besitzen einen Charme, dem man sich auch heute nur schwer entziehen kann. Selbst die zwei Gauner, die sich in einer Episode in die Ferienidylle verirren, wirken mitleiderregend harmlos, vor allem, wenn sie ausgerechnet von einem Kleinkind nach Strich und Faden ausgetrickst werden.
Der Journalist Christian Semler, vor vielen Jahren Häuptling einer ziemlich merkwürdigen revolutionären Partei und heute bei der TAZ, hat ja bereits alles Notwendige zum abstrusen Inhalt dieses Romans – ein durchgeknallter Ex-Maoist hat es auf ehemalige Gesinnungsgenossen abgesehen – geschrieben. Dass diese Variation auf das Thema "1968 und die Folgen" garniert mit ein bisschen Medienkritik und Geschlechterkampf in einer bizarren Bürokratenprosa abgefasst ist, die selbst in diesem an miserablen Stilisten nicht armen Genre ihresgleichen sucht, erwähnt er allerdings nicht. Leider kann ich den Anteil des Übersetzers an diesem narrativen Trümmerfeld nicht ermessen, vermute aber, dass er vor den detaillierten Beschreibungen der Alltagsverrichtungen von Marklunds Heldin Annika Bengtzon und der erotischen Eskapaden ihres Ehemanns Thomas schlicht kapituliert hat. Letzterer nämlich fühlt sich von seiner tapferen Journalistenfrau vernachlässigt und widmet sich seiner jungen Kollegin Sophia, die über bemerkenswerte Fähigkeiten verfügt: "'Möchtest du einen Kaffee?', fragte sie, und schloss die Wohnungstür, zog den Reißverschluss ihres Rockes auf und ließ ihn zusammen mit dem BH zu Boden fallen." (S. 209, Originalzitat inklusive falschem Komma ) Da liegt also der Reißverschluss auf dem Fußboden neben dem Büstenhalter, der sich wie von Zauberhand gelöst hat.
Aber genug davon. Eigentlich wollte ich in dieser Kolumne ja über den vergessenen deutsch-amerikanischen Psychologieprofessor und Verfasser harter Kriminalromane Peter Rabe (1921 – 1990) schreiben, auf dessen Gangstergeschichte "The Out Is Death" (dt. "Das tödliche Telefon") ich in einem Pappkarton mit alten Büchern im walisischen
Küstendörfchen Aberdaron stieß. Solche Grabbelkisten sind immer für Funde gut, bei der gleichen Gelegenheiten fielen mir Paperbacks von Eric Ambler und Ross Macdonald in die Hände. Peter Rabes finsterer Roman erzählt die Geschichte eines todkranken Safeknackers, der nach der Entlassung aus dem Knast zu einem letzten Coup gepresst werden soll. Verzweifelt bittet er einen alten Freund, selbst ein ehemaliger Gangster, um Hilfe, doch so einfach lässt sich der böse Geist aus der Vergangenheit nicht abschütteln. Aus dieser Grundkonstellation entwickelt sich eine Dynamik, der Rabe in knappen
beschreibenden Sätzen und lakonischen Dialogen Ausdruck verleiht. Kein überflüssiges Wort stört die perfekte Komposition dieses minimalistischen Meisterwerks, das auf 126 holzhaltigen Seiten mehr Substanz birgt als manch ein gebundener Bestseller auf 500.
Feldmanns Schusswechsel
Ein Service der Alligatorpapiere
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