesiedelt waren, in denen die Verlage beheimatet waren: dem Rheinland (Emons) und dem Ruhrgebiet (grafit)
Die Verlage traten mit ihrer Produktion an die Stelle der großen Verlage (Rowohlt, Goldmann, Bastei-Lübbe), die bisher deutsche Kriminalromane veröffentlicht hatten. Zugleich traten mit den ersten Regionalkrimis neue Autoren auf.
Genau wie die aktuellen Regionalkrimi-Verlage (Gmeiner in Schwaben, Leda in Ostfriesland, be-bra in Berlin) lag das Kernverbreitungsgebiet von grafit und Emons in der Region, in er sie beheimatet waren, die Autoren - meist "neue" Autoren stammten ebenfalls aus diesem Gebiet.
Der Regionalkrimi: inhaltlich
Regionalkrimis sind Heimatliteratur, die den Konventionen des Krimi-Genres folgen. Essentielle Bestandteile des Regionalkrimis sind die möglichst genau nachvollziehbaren Schauplätze, kommunalpolitischen Verhältnisse und landsmannschaftlichen Eigenarten, bis hinein in den regionalen Dialekt im Dialog.
Der Regionalkrimi schließt sich damit an die "stark regionalistische Tradition" der deutschen Nachkriegsliteratur an. (Heinrich Böll - Rheinland, Martin Walser - Bodensee)
Die Konvention des traditionellen Kriminalroman besagt, dass die durch das Verbrechen entstandene Unordnung durch die Aufklärung wieder hergestellt wird. Im Regionalkrimi wird also die in Unordnung geratene Heimat in die Ordnung zurückgeführt.
Dementsprechend die die Protagonisten der klassischen Regionalkrimis traditionelle Ermittlerfiguren, in der Regel Polizeibeamte, die dem Bild des "klassischen" Kommissars folgen und sich später zunehmend an den vom Fernsehen (TATORT, DERRICK etc) geprägten Ermittlerfiguren orientieren. Negative Helden sind in der Frühzeit des Regionalkrimis die Ausnahme.
Regionalkrimis neigen zur Serialisierung, indem sie ähnlich wie Fernsehserien, mit jedem Roman eine neue Episode (einen neuen Fall) ihres Protagonisten schildern. Die Serie ist die Heimat innerhalb des Heimatromans, ein noch enger und intimer gesponnenes Geflecht von Orten und Personen als es die umgebende Gattung liefert.
Die Konvention des Kriminalromans ist die Ermittlung, die wiederum Gelegenheit bietet, die regionalen und sozialen Einheiten des Schauplatzes erzählerisch zu erfassen.
Der Erfolg des Regionalkrimis liegt demnach in in der Formel: Aus der Region (Autoren, Verlage) für die Region (Leserschaft). Befördert wurde der Erfolg durch die räumliche und mentale Nähe von Autor und Publikum, durch intensive Präsentation bei Lesungen und Veranstaltungen.
Zum Boom oder Trend wurde der Regionalkrimi einerseits durch die Vervielfältigung und Serialisierung der ersten Erfolge in den Ursprungsregionen und andererseits durch Neugründungen und Neuschaffungen von Regionalkrimi-Verlagen und -Schauplätzen in anderen Regionen. Die Formel für den Regionalkrimi hieß ab sofort XX-Krimi, wobei das X für einen Ort (Mittelstadt) oder eine Region steht.
Inzwischen ist offensichtlich eine Marktsättigung im Regionalkrimi-Bereich eingetreten. Anzeichen dafür ist die größere Popularisierung von anderen "Krimi-Plus"-Geschichten: Krimi plus Essen oder Kochen, Krimi plus Weine.
Reinhard Jahn
Der Autor mehrerer Jugendkrimis, Kriminalhörspiele und -Romane ist Mitbegründer des Bochumer Krimi-Archivs, das alljährlich die Vergabe des Deutschen Krimi Preises organisiert.
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