Krimi-Report No. 24 Krimi-Report
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Die Alligatorpapiere


Amélie Nothomb

»Böses Mädchen«
vorgestellt von Frank Kaufmann

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Die Autorin:
Geboren am 13.8.1966 in Kobe (Japan). Die diplomatische Laufbahn ihres Vaters im Fernen Osten bestimmte die Stationen ihrer Kindheit. Als sie mit 17 zum erstenmal nach Europa kam, nach Brüssel, um alte Sprachen zu studieren, erlebte sie einen Kulturschock. Sie kannte Europa nur aus Romanen von Stendhal, fand keine Freunde und merkte, daß ihre Familie aristokratisch ist. Aus Einsamkeit begann sie zu schreiben. Nach dem Studium zog sie sofort wieder nach Asien. In Tokio arbeitete sie als Dolmetscherin und war genausooft unglücklich. Sie beschloß, doch Europäerin zu werden, verließ ihre Firma und ihren japanischen Verlobten und kehrte nach Brüssel zurück.

Der Rezensent:
Frank Kaufmann
ist als freier Korrektor und Lektor tätig. Er schreibt gelegentlich Rezensionen. Besondere Interessen: Dramatisches Schreiben und Kriminalliteratur.



nothomb-Boeses-Maedchen.jpg Freundschaft und Quälerei


Schon wieder ein neuer Roman von Amélie Nothomb, mögen sich Leser denken, die in die nächste Buchhandlung gehen. Dann aber entscheidet es sich blitzartig, teilen sich die Befürworter und Gegner. Die einen schätzen das Knappe und Kurze ihrer Sprache, während die anderen nur Oberflächlichkeit und mangelnde Tiefe sehen. Zugegebenerweise hat sich der Verfasser dieser Zeilen zur ersteren Fraktion geschlagen, obwohl er sprachlichen Tiefgang nicht nur schätzt, sondern sogar liebt, aber merkwürdigerweise gerade bei diesen Büchern, die andernorts sehr treffend als Kammerspiele bezeichnet wurden, eine Ausnahme macht. Und das nicht nur deswegen, weil Amélie Nothomb eine Ausnahmeautorin ist, die Jahr um Jahr schreibt, was das Zeug hält, sondern weil die knappe, auf das Wesentliche reduzierte Sprache so verblüffend kalkuliert eingesetzt wird, dass sie eine maximale Psychospannung erzeugt.

Auf einem ganz anderen Blatt steht dagegen die nicht sehr originelle Story, die schon etwas Stirnrunzeln verursacht: Erzählt wird von zwei Mädchen, die ihre Freundschaft als Quälerei gestalten: "Ich war sechzehn. Ich hatte nichts ... Keine Freunde, keine Liebe und noch nichts erlebt." Die Ich-Erzählerin Blanche studiert an der Uni Brüssel, fühlt sich als Mauerblümchen, ist noch Jungfrau und schwärmt für Christa, der sie sich hingibt und damit sich selber aufgibt. Demütigung, Missbrauch, Seelenqualen, so gestaltet sich Blanches Leben, und Christa entpuppt sich mehr und mehr als Antichrista, die, ihrer Macht über Blanche bewusst, das sadistische Spiel immer weitertreibt. Dieses Spiel vermag die Nothomb bis zum Zerreißen dramaturgisch zu steigern. Erinnert wird man allerdings an Anne-Sophie Brasmes hoch gelobtes Erstlingswerk "Dich schlafen sehen", das, so nebenbei bemerkt, eine etwas andere Wendung nimmt. Doch auch dort geht es um zwei ungleiche Mädchen, auch dort ist die Ich-Erzählerin die Schwache, die von ihrem starken, machtbewussten Gegenüber beherrscht, dominiert und gedemütigt wird.

Amélie Nothomb hat hier auch ein ausgesprochenes Jugendbuch geschrieben, das hohes Identifikationspotential bietet, denn es erzählt von dem menschlichen Phänomen der Hörigkeit, dem Umstand, dass sich ein jugendlicher Mensch von einem anderen quälen lässt, was wohl jeder ansatzweise schon einmal (als Gequälter oder Quäler) erlebt hat. Ein bisschen liest sich Böses Mädchen dabei wie eine Variation von Kosmetik des Bösen der gleichen Autorin, in dem ebenfalls ein Mensch einen anderen peinigt, und auch dort stellt sich heraus, dass Gequälter und Quäler jeweils nur eine Seite derselben Medaille sind, wobei jeder drastisch erlebt, wenn er gepeinigt wird, aber leicht übersieht, wenn er selber Peiniger ist. Ein Psychogram einer Täter-Opfer-Beziehung wird gekonnt inszeniert, die den Leser auf eine kurze aber intensive Reise entführt, auf der sich erschreckend menschliche Abgründe auftun. Amélie Nothomb, die aufgrund eigener peinigender Gedanken regelmäßig unter Schlaflosigkeit leidet, hat einmal gesagt, dass sie "über Dinge schreibe, die aus dieser Qual resultieren", die sich aber durch das Schreiben schließlich in ein Freudenfest verwandelten. Diese Freude spürt man beim Lesen, und man mag vielleicht sprachlichen, aber niemals emotionalen Tiefgang vermissen.

© by Frank Kaufmann, Kassel


Amélie Nothomb:
Böses Mädchen

Roman.
Zürich: Diogenes 2005
ISBN 3-257-06471-3,
144 S. (geb.), EUR 17,90


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