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Das Plakat



Die Kritik ist des Lobes voll über John Le Carrés neuen Roman "Absolute Friends" (dt. Absolute Freunde. List 2004), und sie hat natürlich recht, denn seit The Little Drummer Girl (Die Libelle) hat der Großmeister des Spionage-Epos kein Buch mehr vorgelegt, das es mit dieser Geschichte über den Kalten Krieg und seine schrecklichen Nachwehen an Spannung und Kunstfertigkeit aufnehmen könnte. Erst heute preist Gustav Seibt in der Literaturbeilage der Süddeutschen Zeitung, wie meisterhaft der Erzähler "die beiden Hauptfiguren zu Exponenten ihrer unterschiedlichen historischen Herkunftswelten ausgestaltet".

lecarre-absolutefreundeDoch gerade wenn Le Carré seine beiden Helden, der eine Sohn eines britischen Kolonialoffiziers, der andere Sprößling eines ostdeutschen Pfarrers, gegen Ende der sechziger Jahre im studentenbewegten Westberlin zusammentreffen lässt, dürften manchen Leser Zweifel am historischen Setting des Romans beschleichen. Der Weg ins Dachgeschoss eines abbruchreifen Kreuzberger Hauses, in dem die Begegnung stattfindet, wird wie eine kurze audio-visuelle Einführung in das Denken und Fühlen der revoltierenden Jugend gestaltet.
"It's close on midnight. At each floor a fresh tableau of liberation is revealed to him. On the first, students and babies lounge in a Sundayschool ring while a stern woman harangues them on the crippling effect of parents. On the second, a post-coital quiet reigns over bundles of intertwined bodies. Support the Neutron Bomb! A handmade poster urges them. Kills your mother in law! Doesn't harm your TV set!"

Die Neutronenbombe? fragt sich der einst friedensbewegte Leser. 1968? Und zunehmend scheint ihm, als ob Le Carré sich bei der Ortsbeschreibung um mindestens zehn Jahre vertan hat. Benutzten Dutschke und Co. wirklich Ausdrücke wie "Schweinesystem"? Und hätte sich ein Treffpunkt von APO-Aktivisten als "Friedenszentrum" bezeichnet?

Seltsam, dass einem mit der deutschen Nachkriegsgeschichte so vertrauten Autor wie John Le Carré derartige Patzer unterlaufen. Und noch seltsamer, dass dies bislang keinem seiner deutschen Rezensenten aufgefallen ist.

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Joachim Feldmann
Redakteur und Mit-Herausgeber der Literaturzeitschrift "Am Erker", Münster. Von einem zeittypischen Szeneblatt im Fanzine-Layout hat sich "Am Erker" im Laufe des mehr als 25-jährigen Bestehens zu einem Magazin im Buchformat entwickelt, das inzwischen als ein wichtiges Forum für neue deutsche Erzählliteratur gilt. Folgerichtig gab es 1998 den Hermann-Hesse-Preis als beste deutschsprachige Literaturzeitschrift.
In seiner Krimikolumne "Mord und Totschlag" bespricht Joachim Feldmann regelmäßig Kriminalliteratur, man findet seine kenntnisreichen Beiträge zu Literatur und Kultur aber z.B. auch im "Freitag".
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