Die Alligatorpapiere



Feldmanns Schusswechsel (der neunte).
Die Krimikolumne von Joachim Feldmann



Heimelig mit Nervenkitzel



Krimis aus dem Grafit-Verlag sind ein bisschen wie der sonntägliche "Tatort". Man weiß vorher, dass man vielleicht enttäuscht werden wird, schaltet aber trotzdem nach der Tagesschau den Fernseher nicht aus, weil allein der seit Beginn der Serie unveränderte Vorspann ausreicht, um ein wohliges Gefühl zu vermitteln. Wenn dann Kommissarinnen in die Abgründe menschlicher Verworfenheit blicken oder kroatischstämmige Münchener Ermittler mal wieder einen ganz persönlichen Grund haben, eine ganze Latte von Dienstaufsichtsbeschwerden zu riskieren, können wir durchaus ein wenig mürrisch werden, gucken aber trotzdem weiter. Und manchmal findet sich wider Erwarten ja auch eine Perle, ein kleines Kunstwerk unter all der Krimiunterhaltungskonfektionsware.

Jürgen Kehrers Wilsberg-Romane haben eine solche Überraschung allerdings noch vor sich. Sie kehrer-wilsberg-und-die-dritte-generation.jpgsind in der Regel solides Handwerk und vor allem dünn genug, um ihre Leser für zwei Stunden bei der Stange zu halten. Sein neuer Fall zwingt den Ex-Anwalt und jetzigen Privatdektektiv Georg Wilsberg, der übrigens nur entfernt an seine Fernsehversion erinnert, zur Auseinandersetzung mit der jüngeren Zeitgeschichte. Ein Mandant mit Pferdegebiss beauftragt ihn, seine Tochter zu suchen. Die Journalistin sei, während sie über die mysteriöse dritte Generation der Roten Armee Fraktion recherchierte, verschwunden. Es dauert nicht sehr lange, bis Wilsberg herausfindet, dass sein Auftraggeber selbst zu diesem Verein gehörte. Kurz darauf ist er tot, und ausgerechnet der Detektiv steht unter Mordverdacht. Wilsberg hat es mit einem Gegner zu tun, der nicht nur skrupellos, sondern auch sehr mächtig ist.
Bemerkenswert an diesem Krimi ist allerdings weniger sein Plot, der es immerhin fertig bringt, dass man fast vergisst, am Ende darüber nachzudenken, was den Mann mit den langen Zähnen überhaupt dazu gebracht hat, einen Privatdetektiv aufzusuchen. Kehrer nutzt seinen Roman, um im Schnelldurchlauf die Geschichte des linken Terrorismus in der Bundesrepublik inklusive der nicht immer durchschaubaren Rolle der Staatsschutzorgane zu referieren. Schließlich hat er einen Protagonisten zur Hand, der selbst einmal "in einer Kanzlei linker Anwälte" tätig war und es so mit einem "RAF-Mitglied der zweiten Generation" zu tun bekam. Also bekommen wir Dialoge zu lesen, die auf beinahe didaktische Weise davon erzählen, was idealistische junge Menschen dazu brachte, "einer verrückten, menschenverachtenden Ideologie" nachzulaufen. Denn Wilsberg hat selbst einmal an den Sozialismus geglaubt, wie er seiner jungen Anwältin erläutert, doch jetzt weiß er, dass es in "jeder Gesellschaft fünfzehn Prozent Habgierige gibt, die ein solches System sofort ausnutzen würden (...)". Da hört man bei der Lektüre förmlich das Thesenpapier rascheln. Anstatt zu erzählen, wird referiert. Einschlägige Sachbücher zur Geschichte der RAF und ihres Umfelds sind da spannender.

Auch Jacques Berndorfs jüngstes Eifel-Verbrechen, diesmal sogar im Hardcover mit Schutzumschlag, will belehren. Und zwar über die Untaten der katholischen Kirche. Anders als bei Kehrer werden die Lektionen hier in anekdotischer Form erteilt, doch an der aufklärerischen Absicht besteht kein Zweifel.
Der Fall, mit dem es der pfeifenrauchende Journalist Siggi Baumeister diesmal zu tun berndorf-eifel-kreuz.jpgbekommt, hat es wahrlich in sich. Ein Achtzehnjähriger wird ermordet aufgefunden, gekreuzigt, und ganz in der Nähe stößt man auf die Leiche einer jungen Frau. Sie wurde erschossen. Und da es sich bei dem einen Opfer um einen ebenso intelligenten wie kritischen Schüler eines katholischen Privatgymnasiums handelt, liegt es nahe, hier mit den Nachforschungen zu beginnen. Tatsächlich erweist sich die Schule als Schlangengrube, und als Reptiliendompteur fungiert der zwielichtige Pater (oder Bruder, so ganz einig ist sich Berndorf da nicht) Rufus. Ein furioser Plot entfaltet sich, der nicht nur von Ferne an Wolf Haas' anti-klerikalen Krimi "Silentium" erinnert. Doch anders als Kollege Brenner bleibt Baumeister dem Zentrum des Geschehens fern. Lieber lässt er sich erzählen, was so passiert ist, bevorzugt während einer der vielen Mahlzeiten, die den Roman liebevoll strukturieren. So bekommen die Eifel-Krimis etwas Heimeliges. Denn es ist schon eine richtige Familie, die Baumeister um sich versammelt hat, vom pensionierten Kriminalrat Rodenstock, der zum Urpersonal der Serie gehört, bis zu Tante Anni, die ebenfalls früher professionell Gesetzesbrecher zur Strecke brachte. Und dieses Mal sieht es ganz danach aus, dass dem sympathischen Amateurdetektiv wieder einmal das Liebesglück blühen wird.
Das hat etwas vom Charme einer TV-Seifenoper und trägt sicherlich nicht wenig zum Erfolg der Eifel-Krimis bei. Denn so lange man sich von Rodenstocks Lebensgefährtin Emma mit scharf gewürzten Nudelgerichten verwöhnen lassen kann, bleibt von dem Grauen, das die Eifel-Idylle immer wieder heimsucht, nur der nötige Nervenkitzel übrig. Und manchmal will der Krimileser auch gar nicht mehr.



Bibliografie:

kehrer-wilsberg-und-die-dritte-generation.jpg Jürgen Kehrer:
Wilsberg und die dritte Generation

Grafit, 2006
Brosch., 204 Seiten, 8,50 Euro
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berndorf-eifel-kreuz Jacques Berndorf:
Eifel-Kreuz

Grafit, 2006
Gebd., 316 Seiten, 17.90 Euro
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Joachim Feldmann
Redakteur und Mit-Herausgeber der Literaturzeitschrift "Am Erker", Münster. Von einem zeittypischen Szeneblatt im Fanzine-Layout hat sich "Am Erker" im Laufe des mehr als 25-jährigen Bestehens zu einem Magazin im Buchformat entwickelt, das inzwischen als ein wichtiges Forum für neue deutsche Erzählliteratur gilt. Folgerichtig gab es 1998 den Hermann-Hesse-Preis als beste deutschsprachige Literaturzeitschrift.
In seiner Krimikolumne "Mord und Totschlag" bespricht Joachim Feldmann regelmäßig Kriminalliteratur, man findet seine kenntnisreichen Beiträge zu Literatur und Kultur aber z.B. auch im "Freitag".
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