Wer hier so übel zugerichtet wird, heißt Dan Fortune und arbeitet als Privatdetektiv. Böse Buben, die ihm an den Kragen wollen, haben gewöhnlich leichtes Spiel, denn Fortune ist einarmig und kann sich gegen körperliche Attacken kaum zur Wehr setzen. Der 2005 verstorbene amerikanische Schriftsteller Dennis Lynds, der unter dem Pseudonym Michael Collins um die zwanzig, immer wieder lesenswerte, Dan-Fortune-Romane veröffentlichte, wollte ausdrücklich keinen "weiteren Superman als Detektivhelden" erschaffen, sondern jemanden, der "genauso verletzbar ist wie die meisten Menschen in dieser großen harten Welt".
poetischer aus: "Ich wollte mich gerade umdrehen, als etwas durch die Luft zischte und ich in einem Regen heißer Funken explodierte, die niederfielen und sich in Dunkelheit auflösten." Jakob Asch, ein Kollege aus Los Angeles, zeigt sich kaum origineller: "Ich umklammerte den Arm und wollte ihn wegdrücken, aber das verschaffte mir nur einen größeren Luftmangel, und dann flog ich über den Sitz und fand mich im Kampf gegen den rundschädeligen Schwarzen, der mich umbringen wollte, bis das Feuerwerk verpuffte und mit den Lichtern der Stadt draußen erstarb." Selbst Superdetektiv Mike Hammer, den sein Schöpfer Mickey Spillane schon mal mit der MG in der Hand in den Großstadtdschungel schickt, muss sich ab und an geschlagen geben: "Er stieß einen qualvollen Schrei aus, aber ich ließ erst los, als jemand einen Revolverkolben von hinten auf meinen Schädel hämmerte. Mit letzter Kraft stieß ich nach hinten zu und hörte noch da dumpfe Stöhnen, bevor mich ein weiterer Schlag traf, und ich in die schwarze Tiefe der Bewusstlosigkeit stürzte." Kein Feuerwerk also und auch keine bunten Farben. Und weil Hammer, kaum erwacht, wieder eine dicke Lippe riskiert, gibt es reichlich Nachschlag: "Ich sah, wie der Totschläger gehoben wurde, und dann sah ich ihn noch niedersausen, fühlte den Schmerz und dann nichts mehr..."
Aber warum erzähle ich das alles? Der simple Grund ist, dass ich gestern "Der stille Schüler" von Robert B. Parker gelesen habe, nach "Die blonde Witwe" bereits das zweite Spenser-Abenteuer im Bielefelder Pendragon Verlag, den man nicht genug dafür loben kann,
sich der einstmals ausgesprochen populären Serie angenommen zu haben. (An den Übersetzungen ließe sich allerdings noch ein bisschen feilen. Manche Dialogpassage klingt arg holperig. Dabei sind die Dialoge sind doch das Beste bei Parker.) Spenser nämlich, der gute und belesene Privatdetektiv aus Boston, schafft sie alle. Wer ihm bei seinen Ermittlungen in die Quere kommt, sei es ein tätowierter, muskelbepackter Kleindealer mit dem sympathischen Spitznamen "Animal" oder ein übler lokaler Polizeichef, muss damit rechnen, schwer eins auf die Nase zu kriegen. Schauen wir kurz zu, wie Spenser das macht: "Ich hielt den Lauf seiner Waffe mit der Linken. Ich drehte mich leicht im Sitz und versetzte ihm mit der rechten Faust einen Schlag zwischen die Beine. Er keuchte und krümmte sich, und ich nahm ihm die Waffe weg." Das war der Polizeichef. Und nun der Dealer: "Animal kam mit den Fäusten in Brusthöhe auf mich zugelaufen und versuchte mich in den Unterleib zu treten. Er war wild, aber langsam. Ich drehte mich von dem Tritt weg und verpasste ihm eine gerade Rechte auf die Nase. Die Nase brach und begann zu bluten." Noch ein paar Schläge mehr und der wilde Bursche ist fürs erste erledigt. Als Gratiszugabe kriegt er noch wertvolle Tipps: "In der Notaufnahme können sie dir das saubermachen und verbinden. Und dir vielleicht ein paar Schmerztabletten geben. (...) Aber kein Aspirin nehmen. Dann blutet es nur noch mehr." Und ich muss ehrlich sagen, mir hat es nicht schlecht gefallen, mal mit einem praktisch unbesiegbaren Helden unterwegs zu sein. Sich verprügeln lassen, kann schließlich jeder, wie man schon daran merkt, dass es mich keine zehn Minuten gekostet hat, die obigen Textbeispiele herauszusuchen.
offenkundig parodistischer Absicht erdacht von L. A. Morse, wirkt wie die krasse Cartoon-Version eines Mike Hammer. Der Privatdetektiv aus Los Angeles ist ein ziemlich übler Zeitgenosse, dessen Umgangsformen sich mit einer Zeile illustrieren lassen: "Ich zog meinen Reißverschluss wieder zu und verließ das Büro." Es reicht vielleicht der Hinweis, dass die vorhergehende Szene von der Art ist, wie sie die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften auf den Plan ruft. (Wenn ich mich recht erinnere, ist zumindest ein Sam-Hunter-Roman in den achtziger Jahren auf dem Index gelandet.) Doch die Hoffnung trog. Schon im ersten Kapitel von "Ein fetter Brocken" findet der einsneunzig große und zwei Zentner schwere Detektiv seinen Meister: "Bevor ich meinen Satz zu Ende bringen konnte, war er schon mit einer Geschwindigkeit, die ich bei ihm für unmöglich gehalten hätte, herumgewirbelt. Mit dem Daumen und den ersten beiden Fingern seiner linken Hand packte er mich unters Kinn. Scheinbar ohne jede Anstrengung hob er mich einfach einen halben Meter vom Boden, so dass ich jetzt etwas größer als er war. (...) Dann, als ob er den Spaß müde geworden wäre, warf er mich gut drei Meter durch die Luft, und ich knallte gegen die Wand." Also Fehlanzeige. Spenser bleibt auf ungewöhnliche Weise dem Klischee abhold und damit einmalig. Den Platz auf der neuen Krimi-Bestenliste hat er sich damit redlich verdient.
Bibliografie:
Michael Collins:
Freak
(Original: Freak. 1983)
Übersetzt von Sigrid Gent
Ullstein Krimi 10259, Berlin 1984
Loren D. Estleman:
Die Straßen von Detroit.
Übersetzt von Sabine Schmidt.
Ullstein Krimi 10338. Berlin 1986.
(Original: The Glass Highway. 1983)
Arthur Lyons:
Drei mit einer Kugel.
Übersetzt von Gisela Kirst-Tinnefeld.
Bastei-Lübbe. Bergisch-Gladbach 1988.
(Original: Three with a Bullet. 1984)
L. A. Morse:
Ein fetter Brocken.
Übersetzt von Jürgen Bürger.
Ullstein Krimi 10441. Berlin 1987.
(Original: The Big Enchilada. 1982)
Robert B. Parker:
Der stille Schüler.
Übersetzt von Frank Böhmert.
Pendragon. Bielefeld 2007.
(Original: School Days. 2005)
Mickey Spillane:
Rhapsodie in Blei.
Übersetzt von Werner Gronwald.
Heyne Krimi 1742. München 1977.
(Original: Kiss me Deadly. 1952)
