Feldmanns Schusswechsel (der zwölfte).
Die Krimikolumne von Joachim Feldmann
Das Privatleben der Ermittler

Eigentlich könnte ich da weitermachen, wo der
letzte Schusswechsel (Nr. 11) aufhörte. Sie erinnern sich, es ging um verprügelte Detektive. Hier ist wieder einer: "Nun bricht es knüppeldick über mich herein. Die Meute stürzt sich auf mich. Unzählige Schläge prasseln von allen Seiten auf mich ein, auf Schultern, Rücken, Hinterkopf. Nur mein Gesicht lassen sie unversehrt, denn das könnte beim Richter den Verdacht erwecken, sie hätten mich verprügelt."
Der hier die Hucke vollkriegt, heißt Bacci Pagano und arbeitet als Privatdetektiv in Genua. Die Schläger sind Agenten der italienischen Geheimpolizei, denen er bei seinen Ermittlungen in die Quere gekommen ist. Er versucht nämlich herauszubekommen, wer hinter dem Diebstahl eines Gewehrs aus dem Studio eines linken Rundfunksenders steckt. Ein riskantes Unterfangen, denn es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Waffe ausgerechnet beim Besuch des Ministerpräsidenten in der Hafenstadt zum Einsatz kommen soll.
Nicht ungefährlich ist auch der zweite Auftrag des Detektivs mit 68er-Vergangenheit, der seiner Gutmütigkeit und seiner Naivität im Umgang mit der Staatsgewalt wegen schon einmal fünf Jahre in einem Hochsicherheitsgefängnis verbringen durfte. Dieser führt ihn nämlich in die Kreise schwerreicher Industrieller, die sich nur ungern bei dubiosen Millionendeals erwischen lassen. "Kalter Wind in Genua", der erste von vier bislang erschienenen Detektivromanen des Genueser Autors Bruno Morchio, steht, man merkt es schon, in der Tradition des sozialkritischen Politkrimis. Was das Buch lesenswert macht, ist indes nicht unbedingt seine Handlung, sondern die atmosphärisch dichte Darstellung ihres Schauplatzes, einer Stadt mit großer Vergangenheit, ungewisser Zukunft und widersprüchlicher Gegenwart. Und natürlich ein Held, der auf nur drei Buchseiten mehr Schläge abbekommt als mancher Kollege während seiner ganzen Laufbahn.
Gewöhnt hat man sich als Krimileser ja mittlerweile an die ausführlichen Schilderungen des Privatlebens der Ermittler. Bacci Pagano macht da keine Ausnahme. Wir dürfen mit ihm Mozart hören, Bücher lesen und essen gehen. Außerdem erfahren wir, dass der Mann aus Prinzip keine Unterhosen trägt, eine Information, auf die ich persönlich gerne verzichtet hätte.
Relativ neu hingegen ist die Masche, den Leser ausgiebig am Privatleben von Nebenfiguren teilhaben zu lassen. Mir fielen narrative Sperenzchen dieser Art erstmals unangenehm bei Henning Mankell auf, deshalb vermute ich, dass Kolja Mensing recht hat, wenn er (neulich im
"Tagesspiegel") vermutet, es handle sich um eine spezifisch skandinavische Methode, eine dürftige Handlung zu einem 500-Seiten-Roman aufzublähen. Gelehrige Schüler finden sich allerdings inzwischen auch hierzulande, man denke an die erfolgreichen Kriminalromane, die Matthias Altenburg unter dem Pseudonym Jan Seghers

anfertigt. Was allerdings die studierte Literaturwissenschaftlerin Silvia Roth in ihrem Debüt zu Wege bringt, dürfte bislang einzigartig sein. Um die wenig originelle Handlung ihres Psychothrillers "Der Beutegänger" zusammenzufassen, reichen die 25 Zeilen Klappentext allemal. Wie also gelingt es der Autorin, einen Roman von immerhin 430 Seiten vorzulegen? Kein Kunststück! Lesen Sie einfach das folgende Zitat (und versuchen Sie, dabei nicht einzuschlafen):
"Fräulein Zweihundertprozentig, so hatte ihre Mutter sie immer genannt. Sie war vor acht Jahren gestorben und hatte ihrer Tochter dank zweier lukrativer Scheidungen und lebenslanger Sparsamkeit nicht nur eine exklusive Eigentumswohnung in einer Architektenvilla auf dem Sonnenberg, hoch über der Stadt, gekauft, sondern sich nach zehn Jahren als Angesellte einer großen Buchhandelskette auch beruflich auf eigene Füße gestellt. Ihre kleine Buchhandlung lag in unmittelbarer Nähe zum Staatstheater und konnte sich mittlerweile dank ihrer hervorragenden Fachkenntnisse und eines betont individuellen Service recht gut gegen die etablierten Geschäfte behaupten." Toll, nicht wahr! Schade nur, dass sie schon zwei Seiten auf ihren Mörder trifft, den übrigens nicht die Konkurrenz geschickt hat. (Wie jedem anständigen fiktiven Serienkiller geht es auch diesem Herrn darum, Zeichen zu setzen. Dass er zudem gruselige Gedichte schreibt, macht ihn nicht liebenswerter.)
Passagen wie die oben zitierte machen geschätzte 70 Prozent des Romans aus. Nicht einmal die Angehörigen der Mordopfer bleiben von der Beschreibungslust der Autorin verschont. "Hochspannung, die Albträume erzeugt", hat der Verlag auf den Umschlag drucken lassen. Das ist eindeutig geflunkert. "Der Beutegänger" bietet ein Leseerlebnis, das sich mit dem Verzehr trockener Haferflocken vergleichen lässt. Aber leider ohne deren Nährwert.
Bibliografie:
Bruno Morchio:
Kalter Wind in Genua
Aus dem Italienischen von Ingrid Ickler
Zürich, Unionsverlag, 2007
320 S., EUR 19.90
Silvia Roth:
Der Beutegänger
Hamburg, Hoffmann & Campe, 2007
432 S., EUR 19.95
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