Die Alligatorpapiere



Feldmanns Schusswechsel (der sechste).
Die Krimikolumne von Joachim Feldmann



Besser schwedisch lernen



Der neue Liebling deutscher Krimikritiker heißt Jan Arnald. Spätestens seit sein vierter Kriminalroman "Europa Blues" unter dem Titel "Tiefer Schmerz" (Piper) auf Deutsch erschienen ist, wird der unter dem Pseudonym Arne Dahl schreibende dahl-Europa-Bluessk.jpgschwedische Autor mit Lobeshymnen bedacht. "Es sind die besten Thriller unserer Tage, die Arne Dahl schreibt", meint zum Beispiel ZEIT-Autor Tobias Gohlis und Katharina Granzin findet in der TAZ, es habe seit Sjöwall/Wahlöö keinen besseren Grund gegeben, Schwedisch zu lernen.

Vielleicht sollte man diesen Rat wirklich ernster nehmen, als er wahrscheinlich gemeint ist. Denn wirkliches Vergnügen bereitet die deutsche Fassung des Routiniers Wolfgang Butt, der auch Henning Mankell und Per Olov Enquist übersetzt, nicht. Man kann sich darüber streiten, ob ein Kriminalroman, der organisierten Mädchenhandel, Gehirnforschung und Nazi-Greuel zu einem nur auf den ersten Blick komplexen Plot verknotet, die literarische Großtat ist, als die er allerorten gehandelt wird. Zumal er seine Pointe einem wirklichen Meisterwerk, nämlich Edgar Hilsenraths Groteske "Der Nazi & der Friseur", verdankt.

Aber selbst wenn es sich "nur" um einen überdurchschnittlich ambitionierten dahl-arne-tiefer-schmerzSpannungsroman handelt, ein wenig mehr editorische Sorgfalt hätte "Tiefer Schmerz" allemal verdient. Arne Dahl ist nämlich offensichtlich nicht nur Krimi-Autor, sondern auch ein Kenner des Genres, was man von seinem Übersetzer nicht sagen kann. Man mag noch darüber hinwegsehen, dass Colin Dexters Inspector Morse, von dessen Opernleidenschaft sich Dahls Held Paul Hjelm kurzzeitig inspirieren ließ, zu einem "Kommissar Morse" mutiert. (Ebenso wie über die Prise "Schnupftabak", die sich die Polizistin Sara Svenhagen "unter die Oberlippe" schiebt.)

Sträflich wird es, wenn ein wichtiger intertextueller Bezugspunkt des Romans vernachlässigt oder, wie in diesem Fall wahrscheinlich, gar nicht erkannt wird. "Kennst du deinen Ellroy nicht", wird Hjelm von seinem Kollegen Jorge Chavez gefragt, ellroy-the-big-nowhere.JPGals die beiden herauszufinden versuchen, wessen Leben im Vielfrassgehege eines Stockholmer Freizeitparks ein äußerst blutiges Ende fand. "Ellroy? Was für ein Ellroy?" kann Hjelm da nur ratlos fragen, während die Leser des wahnwitzigen Chronisten kalifornischer Alpträume mit Grausen an Coleman denken, den Serienmörder aus "The Big Nowhere", der seine Opfer mit einem echten Vielfrassgebiss malträtierte. James Ellroy, der in den achtziger und neunziger Jahren zur Avantgarde der Kriminalliteratur gehörte und dessen Werke man heute für wenige Euro in Internet-Antiquariaten findet, versucht sich in "The Big Nowhere" an einem Psychogramm der McCarthy-Ära. Der Roman spielt 1950, als nicht wenige über der Angst vor der "roten Gefahr" die Schrecken des Naziterrors vergessen. Das gilt sogar für den Polizisten Mal Considine, der an der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald beteiligt war, jetzt aber als Kommunistenjäger Karriere macht.

Nach Buchenwald beziehungsweise in das benachbarte Weimar führt auch die Spur, die die Stockholmer Kripo bei der Aufklärung des zweiten Mordes in "Tiefer Schmerz" verfolgt. Die Anspielungen auf den amerikanischen Autor ziehen sich bis zum Ende des Romans, als ellroy-blutschattenPaul Hjelm in Chavez' Wohnung auf eine Entdeckung macht. "Er zog ein Buch aus dem Regal, Die große Leere. Der Verfasser hieß Ellroy. Jorge stand da und paffte an einer Zigarette, die er so unroutiniert in der Hand hielt wie ein Schulmädchen. Er lachte, zeigte auf das Buch und sagte: 'Da hast du deine Vielfrasse. James Ellroy.'" Wer nun aber ein Buch mit diesem Titel suchen sollte, wird schwerlich fündig werden. "The Big Nowhere" ist zwar kurz nach Erscheinen des Originals ins Deutsche übersetzt worden, der Titel allerdings nicht wörtlich. Das macht man hierzulande nämlich nur selten. Der zweite Roman aus Ellroys "L.A.-Quartett" heißt bei uns "Blutschatten". Es lohnt sich, ihn zu lesen.

Arne Dahl:
Tiefer Schmerz. Roman. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Piper. Hamburg 2005. Euro 19,90.
Info bei: Arne Dahl.net
James Ellroy:
Blutschatten . Aus dem Amerikanischen von Helmut Grass. Ullstein 1989.
The Big Nowhere New York: Mysterious Press, 1988
Info bei: James Ellroy.com

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Joachim Feldmann
Redakteur und Mit-Herausgeber der Literaturzeitschrift "Am Erker", Münster. Von einem zeittypischen Szeneblatt im Fanzine-Layout hat sich "Am Erker" im Laufe des mehr als 25-jährigen Bestehens zu einem Magazin im Buchformat entwickelt, das inzwischen als ein wichtiges Forum für neue deutsche Erzählliteratur gilt. Folgerichtig gab es 1998 den Hermann-Hesse-Preis als beste deutschsprachige Literaturzeitschrift.
In seiner Krimikolumne "Mord und Totschlag" bespricht Joachim Feldmann regelmäßig Kriminalliteratur, man findet seine kenntnisreichen Beiträge zu Literatur und Kultur aber z.B. auch im "Freitag".
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