Die Alligatorpapiere



Feldmanns Schusswechsel (der dreizehnte).
Die Krimikolumne von Joachim Feldmann



Detektive in San Francisco und in der Kurpfalz



gordon-Der-Tote-im-Smoking.jpgDer Titel klang nicht schlecht: "Der Tote im Smoking", das hörte sich nach einem angenehm altbackenen Kriminalroman an, nach einer ironischen Hommage an die Zeiten, als Privatdetektive noch ihre kleinen grauen Zellen aktivierten, um Mordfälle in den besseren Kreisen zu lösen. Auch der hübsche Schutzumschlag des Buches deutete in diese Richtung. Auf diesem prangte allerdings auch ein Zitat aus der Zeitung "El mundo", das mich hätte misstrauisch machen sollen. "Ein Krimi à la Chandler" hieß es da, was so gar nicht zu den vom Titel geweckten Erwartungen passen wollte.
Egal, dachte ich mir und begann zu lesen. Auf der ersten Seite lernte ich einen jungen Mann namens Samuel Hamilton kennen, der gerade durch eine Todesanzeige erfahren hat, dass sein guter Freund Reginald Rockwood III. verstorben ist. Wie man sich denken kann, findet Hamilton schnell heraus, dass Rockwood nicht der war, für den er sich ausgab. Und aus dem Anzeigenverkäufer für eine Tageszeitung wird ein Amateur-Ermittler, der schon bald ein paar üblen Schurken auf die Spur kommt, denen ein Toter mehr kaum Kopfzerbrechen bereiten würde. Mehr von dem gar nicht so schlecht ausgedachten Plot, der übrigens im San Francisco des Jahres 1960 angesiedelt ist, zu verraten, verkneife ich mir an dieser Stelle, es ist nicht weiter von Belang. Bemerkenswert ist "Der Tote im Smoking" aus einem anderen Grund. Das Buch ist langweilig. So richtig langweilig. Was in diesem Fall durchaus ein kleines Kunststück ist. Denn, wie gesagt, die Handlung ist an sich nicht übel. Doch dem Autor, einem William C. Gordon, ist es gelungen, eben diese Handlung in ein Stück Prosa zu verwandeln, das so tot ist wie ein mehrmals überfahrenes Wiesel auf der A 31.
"Ganz Chinatown war tief bestürzt über den Tod von Chop Suey Louie, der sich überall großer Beliebtheit erfreut hatte", lässt uns der Erzähler wissen oder "Anschließend ging Charles Perkins mit den FBI-Agenten in das Café, in dem Samuel schon den ganzen Vormittag gewartet und eine Tasse Kaffee nach der anderen getrunken hatte". Tadellose Sätze, schließlich versteht der Übersetzer Sepp Leeb, der unter anderem Michael Connelly und L.A. Morse ins Deutsche gebracht hat, sein Handwerk. Und dafür, dass der Autor bestenfalls über das Erzähltalent eines Aushilfsreporters bei der Lokalzeitung verfügt, kann Leeb nichts. Wenn Gordon versucht, Atmosphäre zu schaffen, liest sich das beispielsweise folgendermaßen: "Es war Samstagvormittag, elf Uhr. Von der Bar des Camelot hatte man einen fantastischen Blick auf die Bucht von San Francisco und konnte beobachten, wie die Cable Cars mit einem Glockenschlag abbogen und den Nob Hill hinunter auf die andere Seite der Stadt fuhren. An kalten und windigen Tagen wie diesem stellten die Schaffner den Fahrgästen Decken zur Verfügung, damit sie in der luftigen Straßenbahn nicht an den Beinen froren." Da wird einem so richtig warm ums Herz.
Wer nun überprüfen will, ob solche Passagen auch im Original den Charme eines mittelmäßigen Reiseführers ausstrahlen, wird kein Glück haben. Eine englischsprachige Ausgabe des Romans existiert nicht. Man mag darüber spekulieren, warum William C. Gordon, übrigens Ehemann einer weltberühmten Schriftstellerin, bislang keinen amerikanischen Verlag für sein Manuskript gefunden hat. Ein Umstand, der die Aufnahme in das Programm des Verlags Hoffmann & Campe noch rätselhafter erscheinen lässt.

imbsweiler-Bergfriedhof.jpgAlles, was William C. Gordons Versuch im Krimigenre abgeht, vor allem Witz und Spannung, findet sich im Übermaß in Marcus Imbsweilers Erstling "Bergfriedhof". Der Heidelberger Privatdetektiv Max Koller ist als Ermittler vielleicht ebenso dilettantisch wie Samuel Hamilton, doch als Romanheld macht er eindeutig die bessere Figur. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass Imbsweiler ihn als klassischen Ich-Erzähler mit einer gehörigen Portion Selbstironie in Szene setzt. Reizvoll wird die Lektüre zudem durch den Verzicht auf eine chronologische Berichterstattung. Gerne greift Koller den Ereignissen voraus und präsentiert das blaue Auge schon, bevor er die dazugehörige Prügelei schildert. Dass der Detektiv eine rechte Plaudertasche ist, stört in diesem Fall kaum, denn was er zu erzählen hat, ist in der Regel kurzweilig und amüsant. Da verzeiht man auch die recht konstruiert anmutende Auflösung des Falles, auf den Koller, wie es sich gehört, durch einen zwielichtigen Auftrag gestoßen ist. "Ehrenfriedhof" ist in dem auf Regionalkrimis spezialisierten Gmeiner-Verlag erschienen, und der Autor spart nicht an Heidelberger Lokalkolorit. Das sollte Leser außerhalb der Kurpfalz aber nicht abschrecken. Mir hat schon lange kein Krimidebüt so viel Spaß gemacht und ich wünsche mir, dass dies nicht der einzige Auftritt von Max Koller bleibt.



Bibliografie:

gordon-Der-Tote-im-Smoking.jpg William C. Gordon:
Der Tote im Smoking

Aus dem Englischen von Sepp Leeb
Hamburg, Hoffmann & Campe, 2007
301 S., EUR 19.95



imbsweiler-Bergfriedhof.jpg Marcus Imbsweiler:
Bergfriedhof.

Meßkirch, Gmeiner Verlag, 2007
419 S., EUR 9.90



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Joachim Feldmann
Redakteur und Mit-Herausgeber der Literaturzeitschrift "Am Erker", Münster. Von einem zeittypischen Szeneblatt im Fanzine-Layout hat sich "Am Erker" im Laufe des mehr als 25-jährigen Bestehens zu einem Magazin im Buchformat entwickelt, das inzwischen als ein wichtiges Forum für neue deutsche Erzählliteratur gilt. Folgerichtig gab es 1998 den Hermann-Hesse-Preis als beste deutschsprachige Literaturzeitschrift.
In seiner Krimikolumne "Mord und Totschlag" bespricht Joachim Feldmann regelmäßig Kriminalliteratur, man findet seine kenntnisreichen Beiträge zu Literatur und Kultur aber z.B. auch im "Freitag".
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