Die Alligatorpapiere



Feldmanns Schusswechsel (der fünfzehnte).
Die Krimikolumne von Joachim Feldmann



Wer will das alles wissen?



erfmeyer-Todeserklaerung.jpgDr. Klaus Erfmeyer, im Hauptberuf Rechtsanwalt in Dortmund, ist kein Krimi-Novize. "Geldmarie" ist bereits der dritte Roman, in dem sich der junge Anwalt Stephan Knobel (ebenfalls Dortmund) als Ermittler betätigt. Sein Erstling "Karrieresprung" verhalf dem Autor 2007 zur Nominierung für einen Glauser in der Sparte "Bester Debüt-Kriminalroman". erfmeyer-karrieresprungIch habe dieses Buch nicht gelesen. Erfmeyers zweiten Krimi, "Todeserklärung", kenne ich ebenfalls nicht. Und ich befürchte, dass es nach der Lektüre von "Geldmarie" auch dabei bleiben wird.
Der Plot ist als originelle Variante eines bekannten Handlungsmusters durchaus überzeugend. Stephan Knobels Freundin Marie, eine Germanistikstudentin, ist verschwunden. Und ihr Professor, den sie offenbar kurz vor ihrem Abtauchen besucht hat, ist tot, Herzinfarkt. Das wirft kein gutes Licht auf die junge Frau, die Kripo ermittelt, und Knobel als ihr Liebhaber gerät beruflich unter Druck, zumal die Kanzlei, für die er tätig ist, in einer Ertragskrise steckt. Während also die Unternehmensberater ihre Beobachtungsposten einnehmen, um Daten für ein Sanierungskonzept zu sammeln, beginnt Knobel mit seinen Nachforschungen, die sich, wie nicht anders zu erwarten, als ziemlich schwierig erweisen. Soweit zum Inhalt. Verriete ich mehr, wäre die nicht unerhebliche Spannung, mit der Erfmeyer seine Leser auf den ersten einhundert Seiten bei der Stange hält, dahin. Und das ist meine Absicht nicht, schließlich will ich niemanden von der Lektüre dieses Detektivromans mit Thrillerelementen abhalten. Wer sich beispielsweise für die wirtschaftlichen Probleme erfmeyer-geldmarie.jpgvon Anwaltskanzleien interessiert, findet hier reichhaltiges Material. Für meinen Geschmack hätte es gerne etwas weniger sein können. Zwar bleibt Erfmeyer entgegen dem Trend deutlich unter der 300-Seiten-Marke, doch das Gefühl, aus der "psychologisch packenden und tiefgründigen Geschichte", die der Rezensent Stefan Sprang vom Hessischen Rundfunk gelesen haben will, könnte durch gezielten Einsatz des Rotstifts ein schöner schlanker Krimi werden, nahm während der Lektüre quälende Ausmaße an. Ohne Verlust streichen könnte man beispielsweise die wohl als komische Einlage gedachte Schilderung eines Mittagessens in einem Gourmetrestaurant. Dann wäre einem unduldsamen Leser wie mir auch folgende Textstelle erspart geblieben: "Knobel ließ sich vom Navigationssystem seines Autos lenken. Das 'Parkhotel' kündigte sich auf Hinweisschildern an. Knobel folgte der synthetischen und trotzdem freundlichen Stimme aus dem Gerät, rollte langsam durch die Schaeferstraße in Herne und parkte schließlich vor dem 'Parkhotel', das seinem Namen Ehre machte. Es war ein einladendes älteres Gebäude mit neuem Hoteltrakt daneben, eingebettet in ein Parkgelände mit altem Baumbestand, das Knobel hier nicht vermutet hätte." Wer will das alles wissen? Aber Erfmeyer ist eben kein Autor, der sich mit einem Satz begnügt, wo auch drei stehen könnten. Ein weiteres Beispiel gefällig: "Damals, als er noch angestellter Anwalt in der Kanzlei, die damals noch 'Dr. Hübenthal & Partner' hieß, angefangen hatte, musste er Löffke zuarbeiten. Löffke hatte ihm Akten zur Bearbeitung übergeben, und Knobel brachte sie später zurück, referierte die von ihm erarbeiten (sic!) Vorschläge für die Lösung des Falles. Knobel hatte immer das Gefühl, nicht zu genügen." Ein ähnliches Gefühl scheint auch den Autor zu plagen. Befürchtete Erfmeyer, dass seine Leser sich unter der Formulierung "zuarbeiten" nichts vorstellen können. Würden sie vermuten, Knobel verbrenne die ihm übergebenen Akten, anstatt sie, wie es sich gehört, Löffke zurückzugeben, um dann die "Vorschläge für die Lösung des Falles" für sich zu behalten?
Nun kann man nicht sagen, dass Erfmeyer kein Sprachgefühl hätte. Dass in einem Dialog gleich zweimal auf einer Seite "fuhr Faltinger fort" zu lesen ist, bleibt ein lässliches Vergehen, das offenbar dem Umstand geschuldet ist, dass der Autor das Verb "sagen" möglichst selten verwenden möchte. Also giften sowohl Knobel als auch Löffke, sie fahren dazwischen und werfen ein, stellen fest und halten dagegen. So lesen sich ganze Passagen, als wären sie Teil einer Übung in einem Kurs für kreatives Schreiben.
Viele scheint das nicht zu stören, im Gegenteil. "Ein Trumpf in der Krimiszene", lautet das begeisterte Urteil des Gerichtsreporters Stefan Wette, während der bereits zitierte Stefan Sprang Erfmeyer zu einem "Meister der Spannungsliteratur" ernennt. Mir bleibt da nur, diesen "Schusswechsel" mit dem Anfangssatz des Romans zu beenden: "Das Unheil kündigte sich lautstark an."


Bibliografie:

erfmeyer-geldmarie Klaus Erfmeyer:
Geldmarie.

Meßkirch, Gmeiner Verlag, 2008
277 Seiten, EUR 9.90



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Joachim Feldmann
Redakteur und Mit-Herausgeber der Literaturzeitschrift "Am Erker", Münster. Von einem zeittypischen Szeneblatt im Fanzine-Layout hat sich "Am Erker" im Laufe des mehr als 25-jährigen Bestehens zu einem Magazin im Buchformat entwickelt, das inzwischen als ein wichtiges Forum für neue deutsche Erzählliteratur gilt. Folgerichtig gab es 1998 den Hermann-Hesse-Preis als beste deutschsprachige Literaturzeitschrift.
In seiner Krimikolumne "Mord und Totschlag" bespricht Joachim Feldmann regelmäßig Kriminalliteratur, man findet seine kenntnisreichen Beiträge zu Literatur und Kultur aber z.B. auch im "Freitag".
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