Feldmanns Schusswechsel.
Die Krimikolumne von Joachim Feldmann
Mehr Normalität bitte!
Ein bescheidener Appell
Haben Sie sich nicht auch schon einmal gewünscht, in die Handlung eines Romans einzugreifen? Sie könnten den feinen Signor Brunetti nach Sizilien strafversetzen lassen und seiner Gattin zu einer stürmischen Affäre mit Aurelio Zen verhelfen. Oder den mürrischen Kommissar Wallander mit anständigem Essen versorgen.

Jasper Ffordes grandiose Fantasy-Serie, die seit dem Erscheinen ihres ersten Bandes
The Eyre Affair in deutscher Sprache (
Der Fall Jane Eyre.dtv) auch bei uns zunehmend Liebhaber findet, macht die Grenzen zur Welt der Fiktion durchlässig. Die Literaturdetektivin Thursday Next sorgt dafür, dass in der erzählenden Literatur alles seinen bewährten Gang geht. Sie findet entführtes Romanpersonal wieder, klärt nicht vorgesehene Verbrechen auf und ändert auch schon mal das vom Autor geplante Ende, um Liebenden zu ihrem Glück zu verhelfen.

In ihrem neuen Abenteuer
The Well of Lost Plots darf sich die hochschwangere Next zur Erholung für einige Zeit in einem unveröffentlichten Kriminalroman aufhalten. Leider gilt
Caversham Heights aufgrund erheblicher sprachlicher und erzähltechnischer Mängel als selbst anspruchslosen Lesern nicht zumutbar. Dem klischeebeladenen Polizeithriller droht die Verschrottung. Das weiß auch die Hauptfigur, Inspector Jack Spragg, und er bittet die Literaturdetektivin um Hilfe. Sie schlägt ihm leichte Veränderungen in seinem eigenen Charakter vor, die in dem Rat kulminieren, das Trinken aufzugeben und zu seiner Frau zurückzukehren. Ein durchschnittlicher Ehemann mit einem stinknormalen Familienleben als Ermittler, das wäre nämlich in der heutigen Krimilandschaft beinahe sensationell.

Denn was man schon in einem "Tatort" meist vergeblich sucht, findet sich in zeitgenössischen Polizei- und Detektivromanen erst recht nicht. Ein gutes Beispiel ist der neueste Beitrag in dem Bemühen, die Westfalenmetropole Münster als westdeutsche Hauptstadt des Verbrechens darzustellen. Neben dem neurodermitisgeplagten Privatschnüffler Wilsberg treiben sich mittlerweile mindestens drei weitere Amateur- als auch Profi-Ermittler zwischen Prinzipalmarkt und Aasee herum. Und nun betritt Richard von Droste (!) das Feld, studierter Psychologe und Kriminalrat bei der Mordkommission. Wohnhaft in der riesigen Villa seiner verstorbenen Eltern am Ufer des Aasees, in der Garage einen fahruntüchtigen Jaguar und gekleidet wie ein englischer Landedelmann. Überzeugter Anhänger gesunder Kost. Sportlich. Und mit einem Geheimnis belastet, von dem die Leser in
Von Droste und der Obdachlose nur in Anspielungen erfahren. Es ist also mindestens ein Folgeband geplant, wenn nicht eine ganze Serie. Etwas, von dem auch der glücklose Inspector Spragg träumt.
Doch im Gegensatz zu seinem englischen Kollegen hat von Droste gute Chancen, dass es dazu kommt. Trotz einer Handlung, die man bereits aus vielen Fernsehkrimis zu kennen meint, liest sich das Buch flott weg. Autor Andreas Busch ist ein Routinier mit Sinn für Humor, das ist schon allerhand. Aber gerade deshalb hätte er sich vielleicht an einem simplen Kommissar mit Reihenhaus, halbtags arbeitender Ehefrau und zwei schulpflichtigen Kindern versuchen sollen. Mit einem leicht altersschwachen VW Passat im Carport. In der Aktentasche die Butterbrotdose und die Lokalzeitung. Und mit Rückenproblemen vom vielen Sitzen. Aber trotzdem interessant. Das wäre wirklich eine Herausforderung.
Andreas Busch:
Von Droste und der Obdachlose. 200 Seiten. KBV. Hillesheim 2004. 8,90 &euro.
Jasper Fforde:
The Well of Lost Plots. 361 Seiten. New Englisch Library. London 2003. 6,99 britische £.
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