Die Alligatorpapiere



Feldmanns Schusswechsel (der zehnte).
Die Krimikolumne von Joachim Feldmann



Bereicherung auf hohem Niveau



Es gibt Tage, da ist der Kritiker das Meckern leid. Ihm ist zwar klar, dass es erheblich mehr miserable als gute Bücher gibt, aber warum soll ausgerechnet er sich damit auseinandersetzen? Waren seine Warnung nicht schon zu oft vergeblich? Soweit er weiß, hat noch niemand wegen einer seiner Rezensionen das Schreiben eingestellt, und wenn, dann hätte er wahrscheinlich ein schlechtes Gewissen. Und doch ärgert es ihn immer wieder, dass Autoren, deren absolute Talentlosigkeit er bereits vor Jahren diagnostiziert haben will, munter einen Roman nach dem anderen vorlegen. Von den Lesern, die beharrlich zu eben diesen Büchern greifen, ganz zu schweigen. Dabei fühlt sich der Kritiker in seinen besten Momenten als Erzieher, als Geschmacksbildner gar.
Darum entschließt er sich in solchen Momenten, von jetzt an nur noch zu loben. Dies fällt ihm um so leichter, als er in den letzten Wochen eine ganze Reihe von Büchern gelesen hat, die ihm Freude gemacht haben. Beinahe banal wäre es, in diesem Zusammenhang auf Georges Simenon hinzuweisen. Schließlich steht immer eine Notration Maigret-Romane, die der Diogenes Verlag mit schöner Regelmäßigkeit ins Haus schickt, bereit, falls eine Überdosis zusammengeschusterter Krimi-Neuerscheinungen ihre verhängnisvolle Wirkung zu zeigen beginnt.
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(Leider hat man die einheitliche Coverillustration der alten Taschenbuchausgabe durch nichtssagende Fotos ersetzt.) Der Griff zu "Maigret und sein Revolver" ist deshalb simenon-maigret-und-sein-revolver.jpg beinahe übermütig zu nennen, denn eine ernsthafte Verstimmung lag überhaupt nicht vor. Nun gut, zu Beginn von Frank Schmitters Krimidebüt "Späte Ruhestörung" hatte er noch befürchtet, eine jener vorhersehbaren Geschichten serviert zu bekommen, wie sie das Genre hundertfach hervorbringt. Zudem prangte auf dem Cover der Aufdruck "Krefeld-Krimi", und das wirkt auf Leser außerhalb der Seidenstadt doch eher abschreckend. Was er dann aber zu lesen bekam, ist ein Kriminalroman, der sich schon aufgrund seines raffinierten Plots von der Masse abhebt, obwohl er sich der gleichen Ingredienzien bedient.
Ein mächtiger Lokalpolitiker wird ermordet. Er war beliebt, aber nicht ohne Neider. Doch dann taucht eine Spur auf, die zurück in eine Vergangenheit führt, an die man sich in der Stadt nicht sehr gerne erinnert. Es ermittelt Tristan Lage, ein melancholischer Kriminalist schmitter-spaete-ruhestoerung.jpgmittleren Alters. An seiner Seite eine attraktive junge Kommissarin zur Anstellung.
Wer nun meint, die Handlung vorhersagen zu können, irrt zum Glück. Elegant umschifft der Autor die Untiefen der Krimiklischees und sorgt für eine gleichermaßen überraschende wie nachvollziehbare Auflösung. Zwar ließe sich Schmitters unspektakulärer Stil noch ein wenig aufpolieren, und die Dialogtechnik scheint mir auch ausbaufähig, dennoch bereichert "Späte Ruhestörung" den heimischen Krimimarkt auf erfreuliche Weise.
Dasselbe lässt sich ohne Abstriche von Walter Wolters Privatdetektiv Bruno Schmidt sagen. Seinen ersten Auftritt hatte der ehemalige Berufsboxer vor fünf Jahren in dem Krimi "Hundstage, Wolfsnächte", damals noch bei Haffmans. Eingeführt wurde er als sympathischer Verlierer, den auch eine heftige Geldstrafe wegen Körperverletzung - er hatte einem Zuhälter etwas auf die Nase gegeben - nicht umhaut.
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Mittlerweile liegen drei weitere Bruno-Schmidt-Abenteuer im Gollenstein Verlag vor, wo Wolter nach dem Ende des Haffmans Verlags ein heimatnahes Domizil gefunden hat. Und diese Romane zeigen das Talent ihres Autors auf bemerkenswerte Weise. So hat "Verdammter Räuber" etwas von einer Kleinbürgergroteske, "Zur Hölle mit den Wanderfalken" ist unter anderem auch ein fulminanter Polit-Thriller, und Wolters neues Werk "Eisblumen" wartet mit einer psychologischen Studie auf, die es wirklich in sich hat. Dass das Buch gleichzeitig ein veritabler Spannungsroman ist, der auf rasante Weise mit Lesererwartungen spielt, setzt man bei einem, im positiven Sinne routinierten, Erzähler wie Walter Wolter fast schon voraus. Hier erreicht der deutsche Kriminalroman ein handwerkliches Niveau, wie man es in den siebziger und achtziger Jahren von amerikanischen Autoren wie Michael Collins, Arthur Lyons oder Loren D. Estleman gewohnt war. Namen, an die sich wahrscheinlich nur ältere Krimileser erinnern. Aber dem kann abgeholfen werden. Demnächst an dieser Stelle...




Bibliografie:

simenon-mein-freund-maigret.jpg Georges Simenon:
Maigret und sein Revolver

Diogenes, 2006. .
Brosch., 205 Seiten, 8,90 Euro
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schmitter-spaete-ruhestoerung.jpg Frank Schmitter:
Späte Ruhestörung

Piper, 2006
Paperback., 206 Seiten, 14.00 Euro
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wolter-Eisblumen Walter Wolter:
Eisblumen

Gollenstein, 2006
Gbd., 295 Seiten, 19.90 Euro
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wolter-zur-hoelle-mit-den-wanderfalken Walter Wolter:
Zur Hölle mit den Wanderfalken

Gollenstein, 2005
Gebd., 303 Seiten, 19.90 Euro
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wolter-verdammter-raeuber.jpg Walter Wolter:
Verdammter Räuber

Gollenstein, 2004
Gebd., 281 Seiten, 19.90 Euro
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wolter-hunfdsnaechte-wolfsnaechte.jpg Walter Wolter:
Hundstage - Wolfsnächte

Haffmanns, 2002
Gebd., 237 Seiten, ab 1,99 Euro
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Klingelholl 53
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Joachim Feldmann
Redakteur und Mit-Herausgeber der Literaturzeitschrift "Am Erker", Münster. Von einem zeittypischen Szeneblatt im Fanzine-Layout hat sich "Am Erker" im Laufe des mehr als 25-jährigen Bestehens zu einem Magazin im Buchformat entwickelt, das inzwischen als ein wichtiges Forum für neue deutsche Erzählliteratur gilt. Folgerichtig gab es 1998 den Hermann-Hesse-Preis als beste deutschsprachige Literaturzeitschrift.
In seiner Krimikolumne "Mord und Totschlag" bespricht Joachim Feldmann regelmäßig Kriminalliteratur, man findet seine kenntnisreichen Beiträge zu Literatur und Kultur aber z.B. auch im "Freitag".
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