Feldmanns Schusswechsel (der siebte).
Die Krimikolumne von Joachim Feldmann
Mittelmäßige Helden?
Es ist Sommer und die Krimiproduktion läuft auf Hochtouren. Vor allem jenes Genre, dem es vor allem auf die Wiedererkennbarkeit des Schauplatzes ankommt, boomt. Wer zum

Beispiel seine Sommerfrische auf der Nordseeinsel Borkum verbringt, kann mindestens zwei Kriminalromane mit an den Strand nehmen, die, von Ortskundigen verfasst, versprechen, dass auch hier die fiktionale Welt nicht mehr in Ordnung ist. "Mit etwa zehn weiteren Wellen wurde die Leiche endgültig an den schneeweißen Sandstrand geschwemmt und bewegte sich sacht hin und her, wenn das Wasser an den Beinen zerrte", liest man beispielsweise in "Borkumer Strandgut", dem zweiten Ausflug der Tee- und Geschenkeladenbetreiberin Ocke Aukes in die Gefilde des Regionalkrimis. Wacker treibt die Autorin ihre Geschichte um den mysteriösen Tod eines Hotelbesitzers ("und Lebemanns", wie es bei ihr so schön heißt) voran, sichtlich um einen abwechslungsreichen Stil bemüht. Dabei gelingen ihr so wunderbare Passagen wie die folgende: "'So nehmen Sie doch um Gottes willen das schreckliche Tier von der Leiche', maßregelte Busboom den Leichenbestatter und deutete auf die Qualle, die bereits auszutrocknen begann." Busboom, man ahnt es schon, ist der Kommissar, der am Ende den ein wenig verzwickten Fall mit "meisterhafter Bravour", wie der Umschlagtext prahlt, gelöst haben wird. Also ein Buch, das man nach schneller Strandkorblektüre getrost in seiner Ferienwohnung zurücklassen kann, damit auch die folgenden Gäste in den Genuss von Erkenntnissen wie dieser gelangen: "Ein Toter am Strand, ob Unfall oder gar Mord, war nicht gut fürs Geschäft."
Dröger noch als ein Nordseekrimi müssten eigentlich, ginge man nach dem dort ansässigen Menschenschlag, Mordgeschichten aus dem Sauerland daherkommen. Wenn sie zudem Titel tragen wie "Prälat Abels letzte Fahrt", denkt man unwillkürlich an einen Häkelkrimi britischen Vorbilds, den die unselige Fantasie seines Verfassers irgendwo zwischen Neheim-Hüsten und Elspe angesiedelt hat. Doch selten hat mich diese Erwartungshaltung so angenehm getäuscht wie bei dem grandiosen Debütroman des Journalisten Gunnar Steinbrück.

Die grobe Handlung allein ist wenig spektakulär. Aus einem Altenheim verschwindet der im Titel genannte Prälat Appel, ein Herr in den Neunzigern, um einige Tage später tot in einem Steinbruch aufgefunden zu werden. Hauptkommissar Kugelmeyer stößt durch Zufall auf die Angelegenheit. Eigentlich geht es ihm nämlich nur darum ausfindig zu machen, wem das Auto gehörte, dem er mit dem neuen Dienst-Passat wahrscheinlich das Heck verbeult hat. Genaues weiß Kugelmeyer nicht, denn der Wagen ist mitsamt Fahrer von der Unfallstelle verschwunden. Zurück bleibt der wütende und, aufgrund eines Schleudertraumas, dienstunfähige Kriminalist, dem zu allem Unglück noch eine entfremdungsbedingte Ehekrise droht.
Mit Elmar Kugelmeyer tritt endlich ein Ermittler an, dessen Charakter durch keine exzentrische Angewohnheit interessant gemacht werden muss. Nun gut, dass er mal aus Ärger auf ein Bild an der Wohnzimmerwand schießt oder seinen Golf gegen einen Landrover eintauscht, ist sicherlich nicht ganz normal, aber im Großen und Ganzen haben wir einen vorbildlich mittelmäßigen Helden vor uns. In den Händen des Erzählers Gunnar Steinbach allerdings kann sich dieser so wunderbar entfalten, dass die Lektüre zum reinen Vergnügen wird. Auch die anderen Figuren werden ebenso liebevoll wie bösartig charakterisiert. Denn Steinbach hat ein Talent zum schwarzen Humor, das ihn auf Anhieb in eine Liga mit Größen wie Wolf Haas oder Heinrich Steinfest katapultiert.
Und noch besser ist: Um diesen vorbildlichen Kriminalroman zu goutieren, muss man keinen Urlaub im Sauerland machen, Denn schließlich verschwinden dort, wie Steinbach schreibt, "ganze Sommer ... im Wolkenstau atlantischer Tiefdruckgebiete".
Ocke Aukes:
Borkumer Strandgut. Kommissar Busbooms zweiter Fall. Roman. Kontrast Verlag.2005.220 Seiten Euro 9,90 .
Gunnar Steinbach:
Prälat Abels letzte Fahrt. .Roman. Btb. München 2005 Euro 9,00
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