Die Alligatorpapiere



Feldmanns Schusswechsel (der achte).
Die Krimikolumne von Joachim Feldmann



Umittelbare Gegenwart?



Ahmet Ümits im Herbst letzten Jahres in der neuen Türkischen Bibliothek des Unionsverlags veröffentlichter Roman "Nacht und Nebel" verfügt über alle Ingredienzien eines literarisch ambitionierten Krimis. Ein moralisch höchst ambivalenter Held verliert im Verlauf der Handlung buchstäblich den Boden unter den Füßen. Das System, dem er ohne große Skrupel gedient hat, wird zweifelhaft. Und als er endlich begreift, welche Rolle er selbst in dem Fall, mit dessen Aufklärung er befasst ist, spielt, ist es zu spät. Diesen Eindruck gewinnt zumindest der Leser, auch wenn Ümit das weitere Schicksal seines Protagonisten im uemit-nacht-und-nebelUngewissen belässt.
Nun spielt "Nacht und Nebel" nicht in einem fiktiven halb-totalitären Staat, in dem sich skrupellose Geheimdienste und gewaltbereite Widerstandsgruppen ihre schmutzigen Scharmützel liefern, sondern in einer äußerst konkreten Türkei, deren Alltagsleben sehr anschaulich geschildert wird.
Fragt sich nur, in welcher Zeit die Handlung des Romans angesiedelt ist. Der Übersetzer Wolfgang Scharlipp stellt in seinem umfangreichen Nachwort zur deutschen Ausgabe folgende Überlegungen an: "In Nacht und Nebel finden wir keine Jahreszahl, die uns einen Anhalt dafür gibt, um welche polizeilichen Aktionen es sich handelt. In Anbetracht der Heftigkeit der Auseinandersetzungen dürfen wir aber davon ausgehen, dass sich das Geschehen auf die Zeit der Machtübernahme des Militärs am 12. September 1980 bezieht. Damals beeinträchtigten bewaffnete Kämpfe zwischen Rechten und Linken das gesamte Leben: Polizeikontrollen, Razzien, willkürliche Verhaftungen usw. griffen tief in die öffentliche und private Sphäre der Türkei ein." Für diese Vermutung dürfte auch sprechen, dass Ahmed Ümit selbst während dieser Zeit als aktives Mitglied der Türkischen Kommunistischen Partei untertauchen musste. Das glaubt auch Michael Schweizer, der seine Besprechung des Romans in der Zeitschrift "Kommune" (01/06) mit einer hübschen Paraphrase einleitet: "Nacht und Nebel enthält keine Jahreszahl. Wahrscheinlich spielt Ahmet Ümits Roman um 1980, dem Jahr, in dem in der Türkei das Militär die Macht übernahm."
Nur ich bleibe ein wenig verwirrt zurück. Habe ich mich verlesen? Aber nein, da ist ja die Textstelle. Auf Seite 233. Geheimdienstler Sedat, der Protagonist und Ich-Erzähler des Romans, stattet dem Buchladenbetreiber Sinan, der auch eine Literaturzeitschrift herausgibt, einen Besuch ab. In dieser Zeitschrift nämlich hat Fahri Ertürk, den wahrscheinlich Sedat selbst bei einem "Anti-Terroreinsatz" erschossen hat, Gedichte veröffentlicht.
"An der Wand hinter mir hängt eine schwarze Anschlagtafel. Von einem Farbfoto mitten auf der Tafel lächelt Fahri herab. Unter dem Foto stehen die Jahreszahlen 1958 - 1995 ..." Spielt der 1996 im Original erschienene Roman also nur ein Jahr zuvor? Bezieht sich Ahmet Ümit eben nicht auf mehr als ein Jahrzehnt zurückliegende Ereignisse, sondern auf die umittelbare Gegenwart der Türkei? Interessant wäre das schon. Ebenso wie die Frage, wie genau ein Übersetzer eigentlich "sein Buch" kennen muss. Von Rezensenten gar nicht erst zu reden ...


Informationen:
Untaten & Orte: Wenn Menschen verschwinden. Michael Schweizer über den Roman "Nacht und Nebel" von Ahmet Ümit. In Komune 1/06, Seite 96. Inhaltsverzeichnis Kommune
Unionsverlag: Informationen, Links und Dokumente zum Buch
ARTE: Ahmet Ümit und der türkische Krimi
taz: Die Wiege der Kriminalliteratur: Ahmet Ümits herausragender Roman "Nacht und Nebel". Von Kolja Mensing
Deutschlandfunk: Reise zur menschlichen Seele Ahmed Ümits "Nacht und Nebel". Von Simone Hamm
oe1 inforadio Schweizer Unionsverlag mit türkischer Literatur. Von Kristina Pfoser (kann auch gehört werden)

Bibliografie:

uemit-nacht-und-nebel Ahmet Ümit:
Nacht und Nebel. Roman.
Unionsverlag. Die Türkische Bibliothek,
2005. 368 Seiten, Euro 19,90 .
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Joachim Feldmann
Redakteur und Mit-Herausgeber der Literaturzeitschrift "Am Erker", Münster. Von einem zeittypischen Szeneblatt im Fanzine-Layout hat sich "Am Erker" im Laufe des mehr als 25-jährigen Bestehens zu einem Magazin im Buchformat entwickelt, das inzwischen als ein wichtiges Forum für neue deutsche Erzählliteratur gilt. Folgerichtig gab es 1998 den Hermann-Hesse-Preis als beste deutschsprachige Literaturzeitschrift.
In seiner Krimikolumne "Mord und Totschlag" bespricht Joachim Feldmann regelmäßig Kriminalliteratur, man findet seine kenntnisreichen Beiträge zu Literatur und Kultur aber z.B. auch im "Freitag".
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