Die Alligatorpapiere



Feldmanns Schusswechsel (der vierzehnte).
Die Krimikolumne von Joachim Feldmann



Ein Ex-Polizist in Südafrika, ein guter Terrorist in Boston und ein genervter Privatdetektiv in Halle



meyer-tod-vor-morgengrauen-aufbau-tb.jpgZu den besten Krimiautoren der Welt gehört, glaubt man dem Text auf der Rückseite des fettleibigen Taschenbuchs, der Südafrikaner Deon Meyer, von dem ich allerdings, bevor mir sein Werk "Tod vor Morgengrauen" in die Hände fiel, noch nie gehört hatte. Da ich immer bereit bin dazuzulernen, nahm ich den Roman mit unter den Sonnenschirm. 570 Seiten später war ich schlauer, aber nicht unbedingt glücklicher. Meyer erzählt nämlich nicht nur, wie der Ex-Polizist Van Heerden einen bösartigen ehemaligen Söldner des Apartheidsregimes zur Strecke bringt, sondern möchte uns auch ein ausführliches Psychogramm seines Helden liefern. Deshalb müssen wir, im Wechsel mit der eigentlichen Romanhandlung, Van Heerdens Autobiographie lesen. Und die lässt wenig aus. Wir erfahren nicht nur, wie sich seine Eltern kennenlernten, sondern werden auch Zeugen pubertärer Masturbationsmarathons und freuen uns über eine gelungene sexuelle Initiation. Später begleiten wir den aufstrebenden Kriminalpsychologen Van Heerden auf der Jagd nach einem Serienmörder, um dann mitzuerleben, wie er eine vielversprechende akademische Karriere für den schnöden Polizeidienst aufgibt, eine Entscheidung, die ihm kein Glück bringen wird.
Leider macht dieses abwechslungsreiche Leben den begabten Hobbykoch nicht interessanter. Im Gegenteil, je mehr ich über Van Heerden erfuhr, umso größer wurde mein Missvergnügen. Die letzten 200 Seiten las ich dann in einem speziell für Romane dieser Art entwickelten Schnellverfahren. Dies hat zudem den Vorteil, dass man die sprachlichen Merkwürdigkeiten der deutschen Übersetzung nicht mehr registriert. (Deon Meyer schreibt übrigens auf Afrikaans, doch die Übersetzung erfolgte aus dem Englischen.)

Parker-der-gute-Terrorist.jpgWie gut, dass ich noch am selben Tag Post vom Pendragon Verlag aus Bielefeld bekam, wo seit einiger Zeit die neuen Spenser-Romane von Robert B. Parker erscheinen. In "Der gute Terrorist" bekommt es der in jeder Hinsicht schlagfertige Bostoner Privatdetektiv mit einem seltsamen Gegner zu tun. Perry Alderson (nicht sein richtiger Name) organisiert Aktivitäten, die die Sicherheit der Vereinigten Staaten nachhaltig beeinträchtigen könnten. Und er ist ein Freund der Frauen. Spenser kommt ins Spiel, als ihn ein betrogener Gatte mit Nachforschungen beauftragt. Dass der Gehörnte ein FBI-Agent ist, macht die Angelegenheit nicht einfacher. Schon bald gibt es Tote, und Spenser darf wieder einmal zeigen, dass er auch den schwierigsten Herausforderungen gewachsen ist. Am Ende des Romans, und viele Leichen später, scheint die Welt halbwegs wieder in Ordnung.
An "Der gute Terrorist" ließe sich einiges bekritteln, von der merkwürdig blass bleibenden Kunstfigur des zwielichtigen Staatsfeindes Alderson bis zu dem Umstand, dass Spenser manchmal auf ungute Weise Mickey Spillanes Mike Hammer zu ähneln beginnt. Dass man das Buch dennoch gerne liest, verdankt sich dem stilistischen und erzählerischen Können seines Autors. Die Beschreibungen sind knapp und ökonomisch, die Dialoge treffend und witzig. In dieser Hinsicht könnte nicht nur ein Deon Meyer hier einiges lernen.

godazgar-Unter-schraegen-Voegeln.jpg Keinen derartigen Nachhilfeunterricht benötigt der Wahl-Hallenser Peter Godazgar. "Unter schrägen Vögeln" heißt sein dritter Krimi um den meist glücklosen Privatdetektiv Marcus Waldo. Beauftragt den Diebstahl einiger Stallkaninchen aufzuklären, stößt er auf eine skurrile Combo von Möchtegern-Satanisten und bekommt es schon bald mit einem mordlustigen Psychopathen zu tun. Zudem gibt es eine hoffnungsvolle Entwicklung zu verzeichnen, was die Beziehungen des bislang erotisch unterforderten Ermittlers zum anderen Geschlecht betrifft. Godazgar bewältigt den Spagat zwischen Spannung und Komik souverän und überzeugt vor allem durch sprachlichen Witz. So kann es gerne weitergehen.


Bibliografie:

meyer-tod-vor-morgengrauen-aufbau-tb.jpg Deon Meyer:
Tod vor Morgengrauen.

Aus dem Englischen von Karl-Heinz Ebnet.
Berlin, Aufbau Verlag, 2006




Parker-der-gute-Terrorist.jpg Robert B. Parker:
Der gute Terrorist.
Ein Auftrag für Spenser.

Deutsch von Frank Böhmert
Bielefeld, Pendragon Verlag, 2008
204 S., EUR 9.90




godazgar-Unter-schraegen-Voegeln.jpg Peter Godazgar:
Unter schrägen Vögeln.
Kriminalroman.

Dortmund, Grafit Verlag, 2008
224 S., EUR 8.95



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Joachim Feldmann
Redakteur und Mit-Herausgeber der Literaturzeitschrift "Am Erker", Münster. Von einem zeittypischen Szeneblatt im Fanzine-Layout hat sich "Am Erker" im Laufe des mehr als 25-jährigen Bestehens zu einem Magazin im Buchformat entwickelt, das inzwischen als ein wichtiges Forum für neue deutsche Erzählliteratur gilt. Folgerichtig gab es 1998 den Hermann-Hesse-Preis als beste deutschsprachige Literaturzeitschrift.
In seiner Krimikolumne "Mord und Totschlag" bespricht Joachim Feldmann regelmäßig Kriminalliteratur, man findet seine kenntnisreichen Beiträge zu Literatur und Kultur aber z.B. auch im "Freitag".
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