Die Alligatorpapiere



Feldmanns Schusswechsel (der sechzehnte).
Die Krimikolumne von Joachim Feldmann



Mitteilungsdrang



motz-spaete-seilschaften.jpgIm Heizungskeller des Chemischen Labors der Universität Oxford liegt eine Leiche, in deren Brust ein antiker arabischer Dolch steckt. Diesen hat der Archäologe Anthony Gardener einst von einem Beduinenfürsten geschenkt bekommen. Da es sich bei dem Toten um seinen ehemaligen Assistenten Pemberton oder Pemperton handelt - die Autorin ist sich da nicht sicher und benutzt beide Varianten -, befürchtet Gardener nun unter Mordverdacht zu geraten, zumal er dem Opfer in herzlicher Abneigung verbunden war. Also taucht er unter, um den Fall auf eigene Faust zu lösen. Das spurlose Verschwinden des Professors versetzt seine Familie in Panik und Tochter Jane, die eigens aus Berlin anreist, macht sich auf die Suche. Ihr zur Seite stehen der dilettierende Privatdetektiv Jonathan Carrington und ein ehemaliger Polizeibeamter namens Ben Livingstone, der seinen Lebensunterhalt als Taxifahrer verdient. Zeitgleich reist der frühere Stasi-Agent Karl-Heinz Roepke mit einem gefälschten Pass nach Großbritannien ein, um dort ein neues Leben anzufangen, da er befürchtet, dass ihm in Deutschland die Polizei auf den Fersen ist. Auch Roepke meint, eines Mordes verdächtigt zu werden. Sein Ziel auf der Insel ist ausgerechnet Gardener, den er aus seiner Agentenzeit kennt. Ja, auch der Archäologe hat sich nicht immer nur damit beschäftigt, nach alten Scherben zu graben, zur Überbrückung eines finanziellen Engpasses hat er sich eine Zeitlang beim britischen Geheimdienst verdingt. Währenddessen sucht Detective Chief Inspector Westfield von der Thames Valley Police nach Pembertons oder Pempertons Mörder, wenn er nicht gerade über die schwierige Beziehung zu seiner pubertierenden Tochter nachdenkt, und ein zwielichtiger Herr aus Saudi-Arabien quartiert sich unter falschem Namen in einem Londoner Hotel ein.
Wenn Sie die Auflösung des Falles interessiert, müssen Sie selbst die knapp 450 Seiten des Kriminalromans "Späte Seilschaften" der in Zürich ansässigen Autorin Jutta Motz lesen. Ihr Kolumnist nämlich hatte auf Seite 118 genug, als sich Jane die folgenden Fragen stellt: "Der Dolch ihres Vaters, die Mordwaffe? War das der Grund für sein Verschwinden?"
Unter den vielen schlechten Krimis dieser Welt nimmt "Späte Seilschaften" eine ganz besondere Stellung ein. Da ist zum einen der Mitteilungsdrang der Autorin, die ihren Lesern kein Detail, und sei es noch so irrelevant, vorenthalten mag. "Die Einrichtung hatte er vom Vormieter übernommen", weiß sie zum Beispiel über Jonathan Carringtons Küche zu berichten. "Nur die elektrischen Geräte wie Herd, Kühlschrank, Wasch- und Spülmaschine waren ersetzt worden." So kriegt man leicht einige hundert Seiten voll. Zu diesem schweren Fall von narrativer Inkontinenz gesellt sich ein eher feindseliges Verhältnis zur deutschen Sprache und ihren Regeln. Von Grammatikfehlern und falschen Präpositionen abgesehen, versteht es Jutta Motz nämlich, ganz bemerkenswerte Sätze zu bilden: "Langsam, je weiter Tagungspunkt für Tagungspunkt abgearbeitet wurde, je mehr steigerte sich Mr. Ibn Farid in eine Wut hinein, die er nur mit sehr großer Mühe unterdrücken konnte." Doch im Unterschied zu diesem armen Tropf, der trotz großer Pein einen "äußerst langweiligen Tag mit ethnologischen Fragen zur Migration in Großbritannien" über sich ergehen lassen muss, darf man als Leser ein Buch einfach zuklappen. Was hiermit geschehen sei.


Bibliografie:

motz-spaete-seilschaften.jpg Jutta Motz:
Späte Seilschaften.

Bielefeld, Pendragon Verlag, 2008
449 Seiten, EUR 12,90



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Feldmanns Schusswechsel
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Joachim Feldmann
Redakteur und Mit-Herausgeber der Literaturzeitschrift "Am Erker", Münster. Von einem zeittypischen Szeneblatt im Fanzine-Layout hat sich "Am Erker" im Laufe des mehr als 25-jährigen Bestehens zu einem Magazin im Buchformat entwickelt, das inzwischen als ein wichtiges Forum für neue deutsche Erzählliteratur gilt. Folgerichtig gab es 1998 den Hermann-Hesse-Preis als beste deutschsprachige Literaturzeitschrift.
In seiner Krimikolumne "Mord und Totschlag" bespricht Joachim Feldmann regelmäßig Kriminalliteratur, man findet seine kenntnisreichen Beiträge zu Literatur und Kultur aber z.B. auch im "Freitag".
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