Krakauer Schwarze Post.
No. 2
Die Kolumne von Markus Schnabel
Krimis in Polen - Anfang einer Bestandsaufnahme
3 zu 70
Dies ist jeweils die Anzahl der jährlichen Neuerscheinungen polnischer Krimis. Die

erste Zahl betrifft das Jahr 2003, die letzte 2006. Diese Zahlen sprechen selbst für sich und zeugen bestens von der Aufbruchstimmung und dem Boom des Kriminalromans in Polen. Genannt wurden diese Zahlen im Zuge der Preisverleihung des IV. Polnischen Krimifestivals.
Mit diesem explosionsartigen Publikationsanstieg wird auch die Arbeit der Jury, die die Preise für die besten polnischen Krimis vergibt immer schwieriger. Zum einen, weil immer mehr Mitglieder der Jury selber auf den Geschmack kommen, Krimis zu schreiben oder zu verlegen und deswegen, um nicht voreingenommen zu entscheiden, aus der Jury ausscheiden müssen. Andererseits weil es immer schwieriger wird bei all den Positionen den Überblick zu behalten.
Natürlich darf man daraus nicht schließen, dass es vor der Wende ins neue Jahrtausend keine Krimikultur in Polen gab. Neben Übersetzungen der Klassiker Doyle, Poe und Co. gab es vor allem in der Zwischenkriegszeit mit Fortsetzungsromanen in Zeitungen und Zeitschriften schon eine erste Welle eigenen Schaffens. Nach dem zweiten Weltkrieg folgte dann mit dem Milizroman eine zweite, wenn unter bestimmten propagandistischen Voraussetzungen: Held war stets der treue Staatssicherheitsbeamte, Gegenspieler unter anderem sogar bis zu den 70er Jahren immer wieder Nazis.
Einige Experten sind der Auffassung, eine Krimiszene könne sich etwa erst 15 Jahre nach dem Ende einer Diktatur bilden. Zu stark würde in der Zeit der Transformation noch das alte System die Autoren in ihrem Schaffen beeinflussen. Beobachtet man den polnischen Krimimarkt nach 1989 genau, kann man diese These nur bestätigen.
Woher der Wind weht
Die ehemalige Königsstadt Krakau ist als das Epizentrum der Entwicklung des neuen Polnischen Krimiromans anzusehen. Ist hier sowohl der Sitz des Vereins der Liebhaber von Kriminal- und Mysteryromanen Stowarzyszenie Milosników Kryminalu i Powiesci Sensacyjnej "Trup w szafie - Die Leiche im Schrank", jener der Internetplattform
www.portalkryminalny.pl, als auch der des "Instytut Ksiazki - Buch Institut".
Der oben schon angesprochene Verein "Trup w Szafie" enstand im Jahre 2004 auf Intitative von sieben Herren: Marcin Baran, Witold Beres, Piotr Bratkowski, Artur Górski, Irek Grin, Marcin Maruta, und Marcin Swietlicki. Sie verbindet die Leidenschaft für Krimis und gründeten diesen Verein um eine Lücke der polnischen Literaturszene auszufüllen und den besten Polnischen Kriminal- oder Mysteryroman zu würdigen. Deswegen findet seit 2004 jährlich in Krakau und mittlerweile in ganz Polen ein mehrtägiges Krimi-Festival festiwal kryminaly statt. Den Höhepunkt stellt dabei die Abschlussgala mit der Preisverleihung "Wielki Kaliber - das große Kaliber" für den besten Polnischen Kriminal- oder Mysteryroman des vergangenen Jahres dar.
Mittlerweile sind schon viele polnische Verlage auf den immer schneller fahrenden Zug aufgesprungen und haben eigene Krimiserien eingerichtet. Die wichtigsten davon sind der Krakauer Verlag EMG, der Verlag w.a.b. aus Warschau und der Breslauer Verlag Wydawnictwo Dolnoslaskie. Auch andere für bekannte Autoren, egal ob Prosa oder Poesie, z.B. Andrzej Stasiuk, u.a. bekennen sich nach Jahren der Scham als Krimifans und muntern zum Schreiben und Lesen einer Literaturgattung, die lange Zeit zu unrecht als minderwertige abgetan wurde.