Die Alligatorpapiere



Feldmanns Schusswechsel (der siebzehnte).
Die Krimikolumne von Joachim Feldmann



Korruption und Kungelei



Wer dem frischgebackenen Präsidenten der USA Böses will, weist gerne auf seine politischen Lehrjahre in Chicago hin. Nicht erst seit Rod Blagojevich, dem Gouverneur des Staates Illinois, die Amtsenthebung droht, weil er den freigewordenen Senatssitz Barack Obamas dem Meistbietenden angeboten haben soll, gilt die Stadt als Synonym für "Korruption und Kungelei", wie Andreas Ross in der Frankfurter Allgemeinen vom letzten Wochenende zu berichten weiß. In seiner lesenswerten Reportage erklärt Ross auch, auf welchen Strukturen die Dauerherrschaft des demokratischen Parteiapparats bis vor kurzem beruhte: "Die Parteichefs der fünfzig Stadtbezirke gebieten über jeweils Dutzende 'Precinct Captains'. Diese "Wahlbezirks-Hauptmänner" bekamen ihr Gehalt meist Campbell-Robert-W.jpgvon der Stadt, ob als Müllmann oder Gesundheitsinspektor. Ihre Qualifikation für die Stelle war zweitrangig, so lange sie in der politischen Kärrnerarbeit nicht erlahmten."
Ein solcher Precinct Captain ist Jim Flannery, der in elf Kriminalromanen des vor neun Jahren verstorbenen amerikanischen Schriftstellers Robert W. Campbell Morde aufklärt. Campbell war ein großer Erzähler von beachtlicher Produktivität. Er verfasste ca. zwei Dutzend Krimis, darunter etliche Glanzstücke des Genres, und schrieb Drehbücher für Fernsehserien und Spielfilme, unter anderem für Roger Cormans Poe-Adaption "Die Maske des roten Todes". Seine Jim-Flannery-Reihe steht klar in der Tradition des hartgesottenen Detektivromans, dessen Stilelemente leichthändig aufgegriffen und manchmal ironisiert werden, allerdings ohne ins Parodistische zu verfallen.
"Mein Name ist Flannery", campbell-kettenhund.jpgstellt sich der Held zu Beginn seines ersten Abenteuers "The Junkyard Dog" (1986, dt. "Kettenhund") vor, "meine Mutter, die vor acht Jahren an Krebs starb - Gott habe sie selig - nannte mich James. Mein Vater ruft mich Jim. Für Freunde bin ich Jimmy. campbell-the-Junkyard-Dog.jpgArschlöcher nennen mich Jimbo." Und in diesem sympathischen Ton geht es weiter, wenn Flannery im nächsten Absatz erklärt, was er mit der Demokratischen Partei in Chicago zu tun hat. Bereits sein Vater war ein treuer Parteiaktivist und Precinct Captain und Jimmy tritt brav in seine Fußstapfen. Offiziell ist er für die Kontrolle Abwasserkanäle zuständig, tatsächlich kümmert er sich um alles Mögliche. Und weil er zwar einerseits ein rechtes Schlitzohr, andererseits aber ein aufrichtiger Kerl mit einem gesunden Sinn für Gut und Böse ist, gerät er regelmäßig in Konflikt mit dem Parteiklüngel. Dabei versucht er alles andere als idealistisch zu wirken. Überhaupt findet er wenig falsch daran, "seinen Leuten" bei Problemen aller Art zur Seite zu stehen, um sie dann bei der nächsten Wahl daran zu erinnern. Illusionen über die Mächtigen hat er keine. "Der neue Bürgermeister hat versprochen, die alte Parteimaschine zu verschrotten. Bislang ist er aber noch nicht dazu gekommen. Vielleicht macht er es ja wie sein Vorgänger und nutzt sie, solange er kann." Denn dass es mit dieser Art der Vetternwirtschaft bald ein Ende haben wird, davon ist Flannery überzeugt, die einzige Unsicherheit scheint ihm, welche Form von Korruption an ihre Stelle treten wird.
campbell-Pigeon-Pie.jpgTatsächlich ist die Abwicklung der alten Machtstrukturen bis jetzt noch nicht abgeschlossen, auch wenn Dan Rostenkowski, ein Veteran des Chicagoer Parteiapparats, der in den neunziger Jahren wegen Geldwäsche 15 Monate hinter Gitter musste, im Gespräch mit dem Reporter der FAZ schon die unangenehmen Begleiterscheinungen der Anti-Korruptionspolitik beklagt: "Wenn heute ein Parteifunktionär auch nur jemanden empfiehlt für einen Job, dann kommt schon der Bundesanwalt und droht mit Gefängnis." Leider können wir nicht mehr nachlesen, wie ein Jim Flannery sich in diesen neuen Verhältnissen zurechtgefunden hätte. "Pigeon Pie", der letzte Roman um den gutherzigen Amateurermittler erschien 1999, ein Jahr vor Campbells Tod. Lieferbar ist übrigens keines seiner Bücher mehr, weder die Originale noch die wenigen Übersetzungen, die vor Jahren in Basteis Schwarzer Serie erschienen sind. Fündig wird man aber in den einschlägigen Internet-Antiquariaten. Dabei lasse man sich von den manchmal blöden deutschen Titeln nicht abschrecken. Weiß der Teufel, warum man glaubte, den dritten Flannery-Roman "Hip-deep in Alligators" als "Krokodile weinen nicht" auf den Markt bringen zu müssen. Da möchte man gar nicht erst darüber nachdenken, was wohl aus einer der schönsten Titel-Kreationen Campbells geworden wäre, dem unvergleichlichen "Nibbled to Death by Ducks".


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Joachim Feldmann
Redakteur und Mit-Herausgeber der Literaturzeitschrift "Am Erker", Münster. Von einem zeittypischen Szeneblatt im Fanzine-Layout hat sich "Am Erker" im Laufe des mehr als 25-jährigen Bestehens zu einem Magazin im Buchformat entwickelt, das inzwischen als ein wichtiges Forum für neue deutsche Erzählliteratur gilt. Folgerichtig gab es 1998 den Hermann-Hesse-Preis als beste deutschsprachige Literaturzeitschrift.
In seiner Krimikolumne "Mord und Totschlag" bespricht Joachim Feldmann regelmäßig Kriminalliteratur, man findet seine kenntnisreichen Beiträge zu Literatur und Kultur aber z.B. auch im "Freitag".
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