Die Alligatorpapiere



Feldmanns Schusswechsel (der dritte).
Die Krimikolumne von Joachim Feldmann



Lewis Carroll & das 87. Polizeirevier



carroll-lewis.jpgDer Einfluss von Lewis Carrolls "Alice"-Büchern auf die populäre Kultur ist kaum zu unterschätzen. So huldigt der größte Hit der Hippie-Rocker "Jefferson Airplane" dem weißen Kaninchen aus "Alice in Wonderland", und ein anderes, ebenfalls von der amerikanischen Westküste stammendes, heute allerdings nur noch Eingeweihten bekanntes, psychedelisches Ensemble nannte sich "The Frumious Bandersnatch" nach jener abscheulichen Kreatur, die Carroll mit seinem Gruselgedicht "Jabberwocky" in dem Folgeband "Through the Looking Glass" verewigt hat: "Beware the Jabberwock, my son! / The jaws that bite, the claws that catch! / Beware the Jubjub bird, and shun / The frumious bandersnatch!"

Es wundert wenig, dass sich die nach "Bewusstseinserweiterung" strebenden Blumenkinder der späten sechziger Jahre von der skurrilen Fantasiewelt des englischen Dichters und Oxford-Professors angezogen fühlten. Auf die Idee allerdings, das "Jabberwocky"-Poem als Textgrundlage für einen Top-10-Hit zu nutzen, muss erst einmal jemand kommen. Dieser Jemand heißt Barney Loomis, Chef der Plattenfirma Bison Records und eine der Hauptfiguren in "The Frumious Bandersnatch", Ed McBains 53. Roman über das 87. Polizeirevier. Dummerweise wird Tamara Valparaiso, die Sängerin, deren Karriere Loomis bereits detailliert geplant hat, just bei der Medienpräsentation des Songs auf einer Luxusjacht gekidnappt, und es ist an unserem alten Freund Steve Carella vom 87. Revier, sie möglichst wohlbehalten zurückzubekommen.

Wenn es in der Welt des Kriminalromans mit rechten Dingen zuginge, wäre Carella längst in Pension, schließlich löste er seine ersten drei Fälle bereits im Jahre 1956. Doch McBain hat sein Personal in gewissen Abständen immer mal wieder verjüngt, so dass der italienisch-stämmige Kriminalist so lange im aktiven Dienst verbleiben kann, bis seinem Schöpfer endgültig die Ideen ausgehen. Und das war eine Zeitlang durchaus zu befürchten. Vor allem in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre schien sich McBain von einem Selbstzitat zum nächsten zu hangeln, und auch treue Leser wünschten Carella, Bert Kling, Meyer Meyer und all die anderen Charaktere, gerade weil sie einem über die Jahre ans Herz gewachsen waren, ins sonnige Florida zum wohlverdienten Ruhestand.

mcbain-The-Frumious-Bandersnatch.gif Aber, oh Wunder, der Meister scheint seine kreative Krise überwunden zu haben und zeigt sich in "The Frumious Bandersnatch" in ausgezeichneter Form. Zwar ist die Handlung nicht unbedingt originell, doch was Dialog und Charakterisierung betrifft ist McBain (neben dem großen Elmore Leonard) immer noch konkurrenzlos. Darüber hinaus ist ihm eine bissige Satire auf die nicht immer sauberen Praktiken im Geschäft mit der Popmusik gelungen. Am komischsten ist McBain allerdings, wenn er sich den Auswüchsen der "political correctness" widmet und zum Beispiel in einer Fernsehdiskussion den rassistisch-sexistischen Charakter des "Jabberwocky"-Gedichtes thematisieren lässt. Ob auch deutschen Lesern der Spaß vergönnt sein wird, ist im Moment schwer zu sagen. Bislang hat noch jeder Verlag, der sich ernsthaft um eine akzeptable Eindeutschung von sjoewall-wahloeoe.jpg McBains Werk bemüht hat, irgendwann aufgesteckt. Wahrscheinlich rechtfertigte der Verkaufserfolg nie den Aufwand. Dabei ist die Bedeutung der Romane um das 87. Polizeireviers für die Entwicklung des Genres kaum zu überschätzen. So waren z. B. die Schweden Maj Sjöwall und Per Wahlöö als McBain-Übersetzer tätig, bevor sie 1965 die "Tote im Götakanal" schwimmen ließen, ein Umstand, der ihre zehn berühmten Kriminalromane bis in Details geprägt hat. Aber während Sjöwall/Wahlöö problemlos ihren Weg in die Bücherregale linker studentischer Wohngemeinschaften fanden, galt McBain, dessen Bücher zu allem Übel auch noch in Verlagen wie Ullstein oder Moewig erschienen, als triviales Lesefutter. Und daran haben bis heute weder die Bemühungen der Krimikritik noch die von Verlagen und Übersetzern etwas geändert.

Falls es dennoch zu einer deutschen Übersetzung von "The Frumious Bandersnatch" kommt, darf man schon gespannt auf den Titel sein. Christian Enzensberger deutschte "Jabberwocky" einst als "Der Zipferlake" ein und beeindruckte mit folgenden Versen: "Hab' acht vorm Zipferlak', mein Kind, / sein Maul ist beiß, sein Griff ist bohr, / vorm Fliegelflagel sieh' dich vor, / dem mampfen Schnatterrind!" Also "Das mampfe Schnatterrind"? Oder sollte man nicht doch lieber auf die beliebte Praxis früherer Verlage zurückgreifen und einen ganz anderen, reißerischen Titel wählen. Ein schönes Beispiel wäre der dritte Roman aus dem 87. Revier, Originaltitel "The Pusher", den man wahlweise als "Die weiße Hand des Todes" oder als "Weißer Schnee für Fixer" im Antiquariat erwerben kann.


Ed McBain:: The Frumious Bandersnatch..Pocket Books. New York 2004. $ 7,99.

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Joachim Feldmann
Redakteur und Mit-Herausgeber der Literaturzeitschrift "Am Erker", Münster. Von einem zeittypischen Szeneblatt im Fanzine-Layout hat sich "Am Erker" im Laufe des mehr als 25-jährigen Bestehens zu einem Magazin im Buchformat entwickelt, das inzwischen als ein wichtiges Forum für neue deutsche Erzählliteratur gilt. Folgerichtig gab es 1998 den Hermann-Hesse-Preis als beste deutschsprachige Literaturzeitschrift.
In seiner Krimikolumne "Mord und Totschlag" bespricht Joachim Feldmann regelmäßig Kriminalliteratur, man findet seine kenntnisreichen Beiträge zu Literatur und Kultur aber z.B. auch im "Freitag".
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