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Über die Reihe M
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Die Autoren:
Hagen van Beeck (auf dem Foto links)können Sie treffen, wenn Sie in Lehrte am Bahnhof nach einem Taxi suchen, ...
G.-Roger Forster (auf dem Foto rechts) schreibt seit seiner Schulzeit vor allem Science-Fiction und phantastische Literatur. ...
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Carsten Preszburger verdient seine Brötchen durch Kunstdiebstähle in den Villen der Lehrter Neureichen. Bei einem Auftragsjob macht er eine furchtbare Entdeckung und bald wollen ihm alle ans Leder - von seiner Nachbarin, die sich als Zigarre rauchende Domina entpuppt, bis zur Mafia, die sich plötzlich für seine Geschäfte interessiert. Aber niemand bringt Carsten Preszburger so ins Schwitzen wie die Apollofrau.
In Erwartung einer Sternschnuppe schaute ich in den Himmel über dem Monte Hugo. Der Berg kauerte sich wie eine
graue Eminenz an die Südgrenze des eingezäunten Schachtgeländes und spendete den träge vor sich hin träumenden Gemäuern tagsüber ein wenig Schatten. Die Gebäude waren in besseren Zeiten errichtet worden, immer noch eins dran, drauf und daneben. Inzwischen war es ruhig geworden im Schacht. Das Gelände verdöste seine Tage wie eine alte Katze.
Ich hatte auch schon bessere Zeiten gesehen, sogar hier in Lehrte, der Zuckerstadt, deren Rübenkocherei sie gerade zugemacht hatten. In dieser Nacht kam ich mir genauso stillgelegt vor, aber ich war noch nicht ganz so fertig wie die Zuckerfabrik oder wie die schlecht rasierten Detektive in den guten Krimis. Die kriegen immer von einer geheimnisvollen, schönen Frau einen lukrativen Auftrag, an den kein anderer ran will. Sie schnallen sich dann den Revolver um, starten ihre verbeulte, stets voll aufgetankte Karre und lösen den Fall sowie die anfängliche Zurückhaltung der Auftraggeberin.
Noch war ich nicht ganz soweit, dass mir der Kühlschrank hämisch entgegen gähnte, und nur das obligate angebrochene Glas Oliven ganz hinten stand, Überbleibsel irgendeiner Feier, bei der man mit Freunden Cocktails getrunken hatte. Und die paar leeren Bierflaschen unter der Spüle brachten's auch noch nicht, der Sprit wäre zu teuer, sie zum Getränkemarkt zu fahren. Außerdem guckte der Kassierer dort immer so streng, wenn man nur Leergut hinbrachte und nicht mal einen Sixpack wieder mit hinaustrug.
Ich war kein Detektiv. Trotzdem näherte ich mich der Gemütslage, in der ich nur noch den Fernseher einschalten und dumpf gucken wollte, während ich auf ein Wunder hoffte. Hübsche Detektivfilme aus der Zeit des Schwarzweiß-Fernsehens - ich war ganz wild darauf. Damals wurden die mitternächtlichen Unterhaltungen auch nicht dauernd von beknackter Werbung unterbrochen, die einem eintrichtern will, was man sich alles noch kaufen soll. Wovon auch? Noch knapp zehn Tage, bis mir das Arbeitsamt eine Andeutung der Leistung aufs Konto schickte, für die ich zwei Jahrzehnte eingezahlt hatte. Zum Trost gab es zu jeder Tages- und Nachtzeit zuckersüße Fernsehfilme, in denen Leute rumliefen, die nie Geldsorgen hatten.
Diese schönen Trickfilme, in denen noch echte Mäuse vorkamen, und in denen am Schluss immer jemand in eine Tonne fiel, oder der große Kater von der kleinen Maus noch mächtig was aufs Fell kriegte, die kamen auch nicht mehr. Bald würde es auch keine Flipperautomaten mit richtigen Stahlkugeln mehr geben. Machten die alles elektronisch, und man musste sich durch hunderttausend Lehrgänge kämpfen oder ganz lange und hart trainieren, bevor wenigstens mal so ein bisschen zu bescheißen war. Spaß machte das alles nicht mehr.
Ich wühlte mich hinein in diese Sentimentalität, so richtig bis über beide Ellenbogen. Und als ich gerade meine ganz kurz runtergerauchte Zigarettenkippe über die Blumenkästen an der Balkonbrüstung schnipste, rief mich mein Auftraggeber an.
Der hatte noch Spaß, ich hörte Partygeräusche im Hintergrund. Er hatte auch einen ziemlich leichten Job für mich, den ich nicht sofort, sondern am Wochenende, genauer gesagt, am Freitagabend gegen elf durchführen sollte. Die Alarmanlage austricksen, rein gehen, möglichst nichts anfassen und ein Flötenglas mit diamantgraviertem Porträt des Prinzen Willem III. von Oranien unbeschadet rausbringen. Hoffentlich war es für die Hände eines Sammlers bestimmt, der es zu schätzen wusste. Für fünftausend Steine wollte ich notfalls gerne die eine oder andere Scheibe einschlagen, zugreifen und mich dann schleunigst wieder davon machen und mir bei der Gelegenheit auch ein paar Kleinigkeiten für den privaten Gebrauch, sozusagen aus Versehen, einstecken. Also warum nicht jetzt gleich das Flötenglas holen? Freitag war erst in zwei Tagen, die Besitzer des Glases verweilten im Urlaub und hatten sicher Spaß an einem exklusiven Badestrand.
Gegen zwei, drei Uhr morgens war es am ruhigsten. Bis dahin war noch genügend Zeit, mich umzuziehen, den guten Elektro-Pick und die weitere Ausrüstung zu überprüfen und sicher zu verstauen. Noch ein Blick in das Aktenköfferchen für das Diebesgut: Eine einfache Kamera, ein Walkman, ein Kamm mit fremden Haaren sowie einige Fotos. Gut. Ich ließ das Schloss des Koffers einschnappen, rauchte noch eine Selbstgedrehte auf dem Balkon und wartete auf die Sternschnuppe.
Der Monte Hugo hob sich schwarz und schweigend vom Nachthimmel ab. Auf dieser Abraumhalde der Kali und Salz war auch nicht mehr so recht was los. Nur vorne am Haupteingang guckte hin und wieder mal ein Wachmann aus dem Fenster. An der Halde lieferte ich für gewöhnlich meine Auftragsarbeiten ab; etwas weiter hinten natürlich, wo män gut etwas verstecken konnte. An gleicher Stelle lag immer die Anzahlung, der Rest dann ein paar Tage später nach Prüfung meiner Lieferung. Im Schatten der Halde hatten sie gerade damit begonnen, einen neuen Knast zu bauen. Für die weniger erfolgreichen Kollegen.
Ich warf eine letzte Kippe in die Nacht, verließ meine Wohnung und ging mit dem kleinen Köfferchen unter dem Arm, als käme ich gerade von der Nachtschicht und hätte nur mal eben vergessen, Zigaretten zu ziehen. Mein Auto parkte zwei Häuser weiter am Straßenrand. Morgen musste ich unbedingt die Blätter von Dach und Haube fegen, mal für ein paar Stunden irgendwo hinfahren und es auf einem anderen Parkplatz vor dem Haus abstellen.
Vor der Bank stand ein unabgeschlossenes Fahrrad, das mich geradezu aufforderte, es zu besteigen und mit ihm zu der Villa zu radeln. Mit dezentem Glücksgefühl in der Herzgegend kam ich der Aufforderung nach. Meine Gemütslage war schon nicht mehr ganz so desolat.
Doch als ich wenig später vor der Villa stand, hatte dort jemand die Alarmanlage bereits in den vorläufigen Ruhestand versetzt. Ich erwog kurz, die Sache abzublasen und mich taktisch abzusetzen. Immerhin bestand die Möglichkeit, dass sich in Kürze die uniformierten Freunde einfanden.
In angemessener Entfernung wartete ich eine Zigarettenlänge lang, ungefähr die Zeit, die die Brüder brauchten, um vom Auto aus ihr "Wir sind am Objekt" abzulassen, die Mützen gerade zu rücken und dann mit gewichtigem Gesichtsausdruck und einem Gang wie Rambo ohne Stirnband den illuminierten Weg von dem schmiedeeisernen Tor zur Villa entlang zu schreiten.
Ich versenkte die Kippe im Gully. Nichts rührte sich. Offenbar war keine uniformierte Überraschung zu erwarten, und ich beschloss weiter zu machen. Nicht aus purer Verzweiflung, sozusagen desperadomäßig, sondern weil ich ein unbestimmtes, gutes Gefühl im Bauch hatte. Es stand ja schon alles offen in der Villa, fast wie ein Scheunentor in Erwartung des Erntewagens, nur dass niemand in der Scheune stand um abzuladen.
War ziemlich prächtig, die Villa. Ich warf den einen oder anderen Orientierungsblick um mich. Der Besitzer machte angeblich irgendwas mit Baumärkten. Wirkte auf mich so, als hätte er beim Einrichten den Innenarchitekten mehrfach gewechselt. Trotzdem war alles in der Art Hotelstil eingerichtet, den schlichte Gemüter für geschmackvoll halten. Das Flötenglas mit dem diamantgraviertem Porträt des Prinzen Willem III. von Oranien in der Vitrine war auch nur ein Falsifikat. Aber einen Fernseher mit einem Bildschirm, groß wie ein Snookertisch. "Lebensstildilettanten" hatte mein Opa diese Art Neureichen immer genannt.
Sowas wie Imitate in die Vitrine stellen, das machen diese Brüder öfter. Das Original haben sie dann irgendwo im Tresor oder beim Pfandleiher. Hier war es sogar offensichtlich, dass keine Diamantgravur vorlag. Einer, der sonst mit der Basisausstattung "Für den kleinen Hobbygraveur" von Kneipe zu Kneipe zog und die Namen der Stammgäste in die Werbegeschenkgläser der örtlichen Brauerei fräste, hatte sich mal zwischen zwei Kneipenbesuchen ein halbes Stündchen Zeit genommen und eine kleine Glasvase massiv vergewaltigt. Nun könnte ein unbedarfter Partygast, der etwas Stil hatte und zumindest eine Benin-Bronze von einem Schirmständer zu unterscheiden vermochte, nach mehreren Cocktails den Eindruck gewinnen, hier stünde ein echtes Exponat.
Im Moment gab mir mehr zu grübeln, dass hier bis vor kurzem wirklich noch eine Party stattgefunden hatte. Kennen wir alle, wie das aussieht, wenn eine Party gestorben ist, alles liegt rum und hinterlässt einen schlechten Gesamteindruck.
Wenigstens hatten sie ganz anständige Zigarren rumstehen. Nicht direkt auf dem Tisch, sondern etwas verborgen und gut klimatisiert. Da konnte ich mir einen Rollgriff nicht verkneifen. Erstmal eine andampfen beim Grübeln, wo denn jetzt das Original des Flötenglases verwahrt sein könnte.
Recht bequem, der Sessel, und die Hausbar war auch gut bestückt. Aber Gläser und Flaschen anfassen, wenn man nicht direkt eingeladen ist - das ist so eine Sache, trotz Handschuhe.
Sogar einen Swimmingpool hatten sie draußen hinter einer Milchglastür zum Auf- und Zuschieben. Die Glastür war halb offen, und das leicht rosa schimmernde Wasser ruhte mit friedlicher Oberfläche wie frisch gebügelt.
Normalerweise ist das Wasser in Familie Neureichs Pool nicht rosa. Vielleicht etwas bläulich, oder wenn die Dame des Hauses einen verstohlenen Hang zu Irma La Douce hat, ein wenig grünlich. Aber rosa?
Ich nahm noch einen kräftigen Lungenzug, spülte die
Mundseite in einem herumstehenden Longdrink und ließ die
Zigarre in die vergewaltigte Glasvase fallen. Vielleicht war der
Pool auch lange nicht mehr gereinigt worden und irgendeine seltsame Wasserpflanze hatte eine exotische Algenblüte getrieben.
Doch beim Näherkommen sah mir das, was da auf der Wasseroberfläche trieb, nicht gerade nach Algen aus. Im Pool lagen sechs Tote, zwei davon mit dem Gesicht nach oben. Sie hatten die Augen offen. Alle waren nackt und hatten ein Einschussloch genau in der Herzgegend. Bei denen, die mit dem Gesicht nach unten lagen, zog sich ein dünner roter Blutfaden in die Tiefe und breitete sich am Grund des Pools aus.
Niemanden wird es wundern, dass ich heftig würgte und mich fast übergeben hätte, zumal sich neben dem Pool auch noch der eine oder andere Blutfleck befand. Ich wäre fast in einen reingetreten. Das hätte noch gefehlt, ausgerechnet hier, wo mein Erscheinen in dieser Form sicherlich nicht besonders gern gesehen war.
Mit weichen Knien setzte ich mich auf das Bänkchen neben den Garderobenhaken, an denen Klamotten hingen, als hätten sich die Leute erst hier ausgezogen, um dann im Pool ein erfrischendes Bad zu nehmen. Sofort fuhr ich wieder auf, weil ich unter mir einen harten, unverwechselbaren Gegenstand spürte. Fast hätte ich auf einer Pistole Platz genommen. Und, verdammt, jetzt hatte ich womöglich noch die Mordwaffe angefasst.
L. A. R. Grizzly Mark IV, eine SA-Selbstladepistole mit verriegeltem Rückstoßlader und Laufwarzenverschluss. Schnell an was anderes denken, wenn einem schlecht wird - Kaliber .44 Magnum mit sechsschüssigem Magazin und Balkenkorn sowie Mikrometer-Visier. Es ging schon besser. Die Grizzly einstecken und raus hier, weg vom Tatort, das Ding irgendwo loswerden, schnell.
Allerdings ... eine Grizzly kostete eine Kleinigkeit, fast zweitausend Steine auf dem Schwarzmarkt. Aber erst mal weg hier, solange mich keiner bei den frischen Leichen gesehen hat ... Verdammt, da hing eine Kamera. Bei der sogar noch rotes Licht an war.
Irgendwo musste ein Recorder stehen, der das hier alles aufgezeichnet hatte, einschließlich meines Erscheinens. Von der totalen Übelkeit zur absoluten Panik war es nur ein kleiner Schritt. Wo zur Hölle war der Recorder?
Augen schließen, tief durchatmen, da war doch ein Geräusch, ein Röcheln, ein unterdrücktes Stöhnen. Aber es kam nicht aus dem Pool. Die Wasseroberfläche könnte nicht so spiegelglatt sein, wenn auch nur in einem die Andeutung eines Fünkchens von Leben gewesen wäre.
Die Kabel der Kamera führten in die Wand zum Wohnzimmer mit Hausbar, an der ich jetzt liebend gerne komplikationsfrei den einen oder anderen Drink genommen hätte. Hinter der Tür neben dem Flaschenschrank fand ich tatsächlich drei Monitore, drei Aufzeichnungsgeräte und Platz für weitere Überwachungseinrichtungen. War anscheinend noch nicht ganz fertig, die Anlage. Der Recorder unter dem Monitor mit dem Pool darauf summte noch und schaltete sich in dem Moment aus, als ich einen Blick auf den Bildschirm warf. Offenbar waren die Kameras mit Bewegungsmeldern gekoppelt.
Der Pool und die sechs nackten Toten darin wirkten von hier aus gesehen nicht annähernd so grauenhaft. Es hätte auch ein Fernsehkrimi sein können, Samstagabend, mit Bier und Chips, zwischendurch mal eine Werbepause, die man nutzt, um ein frisches, kühles Bier aus dem Kühlschrank zu holen.
Der Monitor des Pools sprang an. Mir zogen sich sofort wieder die Eingeweide zusammen. Gebannter Blick auf die Mattscheibe. Aus der Tür an der gegenüberliegenden Poolseite kam einer. Ich hätte erst mal alles gründlich durchsuchen müssen, bevor ich hier an einem Tatort herumlief und mir sogar eine kleine Übelkeitsattacke gestattete.
Der Kerl am Pool kam keineswegs aufrecht durch die Tür, er kroch und war gefesselt, die Hände auf dem nackten Rücken, die Füße zusammen. Er war nur mit einer Unterhose bekleidet. Recht attraktiver Körperbau. Geknebelt war er auch, mit Isolierband, und noch ein Streifen über den Augen. War so richtig was für 'n S/M-Streifen. Wenn ich mir so vorstellte, wie sich seine Situation für gewisse Bedürfnisse ausnützen ließe ... Aber situationsbedingt war mir nicht unbedingt danach.
So wie sich der Bursche benahm, war er ohnehin entweder blöde oder total besoffen. Er bewegte sich in seinem gefesselten Zustand raupengleich genau auf den Pool zu. Reinfallen und ertrinken war der nächste Akt dieses Dramas. Aber zugucken wie einer ertrinkt konnte ich mir nicht auch noch antun. Wenigstens einmal im Leben etwas Gutes tun. Zudem war ich wieder soweit stabilisiert, dass ich den Leichen in die toten Augen blicken konnte.
Stopptaste und erst mal die Kassetten raus, die anderen auch gleich, sicherheitshalber, vielleicht war ich irgendwie auch drauf - dann hin zum Pool und erst mal dem Mann das Isolierband von Mund und Augen.
"Mensch, meine Augenbrauen", stöhnte er, atmete eine ganze Weile tief durch und wollte dann ausgerechnet von mir wissen, was denn hier los sei. Gleichzeitig streckte er mir seine verschnürten Hände entgegen und bat mit einem stummen Blick, dass ich ihm die Fesseln abnehmen möge.
Das tat ich auch noch. Er reckte sich, sah die Toten im
Wasser treiben, erstarrte und übergab sich auf die Fliesen am
Beckenrand.
"Also, was war hier los?", fragte ich, nachdem er sich wieder etwas erholt hatte. Ich spielte demonstrativ mit der
Pistole. Eigentlich hätte ich längst weg sein müssen.
"Piontek. Ich bin hier der Housesitter", krächzte er und
fuchtelte dabei mit beiden Händen in der Luft, "ich hab mit dem allen hier nichts zu tun!"
So wie er aussah, hatte er das bestimmt nicht. Eine Fahne
hatte er, als sei er soeben aus einem Whiskyfass aufgetaucht.
Dafür sprach er erstaunlich klar, von einem näselnd tuntigen Akzent einmal abgesehen. Von der Statur her nur auf den ersten Blick ein Hingucker, eben doch einige Pölsterchen, von der Physiognomie her ein etwas schlichtes Gemüt. Aber das versuchte er durch eine hippe Frisur mit Blondierung sowie einem modischen, goldenen Ohrring zu kompensieren.
Kannte ich von früher, als ich noch in der Fabrik gearbeitet hatte. Da gab's 'ne Menge vom Typus dieser Art, die blieben an der Maschine stehen, wenn sie was fertig hatten und fragten: "Meister, was soll ich jetzt machen?" Immer schön pünktlich Feierabend, schön in der Gewerkschaft, und wenn was schief ging, schön laut: "Damit hab ich nichts zu tun!" Hin und wieder mal am Wochenende Überstunden, damit der Chef ihnen wohlgesonnen war, bevor sie in irgendwelche Trendkneipen abtauchten. Nebenjob, damit sie im Urlaub mit kostenintensiven Drinks und Vergnügungen Eindruck machen konnten. Wenn man solch einem Menschen richtig klar macht, dass man was zu sagen hat, dann springt er für einen sogar im Winter von der Brücke.
"Tatsächlich? Sie tauchen also nur ganz zufällig gefesselt
hier am Tatort auf?"
"Klar. Sind Sie von der Polizei?"
"So ähnlich. Agentur Siebreck", sagte ich ihm ins leicht gerötete Gesicht, "wir überprüfen Housesitter. Kommt hin und wieder mal vor, dass die selber was klauen, einen Einbruch fingieren oder Brände legen." Ich zog die Mundwinkel zurück, hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. Einen kleinen Moment sollte ich doch noch bleiben, vielleicht stand das originale Flötenglas mit dem diamantgravierten Porträt des Prinzen Willem III. von Oranien doch irgendwo leicht greifbar herum, und dieser Piontek verriet es mir in seiner Naivität.
Er indes krümmte sich zusammen, als hätte ihn das
Räumschild einer Planierraupe in voller Breitseite getroffen.
"Tja, und Sie hier am Tatort ... ganz alleine", setzte ich noch einen drauf.
"Nein", kreischte er, "ich war es ganz bestimmt nicht! Die haben mir ja eine ganze Flasche Whisky eingeflößt und mich gefesselt. Das kann nur Georg gewesen sein."
"Georg?"
"Ein Freund von mir. Dachte ich zumindest. Kann ich vielleicht ein Glas Wasser haben?"
"Gleich. Ich verstehe nicht ganz. Was ist mit diesem Georg?"
"Na ja", sagte er, "Georg besucht mich hin und wieder, wenn die Grönefelds nicht da sind. Meist quatschen wir nur so oder sehen fern, und manchmal baden wir auch im Pool und albern rum. Nackt eben und so." Er schaute kurz zu mir hoch, ich blickte ihm direkt in die Augen. Hastig redete er weiter: "Ab und zu haben wir auch mal einen aus der Haus-bar getrunken. Einen ganz kleinen, ehrlich ... die Grönefelds haben nie was gemerkt, ich bin ja auch nicht blöde, die holen mich ja sonst nie wieder."
"Und was ist heute hier passiert?"
"Na ja, Grönefelds sind doch noch bis übermorgen im Urlaub. Ihr Flieger landet erst Freitagabend in Langenhagen. Da hab ich Georg wieder mal eingeladen. Ich hab die Alarmanlage ausgeschaltet und ihn rein gelassen. Ich dachte, wir sehen zusammen fern. Grönefelds haben einen Großbildfernseher mit Dolby-Surround ..."
"Hab ich schon gesehen."
"Ich dachte, es wird wieder so gemütlich wie sonst. Nur Georg und ich. Aber diesmal hat Georg noch ein paar Freunde mitgebracht. ... mein Gott, jetzt werden Sie ja den Grönefelds Meldung machen. Ich bin erledigt!"
"Hängt davon ab, ob Sie mir die Wahrheit sagen. Was war
jetzt mit den Leuten, die Georg mitgebracht hat?"
"Zwei haben mich festgehalten, einer hat mir den Whisky reingeschüttet, und dann haben die mich gefesselt. Ich konnte ja nicht mehr stehen ... Dann habe ich gar nichts mehr mitgekriegt. Ich glaube, die sind noch in den Schießkeller runter."
"Wie, Schießkeller?"
"Die Grönefelds haben einen Schießkeller unten. Sind
doch beide im Schießsportverein. Vergangenes Jahr war Herr
Grönefeld Landesmeister im ..."
Meine Aufmerksamkeit schweifte ab. Mir fiel erst jetzt auf,
dass nirgends eine Patronenhülse herumlag.
Irgendetwas passte hier nicht zusammen: Die Blutflecken nicht beseitigt, die Mordwaffe zurückgelassen - wenn denn die Pistole, die ich in der Hand hielt, wirklich die Mordwaffe war - und an den Gläsern und Flaschen nebenan waren mit Sicherheit massenhaft Fingerspuren. Und da sollte der Mörder die Hülsen mitgenommen haben? Oder waren die Hülsen im Wasser?
Unten am Boden des Pools hatte sich eine feine Lage Blut gebildet, fast so wie bei einem Pousse Café, bei dem man sich langsam und genussvoll schichtweise von oben nach unten vorarbeitet, es sei denn, man ist ein Prolet und rührt um. Tatsächlich schimmerten dort unten ein paar kleine Teilchen, die Patronenhülsen sein könnten. Und etwas Längliches sah ich auch - sah aus wie ein Kugelschreiber.
Die Pistole mußte demnach im Pool abgefeuert worden sein. Ein-, zweimal hätte das wohl funktioniert, aber sechsmal? Wenn einer im Pool herumschießt, dann geht ein normaler Mensch in Deckung oder haut ab ...
"Georg! Das ist Georg!" Der Housesitter schrie auf, mitten in seiner Lobhudelei auf die Grönefelds und mitten in meinem Denkprozess. "Mein Gott!" Er deutete auf einen der Toten, der mit dem Gesicht nach oben an der Wasseroberfläche trieb. "Was soll ich denn jetzt machen?"
"Vielleicht erst mal aufräumen, sauber machen, die Leichen verschwinden lassen, das Wasser wechseln ... "
"Aaaah! Grönefelds kommen übermorgen abend wieder!"
Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar "Das schaffe ich nicht. Und wie soll ich denn die Leichen verschwinden lassen? Wohin denn?"
"Na gut, dann eben Polizei rufen, hilft ja nichts. Aber warten Sie noch einen Moment, bis ich draußen bin. Und wehe, Sie erzählen irgendjemandem, dass ich hier war. Reicht schon, dass Sie in die Sache verwickelt sind." Wurde sowieso Zeit zu verschwinden. "Am besten erwähnen Sie auch nicht, dass Sie diesen Georg gekannt haben."
"Nein, nein, das tue ich bestimmt nicht. Aber was soll ich denen denn erzählen?"
"Tja, als ordentlicher Housesitter macht man doch hin und wieder seine Runden. Dabei sind Sie niedergeschlagen und gefesselt worden. Den Rest, wie Sie ihn mir geschildert haben. Leuchtet ja ein, dass Sie eine Weile gebraucht haben, um sich zu befreien. - Haben die hier denn noch irgendwas Wertvolles? Ich meine, wenn was fehlen würde, das gäbe dann ein gutes Motiv für einen Einbruch. Vielleicht haben sich die Einbrecher ja gegenseitig umgelegt und einer ist mit der Beute entkommen."
"In der Glasvitrine im Salon." Seine Haare waren bald
vollends zerrauft.
"Ich meine echte Kunstwerke."
"Herr Grönefeld hat gesagt, das Glas da drin sei ein
Vermögen wert."
"Schon möglich - wenn es echt wäre."
"Das soll eine Fälschung sein?"
"Ja. Sieht doch jeder Laie. Grönefeld hat entweder selber keine Ahnung, oder ... hey, hey, was ist denn los?"
Pionteks Frisur war mittlerweile völlig dahin. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Die Tragweite der Situation schien sich gerade so richtig in sein Bewusstsein zu fressen. Arme Seele. Erst mal nach nebenan mit ihm und ein Glas Wasser. Jetzt war der geeignete Zeitpunkt, ihn die Polizei rufen zu lassen. Ein Arzt würde locker feststellen, dass dieser Mann nicht schauspielerte. Doch bis dahin wollte ich, möglichst weit von diesem Schauplatz entfernt, einen Beruhigungsdrink zu mir nehmen.
Ich brachte ihm sogar das Telefon. Davor hatte ich mich davon überzeugt, dass es durch mein Taschenmesser auch korrekt kurzgeschlossen war. Während der Housesitter verzweifelt versuchte, eine Verbindung zu kriegen, ging ich noch einmal zurück zu den Klamotten am Pool. Eine Garnitur hing ordentlich über dem Bügel, die anderen mehr oder weniger unordentlich auf Haken oder lagen am Boden. Ich nahm alle Portemonnaies, Brieftaschen und Schlüssel an mich - einer hatte sogar einen Jaguar-Anhänger und die dazugehörenden Schlüssel dabei sowie die Fernbedienung für ein Garagentor. Die Uhren ließ ich liegen, alles Quartz- und Billigmodelle, die eh nichts einbrachten.
Nicht, dass ich unbedingt Leichen fleddern wollte, aber mein Opa hatte immer gesagt: "Du musst die Kräfte des Feindes da binden, wo sie dir nicht gefährlich werden können." Ich wollte verhindern, dass die uniformierten Freunde hier durch irgendetwas Dummes auf mich als Tatverdächtigen kamen. Sollten sie sich erstmal ausgiebig mit der Identifizierung der Toten im Pool beschäftigen. Außerdem war nicht auszuschließen, dass da noch Bares in den Portemonnaies steckte. Den Toten nützte das jetzt sowieso nichts mehr.
Ich hätte gerne noch die Schießsportanlage im Keller besichtigt und mich mit etwas Munition für die Grizzly eingedeckt. Doch sagte mir mein Gefühl, dass es an der Zeit war, vom Tatort zu verschwinden.
Ich warf einen letzten Blick auf den Pool. Einer der Toten hatte die Uhr noch am Handgelenk. Ich kniete mich an den Beckenrand und identifizierte das unter Wasser liegende, silberne Schmuckstück als eine Breitling. Doch meine Bemühungen, an den im Wasser Treibenden heran zu kommen, blieben erfolglos. Ich sah mich nach einem geeigneten Hilfsmittel um und entdeckte es nebenan bei der elektrischen Kaminimitation. Als dekoratives, aber überflüssiges Beiwerk baumelte dort eine Feuerharke, die ich sogleich als Enterhaken einsetzte, mit dem ich mühelos den Breitlingträger zum Rand heranzog. Ich hatte das edle Stück fast ab, da stellte ich fest, dass der Sekundenzeiger nicht stoßweise, sondern kontinuierlich um das Zifferblatt kreiste. Unter dem Glas des angeblich wasserdichten Modells hatte sich zudem bereits Feuchtigkeit angesammelt. Da wäre ich doch fast auf eine Fälschung hereingefallen.
Ein Jaguar stand auch nicht in der Nähe, als ich die Villa verließ. Ich durchsuchte die ganze Umgebung. Die Zeit nahm ich mir, bevor ich den Heimweg antrat, um die Überwachungsvideos zu gucken.
Apollofrau
Leipzig: Militzke
Reihe M
(Herausgegeben von Lisa Kuppler)
ISBN 3-86189-500-5
7,90 Euro . 224 S.
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