Die Alligatorpapiere



Feldmanns Schusswechsel (der fünfte).
Die Krimikolumne von Joachim Feldmann



Narratives Trümmerfeld und lakonische Dialoge



Erinnern Sie sich an die Fernsehserie "Ferien auf Saltkrokan"? Die von Astrid Lindgren ersonnenen und vom schwedischen Fernsehen in den sechziger Jahren kongenial in Szene gesetzten Geschichten aus einer unbeschwerten Kindheit ferien-auf-saltkrokan.jpgbesitzen einen Charme, dem man sich auch heute nur schwer entziehen kann. Selbst die zwei Gauner, die sich in einer Episode in die Ferienidylle verirren, wirken mitleiderregend harmlos, vor allem, wenn sie ausgerechnet von einem Kleinkind nach Strich und Faden ausgetrickst werden.
An die beiden glücklosen Zigarettenschmuggler mit den absonderlichen Namen Rüpel und Knurrhahn musste ich in den letzten Tagen häufiger denken, während ich mich mit wachsendem Missvergnügen an einem der beliebten Schwedenkrimis versuchte. Warum nur haben finstere Geschichten von Serienmördern, korrupten Politikern und sozialem Elend die Erzählungen aus dem Kinderparadies als lukrativer literarischer Exportartikel abgelöst? Was lässt deutsche Hausfrauen im vormittäglichen Radioprogramm bekennen, dass die Lektüre der Romane Henning Mankells besonders gut gegen miese Laune helfe? Und wieso habe ich Liza Marklunds überlangen Schmöker "Der Rote Wolf" auch weitergelesen, als mir Sätze wie "Sie wollte weinen oder vielleicht auch schreien" längst signalisierten, dass hier eine Autorin mit der sprachlichen Sensibilität einer Scheibe Knäckebrot am Werke war?

marklund-derrotewolf Der Journalist Christian Semler, vor vielen Jahren Häuptling einer ziemlich merkwürdigen revolutionären Partei und heute bei der TAZ, hat ja bereits alles Notwendige zum abstrusen Inhalt dieses Romans – ein durchgeknallter Ex-Maoist hat es auf ehemalige Gesinnungsgenossen abgesehen – geschrieben. Dass diese Variation auf das Thema "1968 und die Folgen" garniert mit ein bisschen Medienkritik und Geschlechterkampf in einer bizarren Bürokratenprosa abgefasst ist, die selbst in diesem an miserablen Stilisten nicht armen Genre ihresgleichen sucht, erwähnt er allerdings nicht. Leider kann ich den Anteil des Übersetzers an diesem narrativen Trümmerfeld nicht ermessen, vermute aber, dass er vor den detaillierten Beschreibungen der Alltagsverrichtungen von Marklunds Heldin Annika Bengtzon und der erotischen Eskapaden ihres Ehemanns Thomas schlicht kapituliert hat. Letzterer nämlich fühlt sich von seiner tapferen Journalistenfrau vernachlässigt und widmet sich seiner jungen Kollegin Sophia, die über bemerkenswerte Fähigkeiten verfügt: "'Möchtest du einen Kaffee?', fragte sie, und schloss die Wohnungstür, zog den Reißverschluss ihres Rockes auf und ließ ihn zusammen mit dem BH zu Boden fallen." (S. 209, Originalzitat inklusive falschem Komma ) Da liegt also der Reißverschluss auf dem Fußboden neben dem Büstenhalter, der sich wie von Zauberhand gelöst hat.
Interessant wird es auch, wenn Frau Marklund über den psychischen Zustand ihrer Hauptfigur Auskunft gibt und dabei zu einer schier unglaublichen Bildersprache findet: "Die Stimmen der Taxifahrer folgten ihr wie ein Wasserfall, als sie durch das kleine Flughafengebäude ging, und gaben ihr das vage Gefühl, gehetzt zu werden." Und wer sich von einem Wasserfall gehetzt fühlt, der darf auch "zu einer Steinsäule gefrieren" und sich "für alle Zeiten festgenagelt in Familie Axelssons Lebenslügen" fühlen.
So geht's halt zu in Schweden, da glaubt man auch gerne, dass sich die Mitglieder einer maoistischen Minisekte mit Tiernamen anreden, ein Umstand, der Christian Semler besonders auf die Palme brachte.

rabe_telefon.jpgAber genug davon. Eigentlich wollte ich in dieser Kolumne ja über den vergessenen deutsch-amerikanischen Psychologieprofessor und Verfasser harter Kriminalromane Peter Rabe (1921 – 1990) schreiben, auf dessen Gangstergeschichte "The Out Is Death" (dt. "Das tödliche Telefon") ich in einem Pappkarton mit alten Büchern im walisischen rabe-journey-into-terror Küstendörfchen Aberdaron stieß. Solche Grabbelkisten sind immer für Funde gut, bei der gleichen Gelegenheiten fielen mir Paperbacks von Eric Ambler und Ross Macdonald in die Hände. Peter Rabes finsterer Roman erzählt die Geschichte eines todkranken Safeknackers, der nach der Entlassung aus dem Knast zu einem letzten Coup gepresst werden soll. Verzweifelt bittet er einen alten Freund, selbst ein ehemaliger Gangster, um Hilfe, doch so einfach lässt sich der böse Geist aus der Vergangenheit nicht abschütteln. Aus dieser Grundkonstellation entwickelt sich eine Dynamik, der Rabe in knappen rabe-killthebossgoodbyebeschreibenden Sätzen und lakonischen Dialogen Ausdruck verleiht. Kein überflüssiges Wort stört die perfekte Komposition dieses minimalistischen Meisterwerks, das auf 126 holzhaltigen Seiten mehr Substanz birgt als manch ein gebundener Bestseller auf 500.
Peter Rabe schrieb die meisten seiner Kriminalromane in den fünfziger Jahren, sie wurden bis in die siebziger Jahre hinein in billigen Taschenbuchausgaben vermarktet. In den Neunzigern wurde er als einer der wichtigsten Vertreter des noir wiederentdeckt, der große Erfolg beim Lesepublikum aber blieb aus. Allerdings weiß ich von zumindest von einem Leser, der in den nächsten Wochen verstärkt in Internet-Antiquariaten nach Peter-Rabe-Titeln fahnden wird.

Liza Marklund: Der Rote Wolf. Roman. Aus dem Schwedischen von Paul Berf. Hoffmann & Campe. Hamburg 2004. Euro 22,90.

Peter Rabe: The Out Is Death. Five Star Paperbacks. Manchester 1973. 25 britische Pence.

Das tödliche Telefon
(The Out is Death)
Bastei-Razzia Taschenbuch
Bergisch Gladbach, 1973
142 Seiten
Info bei:
Mordlust
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Joachim Feldmann
Redakteur und Mit-Herausgeber der Literaturzeitschrift "Am Erker", Münster. Von einem zeittypischen Szeneblatt im Fanzine-Layout hat sich "Am Erker" im Laufe des mehr als 25-jährigen Bestehens zu einem Magazin im Buchformat entwickelt, das inzwischen als ein wichtiges Forum für neue deutsche Erzählliteratur gilt. Folgerichtig gab es 1998 den Hermann-Hesse-Preis als beste deutschsprachige Literaturzeitschrift.
In seiner Krimikolumne "Mord und Totschlag" bespricht Joachim Feldmann regelmäßig Kriminalliteratur, man findet seine kenntnisreichen Beiträge zu Literatur und Kultur aber z.B. auch im "Freitag".
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